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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 367 - 368

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Die spaniolischen Juden
Date
1910-06-01
Page
Seite 367 - 368 (sequence 9)
Language
German
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367 A. Hebräus: Die spaniolischen Juden. m Sitten bewahrt; allerdings geht auch dieses leider immer mehr zurück. Der Respekt vor dem Alter und vor den Eltern ist noch sehr gross. Jüngere Personen küssen ehrfurchtsvoll den älteren die Hand, stehen vor ihnen auf, wenn diese an ihnen, namentlich in der Synagoge, vorbeigehen. Eine eigentümliche' Stellung nimmt bei ihnen die Frau ein. In den ärmeren Familien ist die Frau sehr arbeitsam und fleissig; es herrscht bei ihnen wohltuende Reinlichkeit. Hingegen besorgt der Mann den ganzen Haushalt, die Einkäufe auf dem Markt, was die Juden von den Türken abgesehen haben. In den wohlhabenden und reichen Familien führt die Frau ein wahres Schlaraffenleben, wie man es im Westen kaum kennt. Bei allem lieben sie sehr die Geselligkeit, und wenn auch der Sabbat und die jüdischen Feiertage nicht mehr mit der alten Strenge gehalten werden, so sind doch diese Tage dem gemütvollen Familienleben gewidmet. In der Gesellschaft wird das spanische Volkslied gepflegt, das nach alter überlieferter Melodie gesungen wird. Manche Lieder sind wahre Perlen der Volkspoesie, sie sind jüdisch-nationalen Inhalts. Ich be* daure sehr, dass ich meinen Aufenthalt in Belgrad nicht dazu benutzt habe, diese Volkslieder und Volksmelodien zu sammeln.. Dieses vertrug sich nicht mit meiner amtlichen Stellung. Oft hörte ich ein jüdisches Dienstmädchen ein schönes Volkslied singen, und ich hätte müssen stehen bleiben, um das Lied nach dem Gehör niederzuschreiben. Aufgefallen ist mir stets, das die spanischen Juden so wenig Verständnis für ihre geschichtliche Vergangenheit haben. Man begegnet unter ihnen Leuten mit klangvollen Familiennamen, und da diese Namen in der jüdischen Geschichte und in der hebräischen Literatur so selten vorkommen, so mögen deren jetzige Träger wohl Abkömmlinge der berühmten Männer sein, die diese Namen führten. Sie selbst haben davon keine Ahnung. Eines Tages erhielt ich von einem armen Juden in Nisch einen Brief, in dem er mir darüber klagte, dass ein junger Mensch, der in Belgrad Hausdiener war, sich mit seiner Tochter, einem Dienstmädchen, verlobt habe, das Mädchen aber später aufgegeben hätte. Der Vater verlangte von dem treulosen Bräutigam den Ersatz der Auslagen für die Verlobungsfeier, natürlich nur einige Francs. Der Brief war unterzeichnet: Don Jsaak Abrabanell. Wir hatten damals in Serbien in solchen Dingen eigene Gerichtsbarkeit. Ich Hess den jungen Mann kommen, der seine Schuld eingestand und die kleine Summe auch gleich erlegte. Dann erschien bei mir zur Empfangnahme des Geldes Don Isaak Abrabanell, ein armer Mann, der sich durch einen kleinen Obsthandel eriiälirte. Auf meine Frage, wie or zu dem stolzen Namen gekommen sei, wusste er nicht zu antworten; er wüsste nicht einmal, dass dieser Name etwas bedeute und Klang in unserer Geschichte habe. Das wussten auch nicht die andern, denen ich diesen Fall erzählte. Einiges möchte ich noch über die spanische Mundart sagen, die den sephardischen Juden in der Türkei als Umgangssprache und als Sprache für Synagoge und Schule dient. Im allgemeinen kann ich nur sagen, dass diese Mundart sich von der spanischen Literatursprache, von dem „castillano" nicht so sehr unterscheidet wie der jüdisch-deutsche Jargon von der modernen deutschen Literatursprache. Es sind nur sehr wenige hebräische Worte in diese spanische Mundart eingedrungen. Neben den bereits erwähnten „maisin" und „malsinar" auch das „darsar" (predigen), das Verbum „meldar" (lernen, namentlich jüdische Bücher lesen, vom Hebräischen lamad), das Adjektivum „chinoso" (anmutig, vom hebräischen „chen") und noch einige wenige. Die meisten hebräischen Lehnwörter gehörten dem religiösen Leben an. Der jüdisch-spanischen Mundart ist es eigentümlich, dass in ihr das j nicht wie im Spanischen als ch (Kehllaut) gesprochen wird, sondern weich wie das französische j. Man hat früher angenommen, dass dieser harte Kehllaut in der spanischen Sprache aus dem Arabischen übernommen worden sei, wovon man aber jetzt abgekommen ist. Die Aussprache des „j" in der jüdisch-spanischen Mundart ist ein schlagender Beweis dafür, dass die Entwicklung dieses harten Kehllautes in der spanischen Sprache erst aus jüngerer Zeit stammt, was auch jetzt allgemein gilt. Eine weitere Eigentümlichkeit dieser Mundart ist es, dass die Konsonanten rd immer in dr umgestellt werden, z. B. „pader" für „pared" (Wand), „pedrer" für „perder" (verlieren). Ausserdem sind in dieser Sprache viele veraltete Worte erhalten, wie z. B. „topar" für „allar" (finden), „ambizar" für „aprender" (lernen)usw. Am störendsten wird es empfunden, dass die spanischen Juden überhaupt sehr wenig vom spanischen Wortschatz besitzen, da sie die Literatursprache gar nicht kennen. Mit Ausnahme der rumänischen Juden schreiben sie das Spanische in einer jüdisch-arabischen Kursivschrift; die rumänischen Juden schreiben es wohl mit lateinischer Schrift, aber in wunderlicher Orthographie. Am besten und wohlklingendsten wird das Spanische von den Juden in Saloniki, überhaupt in Makedonien und Bosnien gesprochen, freilich mit einem Anklang an das Italienische (z. B. storia für historia, stesso für esteso usw.). Diese spanische Mundart verdient, sprachwissenschaftlich noch erforscht zu werden.

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