Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 393 - 394

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1910-06-01
Page
Seite 393 - 394 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2583993-2584000-2594928--10485-2595009
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

393 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 394 man ein Geleit von zehn Soldaten hat, braucht man unterwegs nichts zu fürchten. Sie können ohne Sorge einen Direktor hierher schicken. Er muss verheiratet sein, denn in sehr kurzer Zeit müssen wir eine Mädchenschule eröffnen. Die Mädchen heiraten hier vom neunten Jahre an. Ich hahe in einem Haus drei Frauen gesehen, die zusammen nicht 35 Jahre zählten. Zur Schule ist natürlich ein Lokal nötig. Es ist aber unmöglich, hier ein für die Schule geeignetes Haus zu finden. Man muss daher sofort ein Grundstück kaufen. Für 400 ) bis 5000 Fr. kann man im türkischen Viertel an der Grenze des jüdischen Viertels ein Lehmhaus erstehen mit einem Hof von 100 zu 75 Meter Ausdehnung. Zum Ausbau und zur Einrichtung der Schule wären weitere 5000 Fr. erforderlich. Für 10000 Fr. hätte man eine schöne Besitzung, deren Wert in einiger Zeit nach Fertigstellung der Bahn, viel grösser wäre. Ich teile Ihnen diese Einzelheiten eilig mit, weil ich möchte, dass Sie die Eröffnung der Schule und den Ankauf eines Grundstücks alsbald beschliessen. Ich bitte um telegraphische Weisung. Sollen wir die Schule nicht jetzt eröffnen, so würde ich Sanaa Ende des Monats verlassen. Das Central-Comite der Alliance hat die Eröffnung der Schule angeordnet und Herrn Semach zum Ankauf eines Terrains und den erforderlichen Bauten 13 000 Fr. zur Verfügung gestellt. DIE ISRAELITEN Die antijüdische Bewegung hat im Lauf der letzten Monate einen unruhigen Charakter angenommen. Die gehässigsten Anklagen wurden gegen die jüdische . Bevölkerung) erhoben. Als gegen die Person des Ministerpräsidenten Bratianu ein Attentat verübt worden war, dessen Urheber man nicht finden konnte, schrieb man das Attentat den Juden zu, und der Unterrichtsminister Haret erklärte von der Tribüne herab, dass nach einem Verbrechen dieser Art nichts übrig bleibe, als „die Fremden, die nichts mit dem Land verbinde, die im Gegenteil seinen Ruin erstrebten und ihre Augen unausgesetzt auf die andere Seite der Grenze gerichtet hielten, zur Vernunft zu bringen." Als die Zeitung „Adeverul" die Verteidigung der Juden übernahm, wurde sie sofort beschuldigt, sich an die Juden verkauft zu haben. Die Studierenden von Bukarest und Jassy veranstalteten auf Anstiftung der Professoren Guza und Jorga Kundgebungen gegen die Zeitung, deren Exemplare sie auf öffentlichem Platz verbrannten, und veröffentlichten ein Manifest, in dem sie die Juden beschuldigten, sie seien aus allen Winkeln der Erde nach Rumänien gekommen, um das Land zu unterjochen und dort Verbrechen gegen die rumänische Nation zu begehen. Im Namen des Vaterlandes verlangte das Manifest die Vertreibung der Söhne Judas. Als die rumänischen Juden einen Kongress zu ihrer Verteidigung berufen wollten, sagte man ihnen sofort nach, dass sie gegen die Sicherheit des Vaterlandes sich verschwören wollten. Die früheren jüdischen Soldaten beschuldigte man, dass sie die israelitischen Reservisten zum Ungehorsam gegen die Vorgesetzten anstiften. Darauf versicherten die israelitischen Reservisten in einem entrüsteten Protest, den sie an den Kammerpräsidenten richteten, dass sie, dem der Fahne geleisteten Eid treu, jeden Augenblick bereit seien, das Opfer ihres Lebens für das Vaterland zu bringen, dem sie durch Geburt angehörten. Dieser unaufhörlichen Anklagen müde, scheinen die rumänischen Juden sich ernsthaft zusammentun zu wollen, um den Verleumdungen entgegenzutreten und die Rechte zu verlangen, die ihnen zukommen, und die man ihnen bis jetzt ungerechterweise hartnäckig vorenthalten hat. Sie haben ihre Tätigkeit begonnen, indem sie kürzlich eine Audienz bei dem König nachsuchten, dem sie ihre leidensvolle Lage schilderten. Sie überreichten dem König eine Denk- IN RUMAENIEN. