Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Jahresbericht des Direktors Albala von der Alliance-Schule in Bagdad
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 329 - 330 (sequence 2)
- Language
- German
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329 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Jahresbericht des Direktors Albala von der Allianee-Schule etc. 330 schritt nicht derselbe gewesen, wie der Fortschritt der materiellen Wohlfahrt unserer Glaubensgenossen. Wenn auch der gesamte Handel fast allein in ihren Händen ruht, in Buropa und Asien blühende Kolonien von ihnen gegründet worden sind, so sind doch ihre Gewohnheiten, ihre Sitten, ihre Gedanken rückständig geblieben. Abgesehen von Ausnahmen, die in den Familien unsere verheirateten ehemaligen Schüler sich finden (sie sind so selten, dass sie sich in der Masse verlieren), ist die Stellung der Frau heute noch die nämliche, die sie vor 40 Jahren war. Das Haremsleben von äusserster Strenge, das in den geachteten Familien den jungen Mädchen nicht gestattet, sich vor irgendwem, es sei Mann oder Frau, ausserhalb des allernächsten Verwandtenkreises sehen zu lassen, ein Leben in Gefangenschaft und Unwissenheit, macht aus der Frau von Bagdad ein Wesen ohne Willen, ohne Würde, ohne Ansehen, ohne Einfluss selbst auf die Kinder, macht sie zur leichten Beute der lächerlichsten "Vorurteile und des gröbsten Aberglaubens. Man mnss der Hochzeit in einer reichen Familie beigewohnt haben, um sich von der Riickständigkeit unter unsern Glaubensgenossen eine Vorstellung zu machen. Die Zeremonie der Eheschliessung ist ein Schauspiel, zu dem sich ungeladen hunderte, tausende von ehrsamen Frauen drängen, den Zutritt förmlich erzwingend. In ihren das Gesicht verhüllenden dichten Schleiern überschwemmen sie das Haus, die Zimmer, die Galerien, drängen und stossen einander, um die junge Frau zuerst zu sehen. ' Selbst die Achtung vor dein Tode mildert die zügellose Neugierde nicht. Denn in den Trauerhäusern ist das nämliche Gewirr, die nämliche Ueberflutung mit verschleierten Frauen^ die den Weherufen <ien gedungenen Klageweiber lauschen wollen. Die Klageweiber sitzen rund um die weinende Familie, schreien, schlagen taktweise in die Hände, preisen die Tugenden des Entschlafenen. Die Frauen von Bagdad sind Gefangene, die jede Gelegenheit wahrnehmen, ihren Zellen zu entschlüpfen; ihre kindliche Neugierde wird nicht müde, dasselbe Schauspiel immer wieder zu sehen. Diese Sklavinnen, die allein essen, an den Zerstreuungen ihrer Väter, Brüder, Gatten nie teilhaben, kennen nur ein Vergnügen: Schmucksachen. Geputzt und goldbehängt wie Reliquienschreine, tragen sie, wenn sie reich sind, Hemden und Beinkleider, die ganz mit feinen Perlen übersät sind, Gehänge in den Ohren, Ringe an allen Fingern, Ketten, Medaillons. Sie haben ein ganzes Vermögen auf ihrem Körper. Beschäftigung haben sie nicht. Um den Haushalt haben sie sich fast gar nicht zu kümmern. Die Küchenkunst liegt in den Anfängen. Reis mit Sesamöl, in Wasser gekochtes Fleisch oder Geflügel, einige Gemüse, mit Zucker oder Syrup angerichtete Datteln, dann wieder mit Zitrone oder Essig, gesäuerte Speisen, das ist das Menu in den, besten Familien; die armen nähren sich von mit Wasser gekochtem Reis und von Früchten. Für die den Kindern zu widmende Sorgfalt haben die Frauen wenig Verständnis. Gott lässt die Kleinen heranwachsen. Ich möchte Ihnen bei dieser Gelegenheit von einem Brauch erzählen, der alljährlich zahlreiche Opfer fordert: Die Masern sind an sich keine schwere Krankheit, sie werden aber gefährlich, wenn Erkältungen eintreten. In Bagdad nun ist es Brauch, dass man ein Kind, das die Masern hat, selbst bei strengster Kälte dreimal