Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 389 - 390 (sequence 1)
- Language
- German
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390 DIE ALLIANCE-EXPEDITION NACH DEM YEMEN. Früher bereits ist an dieser Stelle mitgeteilt worden, dass das Central-Comiie" den Direktor der Alliance-Schule in Bayrut, Herrn Jomtob Semach beauftragt hat, sich nach dem Yemen zu begeben, um an Ort und Stelle die Lage der Israeliten dieses Landes zu studieren. Herr Semach hat sich in den letzten Tagen Januar auf den Weg gemacht und ist am 4. Februar in Aden angekommen. Am 10. Februar brach er von dort auf und traf am 21. Februar in Sanaa, der Hauptstadt des Yemen, ein. Hier ein Auszug der Berichte des Herrn Semach. Der erste ist aus Hodeidah datiert, dem Landungshafen des Yemen: Hodeidah, 14. Februar 1910. Meine Landung hier hat keine Schwierigkeiten gemacht. Ich begab mich sofort zum Gouverneur, der mich freundlich empfing und mir für die Reise nach Sanaa eine Geleitwache versprach. Auch die Konsuln und Konsularagenten in der Stadt habe ich besucht. Alle erklärten, dass sie sich glücklich schätzen würden, mir behilflich zu sein, wenn ich ihrer bedürfte. Ich dankte ihnen und teilte ihnen mit, dass die Regierung mir für die Erfüllung meiner Aufgabe alle Erleichterungen gewähre. In Hodeidah dachte ich nur einen oder zwei Tage zu verweilen, gerade die zur Vorbereitung einer Karawane nötige Zeit. Aber die Lasttiere sind augenblicklich selten, sodass ich einen Tag zugeben musste. Gleichwohl ist es möglich, dass ich noch vor Samstag die kleine Stadt Menaha erreiche, wo ich einen Tag bleiben und die erste jüdische Gemeinde des Yemen besuchen will. Ich habe hier zwei Juden aus Smyrna getroffen, die mit Neuheiten handeln, den einen in Hodeidah, den andern in Sanaa selbst. Sie kennen die Gegend sehr genau und haben mir über unsere Glaubensgenossen recht interessante Aufschlüsse gegeben. Die Israeliten von Sanaa wissen bereits, dass die Alliance mich mit einem Auftrag zu ihnen schickt, und erwarten meine Ankunft mit Ungeduld. Nach den jüngsten Revolutionen fühlen sie sich sehr unglücklich, sehr verlassen, und rechnen auf einen Erre'ter. Sie glauben, dass sich von einem Tag zum andern ihr Schicksal wenden werde. Sie fangen an zu begreifen, dass sie dureh Unterricht sich in den Augen der mit Verachtung auf sie herabblickenden und sie unaufhörlich misshandelnden fanatischen Schiiten erheben werden. Sie verlangen eine Schule, denen gleich, die einige von ihnen in Palästina gesehen haben. Aus der Unterredung mit diesen beiden Männern entnahm ich, dass die alsbaldige Gründung einer Schule notwendig sei. Der Vertreter der Alliance wird nicht bloss der Erzieher der Jugend, er wird zugleich der Vertreter der Gemeinde gegenüber den Behörden sein. Ihm wird es zustehen, bei den grossen arabischen Familien dahin zu wirken, dass die Beschimpfungen aufhören, mit denen unsere unglücklichen Brüder gekränkt werden. Die früheren Ereignisse "können sich jeden Augenblick wiederholen, der Aufstand glimmt unter der Asche; unsere armen Brüder im Yemen bedürfen für den Tag der Gefahr eines Beschützers. Der sofortigen Einrichtung einer Schulgruppe steht nichts im Wege. Meine Empfehlungsbriefe an die Ortsbehörden gestatten mir die Hoffnung, dass wir bei ihnen wirksame Unterstützung finden werden. Ich sage deshalb: verlieren wir keine Zeit über Erörterungen, mehr oder weniger interessante Studien — telegraphieren Sie mir, dass ich eine Schule eröffnen soll, und ich werde mein bestes tun. Geht das Central-Comite auf meine Anschauungen ein, so würde ich, damit beginnen, die jüdische Gemeinde zu organisieren,' würde alle Orts-Steuereinkünfte in meine Hand nehmen, wir würden alle Gemeindeausgaben bestreiten, und der Ueberschuss gehörte der Schule. Von den wohlhabenden Eltern der Zöglinge würden wir überdies ein Schulgeld verlangen. Eine Schulanstalt auf solcher Grundlage könnte nicht viel kosten. Meiue Reise schiene mir ohne rechte Basis, wenn