Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die spaniolischen Juden
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 355 - 356 (sequence 3)
- Language
- German
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355 A. Hebräus: Die spaniolischen Juden. 356 terordnen und errichteten neue Gemeinden. Natürlich ging das nicht ohne Widerspruch seitens der älteren Ortsgemeinden ab; dies führte zu heftigen Kämpfen. Die alten Gemeinden beriefen sich auf die Bestimmungen des Talmud, nach denen es niemandem gestattet ist, sich von der vorhandenen Gemeinde Organisation zu trennen. Aber die eingewanderten Juden verlangten die Separation; sie hätten besondere religiöse Bräuche, und vor allem unterschieden sie sich von den anderen in Sprache und Liturgie, so dass sie mit ihnen nicht zusammen eine Gemeinde bilden könnten. Die rabbinischen Autoritäten jener Zeit wurden angerufen, sich in dieser Streitfrage zu äussern. Die Responsenliteratur aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist reich an Bescheiden in dieser Angelegenheit. Man sieht es den meisten rabbinischen Gutachten an, dass sie unter Berücksichtigung der nun einmal obwaltenden Verhältnisse abgefasst sind und nicht den strengen Rechtsstandpunkt vertreten. Es heisst da zumeist, die Sache lasse sich nicht anders einrichten, man müsse den Leuten gestatten, Separatgemeinden zu gründen. Das kam manchem berühmten Rabbiner hart genug an, zumal die spanischen und portugiesischen Juden bald gegen die ortsansässigen Glaubensbrüder einen herrischen Ton anschlugen und sich anschickten, die alten Gemeinden ihrer Botmässigkeit zu unterwerfen. Da sie nämlich durch den immer anhaltenden Zuzug die Mehrheit in den Städten bekamen, meinten sie, sie könnten nicht die alten Gemeinden als Staat im Staat dulden. Die Minderheit müsse sich der Mehrheit unterordnen. Der berühmte Rabbiner David Kohen aus Korfu, einer der gefeiertesten Gelehrten jener Zeit, beklagte sich bitter über diese Zustände; er wandte darauf ein talmudisches Sprichwort an: ,,Der Heimische so niedrig und der Fremde so hoch." Diese Kämpfe dauerten das ganze 16. Jahrhundert hindurch, aber am Ende siegten doch die spanischen und portugiesischen Juden. Die alten Gemeinden verschwanden schon deshalb, weil die ganze Judenheit jener Länder die spanische Umgangssprache annahm, mit ihr natürlich auch die Sitten und Gewohnheiten der spanischen Glaubensgenossen und zuletzt selbst die religiösen Bräuche und die Liturgie. Es hat sich auch hier das alte Naturgesetz bewährt: die niedere Kultur unterlag der höhern. Im 17. Jahrhundert gab es nur noch wenige Spuren der alten askenasischen Gemeinden; die Sephardim waren überall durchgedrungen. In der Responsenliteratur jener Zeit, wo häufig über Rechtsstreitigkeiten oder Anfragen über Todeserklärungen verschollener Männer, deren Frauen die Wiederverheiratung gestattet werden sollte, Zeugenaussagen in der Umgangssprache der Juden mitgeteilt sind, ist es immer die spanische Sprache, selten die portugiesische, in der die betreffen- ^m^ili ..• ' •■»*£:« •'^1 LESSER ÜRY Sonnenuntergang. (Rheinsberg in der Mark.) BERLIN.