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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 391 - 392

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1910-06-01
Page
Seite 391 - 392 (sequence 2)
Language
German
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Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 39a hingestreckt in grüner Ebene. Das ist von zauberischem Reiz. Noch eine Anstrengung, und wir sind in der Ebene. Ich sehe auch schon, dass eine Menge zerlumpter Juden auf uns zukommt. Durch lebhafte Bewegungen, durch schreiende Gutturaltöne drücken sie ihre Freude aus. Man will mir Hände und Füsse küssen. Die Rabbiner, die Notablen sind da, alle gleichmässig gekleidet. Ich steige vom Pferd und setze mich mit ihnen an einer Baumgruppe bei einem kleinen Kanal nieder. Ich beobachte ihr Entzücken; ich selbst aber bin traurig; sie so furchtbar hergerichtet zu sehen: den Kopf geschoren, die zwei Haarlocken wehmütig an den Wangen herabhängend. — Nach einigen Augenblicken der Ruhe brechen wir auf. — Die Juden von Sanaa verstehen nicht zu reiten, weder zu Pferd noch zu Esel, sie fahren nicht einmal im Wagen. Für mich wird ein Wagen herangebracht, eine alte Karrete aus dem vorigen Jahrhundert. Ich will lieber mit der ganzen Gesellschaft zu Fuss gehen; aber man zwingt mich einzusteigen, und die jungen Leute alle, die den Wagen umdrängen, bilden ein phantastisches und geräuschvolles Geleit. Je weiter wir vorrücken, desto grösser wird die Zahl unserer Brüder, und bald ist die ganze Gemeinde mir zur Seite. Durch das Judentor — Bab el Jeud -— ziehen wir in die Stadt ein. Das Jndenviertel kommt zuerst: eine Strasse von aussergewöhnlicher Breite; zu beiden Seiten Lehmhäuser mit einer unendlichen Menge winziger Fenster. An den Türen, an den kleinen Kenstern sind Gruppen von Frauen in blauen Hemden aus grober Leinewand, auf dem von einer schwarzen Kappe eingeschnürten Kopf ein kariertes Tuch. Mit erschrockener Neugierde blicken sie auf den Zug. Wir biegen in eine kleine, schmutzige, übelriechende Strasse ein, wo räudige Hunde herumlungern. Bald sind wir vor dem für mich bestimmten Haus. Das Aeussere ist recht schäbig. Die Lehmwände ohne Bewurf zeigen starke Risse. Wir gelangen durch eine sehr niedrige Tür in einen dunklen Gang über einige Stufen in einen Hof, dessen Mauern glänzend weiss gegipst sind. Das Pflaster besteht aus schwarzen Steinen und ist blitzsauber. Das macht einen schlichten, frischen, fröhlichen Eindruck. Ich trete in mein Zimmer, einen grossen, weissen Raum mit Teppichen belegt, mit Matratzen längs der Wände. Kein Stuhl. Ohne dass ich Zeit habe, mich umzukleiden, empfange ich die Mitglieder der Gemeinde. Alle sind erfreut, den Vertreter der Alliance, den Abgesandten Sr. Eminenz des Chacham Baschi Nahum zu sehen, und alle sprechen mir beim Willkommgruss die Hoffnung aus, dass ich ihre Lage verbessern werde, dass eine neue Zeit für sie beginnen wird. Alle wiederholeu die nämlichen Worte: „Wir wissen nichts, wir kennen nichts, wir sind wie die Wilden, wir wollen Menschen werden. Wir haben so viel geschrieben, gebeten, geweint — man hat bis heute unsere Stimme nicht gehört; endlich wird Gott mit uns Mitleid haben!" Doch nein! Trotz ihres Elends, ihres kläglichen Aussehens kann ich nicht finden, dass die Leute wie die Wilden sind. Im Gegenteil! Sie machen bei der Unterhaltung einen ausgezeichneten Eindruck. Sie sind klug und sprechen mit wahrer Menschen- und Sachkenntnis. Sie sind nicht entartet. Da sie den Lebensunterhalt ziemlich leicht gewinnen, haben sie Zeit, sich geistigen Bestrebungen zu widmen. Ein grosser Teil ihrer Tage und Abende ist dem Gebet, frommer Lektüre, philosophischen und moralischen Betrachtungen gewidmet", und aus ihren Augen strahlt das Licht des Wissens. Indem ich mit ihnen rede, sehe ich nicht mehr ihr wunderliches Aeussere, ihren jämmerlichen Zustand; ich spüre die Lebhaftigkeit einer Intelligenz, die durch zehn Jahrhunderte mangelnden Unterrichts und der Unterdrückung sich erhalten hat. Was ihnen fehlt, ist Ordnung, Methode, Selbstvertrauen. Unter dem arabischen Druck ducken sie sich, verkriechen sich in den Staub. Sie scheinen verächtlich, weil sie vergeh et werden. Sie bedürfen einer Schule, um zu den Wirklichkeiten des modernen Lebens geleitet zu werden. Ihre Kinder müssen praktische Kenntnisse erlangen, die