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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 435 - 436

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-07-01
Page
Seite 435 - 436 (sequence 3)
Language
German
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435 B. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 436 Delinquenten einer, neuen Untersuchung, wobei er den Nachdruck darauf legte, dass Fromms Angabe, er hätte die Hostie verschluckt, unwahrscheinlich sei. Indessen brachte er aus ihm nichts anderes heraus, als eine sehr genaue und detaillierte Beschreibung des Herganges der Missetat. Da nun dieses Geständn:s dem Inquirenten ungenügend schien, war er nach damaligem Recht befugt, die Folter anzuwenden. Und unter der Folter gestand denn auch Paul Fromm, dass er nur die eine Hostie verzehrt, die andere aber um neun märkische Groschen und neun Berlinische Pfennige an den Juden Salomon zu Spandau am Tage nach dem Einbruch verkauft und das Geld ausgegeben habe. Nun war man auf der richtigen Fährte. Doch jetzt hatte der Kurfürst ein Wort mitzureden. Juden durften nicht vor das geistliche Gericht gezogen werden. Der Kurfürst schützte die Juden, denn er zog von ihnen enorme Einkünfte. Ein Prozess, der mit Verbrennung und Vertreibung der Juden enden konnte, bedeutete eine gewaltige Schädigung des fürstlichen Schatzes. Joachim I. kämpfte also einen schweren Kampf. Er hatte erst vor einem Jahre einer ganzen Anzahl Juden nebst Weibern und Kindern, Schächtern und Gesinde — natürlich gegen einen hübschen Haufen Geld — in mehreren märkischen Städten Aufnahme für drei Jahre gewährt, und ihnen sogar eingeräumt: ,,das Sy einen Raby die benannte Zeith über haben mögen. Derselbe sol Macht haben über Sy nach jüdischer Gewohnheit". Und nun sollte er aller dieser erhofften Einkünfte verlustig gehen. Doch am Ende siegte im Herzen des Fürsten die „cristliche lieb", wie ■' ein zeitgenössischer Chronist sich ausdrückt, über die finanziellen Bedenken. Er befahl, den Fromm aus Bernau und den Salomo aus MAX LEVI. Bettlerin. FRIEDENAU. Spandau nach Berlin zu bringen, um sie dort richten zu lassen. Er entzog, wozu ihm das Recht zustand, die Sache dem ordentlichen Richter. f Salomo bekannte unter der Folter gänz genau dasselbe, was Fromm angegeben hatte. Er beschrieb auch genau, wie er mit der Hostie verfahren war. Er hatte sie auf einen rauhen, kunstlos zusammengezimmerten Tisch gelegt, und sie mit Messern gehauen und gestochen, sie mit lästerlichen und bösen Worten beflucht, geschmäht und besprochen. Trotz vieler Bemühungen habe er jedoch die heilige Oblate (ein dünnes feines Plättchen aus Weizenmehl, von der Grösse eines Talers) nicht nach seinem Gefallen zerbrechen können, beim letzten Stück sei sie aber in drei Teile auseinander gesprungen (so zerlegt sie nämlich der Geistliche bei der heiligen Kommunion) worüber er sehr erschrocken und bekümmert worden sei, dann habe er sich alle Mühe gegeben, einen der drei Teile zu verschlucken; allein, das war vergeblich. Darauf habe er jedes der beiden anderen Teile in je einBlechbüchschen von Daumenslänge getan, in einen sämischen Lederbeutel gesteckt, mit seinem Petschaft versiegelt, und den einen Beutel an den Juden Jakob und dessen Sohn Smoll (Samuel) nach Brandenburg, den andern aber durch Salomo Heller an den Juden Markus nach Stendal gesendet, die ihrerseits auch nur darauf warteten, den Leib Christi in Gestalt einer geweihten Hostie zu martern und zu schänden. Ein zeitgenössischer Dichter schildert das mit folgenden poetischen Worten: „Der Jüde nam das heilige Sakrament, und warff es da auff den Tisch, nu will ich von dir wissen, ob du der wäre Gott bist, die Jüden all zumale trieben iren Spott, er sprach thu mir hier ein Zeichen bistu Teuffei oder Gott. Sie haben das angespeiet, bespottet mit grossem Geschrey, da teet sich das heilige Sakrament an dreyen Stücken selbst entzwey." Es waren vorläufig nur wenige Juden in die Angelegenheit verwickelt; allein, wie sollte man annehmen, dass die übrigen sich eine solche prächtige Gelegenheit entgehen Hessen, ihre Wut an dem heiligen Brot, welches den Leib des Herrn darstellt, zu weiden? Dalier erliess der Kurfürst den Befehl, dass sämtliche Juden in seinen Landen und Städten verhaftet und bis zur Ermittlung der Schuldigen im Gefängnis verwahrt werden sollten. j^J Dass die Geistlichkeit sich an der ganzen Sache eifrig beteiligte, wird man sich nicht wundern. Geistlicho Personen nahmen auch, offenbar als Vertreter des Bischofs, an der Untersuchung teil. Die Ritterschaft, die ein grosses Interesse hatte, die Juden, bei denen sie verschuldet war, aus dem Lande geschafft zu sehen, um mit einem Federstrich aller ihrer Schulden los zu sein, beteiligten sich sehr eifrig an der Verfolgung der ruchlosen jüdischen Religionsschänder. Indessen Hessen viele städtische Behörden die Juden heimlich flüchten. Inzwischen wurde Salomo weiter verhört und bekannte, dass er nicht gewusst habe, was mit dem dritten, bei ihm verbliebenen Hostienstück anzufangen, da er gefürchtet habe, es werde im Wasser nicht

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