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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 365 - 366

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Die spaniolischen Juden
Date
1910-06-01
Page
Seite 365 - 366 (sequence 8)
Language
German
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365 A. Heb raus: Die spaniolischen Juden. 366 LESSER URY. Dauer aber wohl kaum für längere Zeit sein dürfte. Dort ist das sephardische Judentum dem Auflösungsprozess verfallen. Der Grundstock für das sephardische Judentum ist die türkische Judenheit. In Serbien, Bulgarien und Rumänien sind zwar noch ansehnliche sephardische Gemeinden vorhanden, aber auch sie gehen allmählich zurück, sie werden vom askenasischen Judentum zurückerobert. Dasselbe scheint auch in Bosnien der Fall zu sein, seitdem diese Provinz unter österreichischer Verwaltung steht. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, dass der Bestand des sephardischen Judentums an den in der Türkei geknüpft ist. Daraus erklärt sich auch die aufrichtige Liebe und Sympathie, die die spaniolischen Juden für die Osmanenherrschaft empfinden. Fraglos ist unter der türkischen Herrschaft die alte sephardische Kultur, die noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zu spüren war, völlig verschwunden. Die Juden haben ihre spanische Sprache bis auf den heutigen Tag beibehalten, sonst aber haben sie sich dem türkischen Wesen angepasst, im Guten wie im Schlimmen. Den spanischen Juden zeichnet vor allem ein gewisser konservativer Zug ans, soweit es sich um das offizielle religiöse Leben handelt. Er ist nicht geneigt, in der Synagoge selbst die mindeste Neuerung zuzulassen, soweit er sich auch sonst vom jüdischen Zeremonialgesetz emanzipiert hat. Allerdings haben die sephardischen Juden in den Synagogen Bräuche, die in den westeuropäischen Gemeinden erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach schweren Kämpfen eingeführt worden sind. Wohltuend ist vor allem die Andacht und die Ruhe, die in der Synagoge während des öffentlichen Gottesdienstes herrschen, der grösste Respekt vor dem Gelehrten und vor dem Alter. Es äussert sich dies beispielsweise darin, dass alten Männern und Frauen, selbst wenn sie Almosenempfänger sind, in der Synagoge die Plätze in den vordersten Reihen eingeräumt sind. Ein sephardischer Jude wird auch niemals das Gotteshaus mit dem Stock oder dem Schirm in der Hand betreten. Von der türkischen Umgebung haben die spaniolischen Juden die Bedächtigkeit und ruhige Haltung übernommen. Sie sind keine Freunde des scharfsinnigen Talmudstudiums; sie sind es mit wenigen Ausnahmen nie gewesen. Deshalb sind sie auch für das Einfache und Natürliche empfänglich geblieben. Eine gute Rede macht auf sie grossen Eindruck, wenn sie einfach und natürlich gehalten ist und an ihr jüdisches Herz appelliert. Das jüdische Bewusstsein ist bei ihnen sehr stark entwickelt; von der jüdischen Nation sprechen sie immer mit grosser Begeisterung. Von den Türken haben die sephardischen Juden leider den schrecklichsten Aberglauben mit übernommen, Im Cafe! BERLIN. der unausrottbar zu sein scheint. Insbesondere macht sich dies fühlbar bei der Leichenbestattung, wo Bräuche noch herrschen, die einem Europäer unerträglich erscheinen. Es ist z. B. Sitte bei ihnen, dass die Kinder der Bahre ihres verstorbenen Vaters nicht folgen dürfen. Dies ist auf eine abergläubische Vorstellung zurückzuführen.*) Als ich noch in Belgrad lebte, starb eines Tages ein achtbarer Jude, dessen Sohn, ein Landtagsabgeordneter, zu den gebildetsten und angesehensten Bürgern zählte. Zum Leichenbegängnis waren mehrere Minister und sonstige bedeutende Persönlichkeiten erschienen, und es war sonderbar, dass der Sohn dem Leichenbegängnis nicht folgen sollte. Ich wollte mit dieser Unsitte brechen, und auf eine Anfrage gab ich den Bescheid, dass der Brauch gar keinen Sinn habe. Der Sohn ging wohl einige Schritte mit, er Hess sich aber bald von den älteren Leuten einschüchtern, die darin nicht nur eine Verletzung der Religion erblickten, sondern auch eine schwere Gefahr für den Lebenden. Er kehrte um. In ihrem Familienleben haben die spaniolischen Juden noch vieles von den alten patriarchalischen *) Dieser Brauch, der in der Lurianischen Mystik seine Scheinbegründung hat, fand auch in manchen polnischen Gemeinden Eingang, wie überhaupt durch diese Mvstik manches sephardische Element in die deutsch - polnische Liturgie eingedrungen ist. Die zulet zt erwähnte Erscheinung hat mein verehrter Freund A. Berliner in seiner Schrift „Randglossen zum Siddur" erschöpfend behandelt.

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