ihnen die Besserung ihrer materiellen Lage ermöglichen. Dank der Eisenbahn, deren Bau in naher Zeit beginnen soll, wird das Land von dem Strom der Zivilisation bespült werden. Dann müssen unsere Glaubensgenossen in der Lage sein, den kommenden Fortschritt für sich zu nutzen. Sie haben vor allem eine Schule nötig, die durch modernen Unterricht, durch Gewöhnungan Sauberkeit und Ordnung sie in den Augen ihrer Mitbürger hebt. Sie bedürfen namentlich eines Mannes, der seine Stimme zu ihren Gunsten erhebt, wenn sie in ihren überall gekürzten Interessen geschädigt werden. Die Ortsbehörden sind voller Wohlwollen für sie, aber sie wagen niemals, sich zu beklagen oder etwas zu fordern. Sanaa, 2. März 1910. Ich bin jetzt über eine Woche hier. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit, unsre Glaubensgenossen in allen ihren Lebensbeziehungen zu beobachten. Der erste Eindruck ist unverändert geblieben. Der Jude hier ist recht unglücklich. Er besitzt Intelligenz, hat hebräisches Wissen, aber er weiss nichts vom Leben der Zivilisierten, vom modernen Fortschritt, hat keine Selbstachtung und keine Eigenliebe. Wird er beleidigt, so stellt er sich, als verstände er nicht. Ein arabisches Kind wirft Steine gegen ihn, und er flieht eilend davon. Er müht sich um kümmerlichen Lebensunterhalt: Gerstenbrot und scharfe Sauce (halbe); er spricht lange Gebete und trinkt alltäglich Branntwein (araki). — Die Kinder sind hübsch und sanft, lernen und fassen schnell, worin man sie unterweist. Sobald der Unterrichtsleiter (Mudir maaref) von meiner Ankunft hier erfahren hatte, beeilte er sich, eine Schule im jüdischen Viertel zu eröffnen. Zwei Rabbiner, von denen einer Arabisch versteht, ein Lehrer des Türkischen, der dreimal wöchentlich kommt, erteilen den Unterricht. Das kostet 100 Frc. monatlich, und der Maaref trägt alle Ausgaben. Man nennt das eine Schule, weil Türkisch gelehrt wird; sonst ist kein Unterschied gegenüber einer Talmud tora. Fünfzig Kinder sind in einem Raum zusammengedrängt. Sie sitzen nebeneinander auf der Erde, kein Zoll Platz ist ungenützt, man kann sich nicht rühren Alle Kinder sind im ungefähren Alter von 10 bis 13 Jahren. Ihre Kenntnisse im Hebräischen sind gleichmässig, sie fangen gleichzeitig das Arabische und Türkische an. Sie schreien aus vollem Halse. Es ist zum Tollwerden. Ich habe sie bitten müssen, zu schweigen, damit ich bei ihnen aushalten könne. Damit wird man die Gemeinde nicht umgestalten, diese Schule wird keine modernen Menschen erziehen. Eine ordentliche Schule tut not, und das sofort. Die Gemeinde hat sehr abgenommen. Während der jüngsten Belagerung sind hunderte von Häusern eingestürzt, und die bewohnten haben kaum den dritten Teil der früheren Bevölkerung. Ich habe die ganze Woche hindurch an einer Zählung unserer Glaubensgenossen gearbeitet. Wir haben im ganzen 2700 Seelen — Männer,. Frauen und Kinder. Die Rabbiner und Notablen wollten ihren Augen nicht trauen. Was! So wenig! Wir waren über 10000, sagten sie mir bei meiner Ankunft, und sind jetzt nur noch 5000. — Nein, ihrer sind 2700, und ich glaube nicht, dass wir mehr als 100 Personen haben übersehen können. Doch die übrig gebliebenen sind erlesene Leute. Alle Schwächlichen und Kranken sind zugrunde gegangen. Jetzt weiss ich, weshalb ich nur grosse und starke Männer treffe, und Frauen majestäischen Wuchses, die den Kopf hoch trafen. Diese Rasse wird sich schnell vermehren. Bei Eröffnung einer Knabenschule werden wir über 300 Zöglinge von 5 bis 14 Jahren haben. Die Gemeinde wünscht glühend diese Schule. Sie ist geneigt, uns einen Zuschuss von 2300 Frc. zu geben, mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte. Wir können auf 1500 Frc Schulgeld, auf 1200 Frc. von der Regierung rechnen, Das ist zusammen 5000 Frc. Eine sechs- oder siebenklassige Schule mit 200 bis 220 Zöglingen würde für Lehrkräfte, Schulräume und sonstige Aufwendungen 6000 Frc. erfordern. Es wäre also ein Zuschuss von 1000 Frc. nötig ausser dem Gehalt des Direktors. Ich bin sicher, dass die Einnahmen aus dem Schulgeld sich erhöhen werden, denn die Kinder der türkischen Beamten würden zu uns kommen. Freilich brauchten wir dann auch einen Hilfsdirektor. Das Klima ist hier sehr gut, der Lebensunterhalt billig, die Sicherheit in der Stadt befriedigend. Wenn

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