sie bloss das Studium des jüdischen Lebens im Yemen zum Zweck hätte. Ich Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, will praktisches Werk verrichten, will sofort die Schule organisieren, die diese armen Leute von ganzem Herzen wünschen, und die für sie ein Mittel sein wird, ihre Knechtschaft zu beendigen und ein weniger elendes Leben zu führen. Sanaa ist die Hauptgemeinde des Yemen. Doch auf allen Bergen im Norden wie im Süden bis nach Aden gibt es mehr oder weniger bedeutende jüdische Gemeinden. Werde ich einige dieser Centren besuchen können? Das Land ist in steter Unruhe, und ohne grosses Geleit kann man nicht von einer Stadt in die andere gehen. Vielleicht gestattet mir die Bewegung der Truppen, von Sanaa aus Vorstösse in die Runde zu machen. Sanaa, 23. Februar 1910. Ich habe Ihnen vorgestern telegraphisch meine Ankunft in Sanaa gemeldet. Von Menaha aus habe ich Ihnen geschrieben, dass die Reise ziemlich leicht vor sich ging. Vor dem Aufbruch hatte man mich sehr entmutigt; Freunde, Bekannte, selbst Gleichgültige wollten mich bereden, auf das Unternehmen zu verzichten. Ich erwartete daher jeden Augenblick, auf unübersteigliche Hindernisse zu stossen, an jeder W.egebiegung Mörder zu erblicken, die bereit waren, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Darum erschienen mir die wirklichen Reiseschwierigkeiten nur ein Spiel. Ich bin unter guten Verhältnissen abgereist und, wie Sie sehen, wohlbehalten im Hafen angelangt. Von den kleinen Reisezwischenfällen will ich heute nicht erzählen, auch nicht das sehr interessante Land beschreiben, das ich durchreist bin. Das soll später geschehen. Zunächst will ich von meiner Ankunft in dem Hauptort des Yemen berichten. Unsere Glaubensgenossen waren von meiner Ankunft in Hodeidah unterrichtet. Am Tage meines Aufbruchs aus dieser Stadt erhielt ich eine lange Depesche aus Sanaa, durch die Rabbi Jahie Ishak mir Namens der Gemeinde den Willkomm im Lande Teman bot. Vorgestern, Montag, hatten wir Sinan-Pascha verlassen, ein auf prächtigem Plateau fünf Stunden von Sanaa gelegenes Dorf. Ich unterhielt mich mit den Geleitsoidaten und fragte sie, ob sie bei ihren Zügen durch das Land viele Juden getroffen hätten. — Jawohl, viele, entgegneten sie. Dort, jenseits dieser Berge, im Kali, gibt es Juden. Einige von den Feldern, die wir durchschritten haben, sind von ihnen bebaut. — Jn diesem Augenblick ergreift man meine Hand und küsst sie. Ich drehe mich schnell um: da sind zwei arme Juden, die ich nicht hatte kommen sehen. Ich erkenne sie sofort an ihrer besonderen Tracht: kurzes Hemd aus blauer Leinwand, Ueberwurf von dem gleichen Stoff, die Beine nackt, Sandalen an den Füssen, auf dem Kopf eine kleine Mütze mit darumgerolltem Tuch, um die Schultern ein Stück schwarzes Wollgewebe — den Talit — endlich zu beiden Seiten an den Ohren die langen Haarlocken, die bis zum Hals hernieder häDgen. Ich erwidere ihren Gruss. Sie erklären mir, dass sie Rabbiner sind, zwei Dajanim. Sie sind gekommen, mich Namens der Gemeinde zu begrüssen, und mir ein frisches Frühstück anzubieten. Ich sprach ihnen meinen Dank aus und mein lebhaftes Bedauern, dass sie in ihrem Alter einen Weg von fünf Stunden mir entgegen gemacht hätten und weitere fünf Stunden für den Rückweg brauchen müssten. — „Wir wollten viel weiter gehen" antworteten sie, ,,bis Menaha; aber am Sabbat können wir nicht reisen; wir sind glücklich und wissen nicht, wie wir Ihnen unsere Freude bezeugen sollen; "unsere heutige Anstrengung ist süss für uns, die wir soviel gelitten haben." Wir nehmen unsern Vormarsch durch die frisch bestellte Hochebene wieder auf, folgen den labyrinthischen Wegen zwischen anderen bereits grünenden Plateaus, mitten durch Haufen schwarzen Gesteins. Schwer ermüdet, von der Sonne verbrannt, überschreiten wir gegen Abend eine letzte Anhöhe. Plötzlich sehen wir im Glanz der Abendsonne das weisse Sanaa vor uns liegen, unvergleichlich schön und anmutig, am Fuss des Berges Nugon träge