Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die spaniolischen Juden
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 363 - 364 (sequence 7)
- Language
- German
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3S3 A. Hebräus: Die spaniolischen. Juden. 364 kleinen Anfängen ist die später so berühmt gewordene sogenannte Portugiesengemeinde (die ersten jüdischen Einwanderer waren zufällig flüchtige Maranen aus Portugal) in Amsterdam entstanden, die mit Recht der Stolz der ganzen Juden heit war.. Aehnlich vollzog sich auch die Gründung der spanisch-portugiesischen Gemeinde in Hamburg (gegen Ende des 16. Jahrhunderts), die es allerdings nicht zu der Bedeutung der Amsterdamer Gemeinde gebracht hat. Es ist merkwürdig, dass die allgemein verbreitete Annahme, wonach in der portugiesischen Gemeinde die Verschwägerung mit den Askenasim streng verpönt war sich dokumentarisch — soweit mir bekannt ist — nur in Hamburg nachweisen lässt. In Italien Hessen sich ebenfalls spanische und portugiesische Flüchtlinge nieder, aber nicht in grosser Zahl. Das hatte zur Folge, dass in manchen Gemeinden sich wohl der sephardische Ritus erhielt, aber nicht die spanische Umgangssprache. Da ist die spanische Kultur der italienischen unterlegen; die spanische Sprache verschwand in den jüdischen Gemeinden in der zweiten oder dritten Generation nach der Einwanderung ganz, zumal der Zuzug aus der früheren Heimat nach Italien sehr erschwert war. Nur in der Türkei und in Holland durften die Maranen, selbst wenn sie in der dritten oder vierten LESSiiß-JßY: ^KiBekka. BERLIN. Generation im Christentum gelebt hatten, ungestört zum Judentum zurückkehren. In den italienischen Staaten hingegen, namentlich im Kirchenstaat, war solches mit Lebensgefahr verbunden. Dass die Juden in Holland lange Zeit, bis tief in das 18. Jahrhundert hinein, ihre spanische Muttersprache (die portugiesische war bald durch die spanische verdrängt) bewahrt haben, ist auf den Umstand zurückzuführen, dass bis mindestens zum Ende des 17. Jahrhunderts die spanischen Juden den holländischen Christen kulturell weit überlegen waren. In das sittenstrenge calvinistische Holland, in dem die Lebensanschauung der englischen Puritaner vorherrschend war, brachten die jüdischen Einwanderer ein gewisses weltliches Treiben, einen Zug der Lebensfreude, feinere Lebensgewohnheiten, auch Luxus und Genuss. Man wird es begreiflich finden, dass sie damit bei der einheimischen Bevölkerung Anstoss erregten; die frommen Calvinisten fürchteten den Einfluss des Judentums auf die christliche Umgebung. Pflegte es doch vorzukommen, dass namentlich holländische Mädchen, denen das Leben in den jüdischen Familien "besser gefiel, zum Judentum übertraten und jüdische Männer heirateten. Das musste streng verboten werden, und die holländische Regierung ging, von Fanatikern angetrieben, zu Ausnahmegesetzen gegen die Juden über. Dass die eingewanderten Juden in das Land Wohlstand und kulturellen Fortschritt gebracht hatten, konnte ja niemand leugnen. Aber die holländische Geistlichkeit lebte in Todesangst vor dem Einfluss des jüdischen Geistes auf die christliche Bevölkerung. Die Männer der Regierung waren allerdings vorurteilsloser; sie gaben sich sogar Mühe, die Juden ins Land zu ziehen und sie vor dem Fanatismus zu schützen. Aber zuweilen musste doch dem kleinlichen Geist der Fanatiker, der die öffentliche Meinung zu erregen verstanden hatte, nachgegeben werden. Es kam schliesslich dahin, dass die Juden in Holland wohl geduldet waren und überall Religions- und Handelsfreiheit besassen, aber sie waren vom Staats- und Kommunalleben ganz ausgeschlossen. Das hatte zur Folge, dass sie sich bis zu ihrer völligen Emanzipation unter der Herrschaft der batavischen Republik in ihrer Eigentümlichkeit erhalten haben. Dann freilich setzte die Assimilation in raschem Tempo ein. Die spanischen Juden in Holland wurden im Lauf der Zeit holländische Juden mit sephardischem Ritus. Eine Tochtergemeinde der Amsterdamer war die erste jüdische Gemeinde in London, die sich nach den Ereignissen im Jahr 1649 allmählich gebildet hatte. Ausser in den europäischen Staaten befanden sich zahlreiche sephardische Gemeinden in Palästina und Syrien, in Ägypten und an der Nordküste von Afrika, namentlich in Algier. Dort sind aber viele sephardische Juden von der arabischen Kultur angezogen worden, so dass sie ihre spanische Muttersprache mit der arabischen vertauschten. In Ungarn lösten sich allmählich die spanischen Gemeinden auf, als die türkische Herrschaft dort aufhörte. Nur in Temesvar, Pancsova und Semlin sind noch kleine sephardische' Gemeinden[ Tvörhanden, deren