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. schrift, die sie gleichzeitig dem Ministerpräsidenten, den Ministern, den Senatoren und Abgeordneten zustellten. Die Denkschrift lautet: „Ihr Herren Senatoren! Ihr Herren Abgeordneten! Angesichts der neuen Massnahmen, die dazu angetan sind, ihnen die letzten Existenzmittel zu nehmen, treten die eingeborenen Juden vor ihre natürlichen Beschützer, um ihnen ihre Leiden darzulegen und Gerechtigkeit von ihnen zu verlangen. Seit einem halben Jahrhundert sind wir, treue Söhne des Landes, von der Nation ausgeschlossen, missachtet man unsere ältesten Rechte. Wir werden als Fremde angesehen und als solche in dem Land betrachtet, in dem wir geboren und erzogen sind, dem wir durch die Erinnerung der Vergangenheit und durch die Hoffnung der Zukunft angehören, und aus dem wir doch jeden Augenblick vertrieben werden können, als wenn wir vaterlandslos wären. In unserer Bewegungsfreiheit gehindert, vom Herd der nationalen Kultur ausgeschlossen, werden wir in unserem Vaterland geringer geachtet als die wirklich Fremden, die doch wenigstens nicht als Feinde des Landes hingestellt werden. Uns hat man nichts gelassen als die Blutsteuer und die Bürgerlasten, die zu tragen wir übrigens als ein Glück empfinden. Bisher haben wir schweigend geduldet, in der Hoffnung, dass aus dem Uebermass des Leids endlich die Besserung hervorgehe, und dass man, durch die Bedürfnisse des Landes selbst gedrängt, uns Gerechtigkeit zuteil lassen werde. Jetzt aber sehen wir, dass den Einschränkungsmassnahmen, die uns an den Abgrund führen, nicht bloss kein Ende gesetzt wird, sondern dass man sie sogar noch verschärfen will, und nun dürfen wir nicht mehr schweigen. Jetzt haben wir die Pflicht — uns selbst wie dem Vaterlande gegenüber — uns auf jede gesetzliche Weise zu verteidigen. Jahrelang haben wir über uns urteilen und uns verurteilen lassen, ohne ein Wort zu sagen. Heute wenden wir uns an Sie, die Erwählten der Nation, und bitten Sie, gestützt auf das heilige Verteidigungsrecht, unsere Worte mit Wohlwollen anzuhören und mit Unparteilichkeit zu beurteilen. Wir treten voller Vertrauen vor Sie hin, denn in all der Traurigkeit, die uns bedrückt, haben wir nie die Hoffnung verloren, dass das Heil uns vom Lande und im Lande kommen wird. Sind wir Fremde in diesem Lande? Nein, tausendmal nein! Unbestreitbare Urkunden beweisen, dass unsere Niederlassung in diesem Land zu den fernsten Zeiten zurückreicht. Wir sind hier gewesen, als die Fürstentümer Walachei und Moldau gegründet wurden. Wir werden in den fürstlichen Erlassen und in den alten Gesetzen erwähnt. Die aus der Türkei herübergekommenen Juden werden ebenso wie die Armenier als Rajahs betrachtet, ganz wie die übrigen Rumänen. Durch Erlasse der Fürsten herbeigerufen, umTdie wirtschaftliche Lage des Landes zu heben, haben die Juden 63 Ortschaften gegründet, darunter die Stadt Folticeni, wofür sie gesetzlich gewährleistete Privilegien erhielten. Die jüdischen Bewohner des Landes haben jederzeit in bester

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.