wöchentlich durch die Stadt führt. Auf diese Weise gehen Kinder in grosser Zahl zugrunde. Aerztliche Hilfe kommt selten zur Zeit. In der Mehrzahl der Familien wendet man sich an „kluge Frauen" oder an Empiriker. Erst wenn die Krankheit bedenklich wird, ruft man einen diplomierten Arzt. Und selbst in der äussersten Not lässt man den Arzt selten ins Haus kommen, sogar bei den Reichsten. Man bringt den Leidenden in die Apotheke, wo die Konsultationen für alle Welt kostenlos sind. Man sieht Millionäre in der Menge mitten unter armen Teufeln warten, dass an sie die Reihe komme. Man sieht Kranke, deren Kräfte erschöpft sind, und die man auf Eseln zur Konsultation in die Apotheke schafft. Wollte ich das Kapitel der Vorurteile und des Aberglaubens anschneiden, ich könnte kein Ende finden. Vor nicht langer Zeit ist es vorgekommen, dass eine Menge unfruchtbarer Frauen sich drängte, am Tage nach dem Tode des Chacham Joseph Chaim sich in der Grube zu baden, in der man den Leichnam des Dahingeschiedenen gewaschen hatte. Der Verstorbene hatte für eine Art Wundertäter gegolten. Die Frauen von Bagdad erzählen mit Ueberzeugung, dass er eines Tages gleich dem Propheten Elia zum Himmel geflogen sei, dass aber die Bitten der Seinen ihn auf Erden zurückhalten hätten. Das sind die Sitten, die wir umzugestalten haben. Wenn ich mich bei der Rückständigkeit unserer Glaubensgenossen so lange aufgehalten habe, so möchte ich Sie doch nicht unter diesen Eindruck belassen. Ist es gut, die sranze Ausdehnung des Uebels zu kennen, das man bekämpfen will, damit man die notwendigen Heilmittel desto sicherer anwende, so ist es doch andererseits tröstlich, den Fortschritt in der Heilung zu konstatieren. Die bisher erzielten Ergebnisse sind ermutigend. In dieser Beziehung kann ich im wesentlichen nur wiederholen, was ich in meinem Bericht über das Jahr 1907 gesagt habe: die materielle Hebung unserer Glaubensgenossen, die einzig dem Einfluss der Alliance-Knabenschule zugeschrieben weiden darf, ist grossaitig. Die intellektuelle Befreiung der Juden, die Ausdehnung des Handwerks unter der arbeitenden Klasse hat einen herrlichen Aufschwung gebracht, und weiteren grossen Fortschritt wird uns die Mädchenschule bringen mit all ihren Unterabteilungen. Die Ausstattung des Neubaas wird ausschliesslich von jüdischen Arbeitern hergestellt. Unter ihnen sind Holzbildhauer von wahrhaft künstlerischer Bedeutung. Die malerische Ausstattung ist gleichfalls jüdischen Arbeitern übertragen. Alle diese Handwerker sind ehemalige Allianceschüler. Die Krönung des Werkes wird die Befreiung der Frau aus ihrer gegenwärtigen elenden Lage sein. In dieser Beziehung ist der Fortschritt langsam, doch immerhin schon merklich. Wenn die Mädchenschule, die bald 1000 Zöglinge zählen wird, erst zu Hunderten die künftige unterrichtete, aufgeklärte, an Ordnung gewöhnte Haushälterin entlassen wird, die von der Wichtigkeit der Hygiene und der Sauberkeit Kenntnis hat, in den Nadelarbeiten geschickt ist, ihre Pflichten als Gattin und Mutter, aber zugleich ihre Rechte und ihre Würde kennt, so wird das Haremsleben gebrochen sein, so werden die Gefühle der gegenseitigen Wertschätzung und Achtung zwischen den Gatten, zwischen den Geschwistern, die Solidarität unter allen Mitgliedern der Familie zur Geltung kommen, und ein neues Geschlecht wird aufwachsen, das durchdrungen ist von seinen sozialen Pflichtenvnicht bloss gegenüber den Verwandten, sondern gegenüber der ganzen Menschheit. Ich darf meinen Bericht nicht schliessen, ohne der Ungeduld Erwähnung zu tun, mit der die kleinen Gemeinden des Irak erwarten, dass auch ihnen der Weg des Fortschritts geöffnet werde. Sie kennen heute bereits den Wert des Unterrichts und wollen alle Opfer-