Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 321 - 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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321 Leo Birinski: Der Moloch. 322 Wasja (starrt sie noch immer stumm an. Die andern schweigen). Nina Alexandrowna: Wasjenka, will er uns schon verlassen? Will er jetzt schon zurück ins Ausland? Wasja (kommt zu sich, mit Eifer): Ja, Mutter . . . Ja, Mutter, er will zurück ins Ausland. Nina Alexandrowna (weint): Warum tut er uns das an? (Zu Sascha tretend.) Saschenka, du willst wirklich schon von uns fort? Sascha: Ja, Mutter, es ist die höchste Zeit. Nina Alexandrowna: Von seinen Eltern fortzukommen? Die dich so lieben. Sascha: Eben deshalb. Nina Alexandrowna: Wir fallen dir zur Last mit unserer Liebe? Vielleicht, weil ich immerfort weine. Saschenka, ich verspreche dir, ich werde nicht mehr weinen. (Wischt sich die Tränen.) Schau, wie soll ich nicht weinen, wenn ich dich so leiden sehe und keine Hilfe weiss. Ich weiss nicht einmal, woran du leidest. Wasja (zupft sie am Rock): Mutter . . . Mutter . . . reg ihn nicht auf. Nina Alexandrowna: Ich werde mich zusammennehmen, ich werde nicht weinen. Bleib doch wenigstens noch eine Woche bei uns. Vielleicht noch bis Sonntag, das sind noch vier Tage — dann kannst du ja fahren. Sascha (nimmt ihren Kopf in die Hände und küsst sie): Nein, Mutter, ich muss schon fort. Nina Alexandrowna: Saschenka, Liebling ,.. Sascha: Ich muss aus diesem Trubel heraus. Nina Alexandrowna: Und wirst du dort im Ausland Ruhe haben? Sascha: Das kann man nicht wissen . . . Vielleicht herrscht auch dort im Ausland derselbe Wahn . . . aber ... es ist der einzige Ausweg. Nina Alexandrowna: Du glaubst also, die Abwechslung wird dir gut tun? Sascha (küsst sie): Ja, Mutter, die Abwechslung. Nina Alexandrowna: Wenn ich das nur sicher wüsste, aber wenn du davon überzeugt bist — so fahre. Ich will dich nicht zurückhalten. Ich will deinem Wohl nicht im Wege stehen. Ja, Saschenka, fahre nur — es wird dir sicher wohltun, ich bin ganz sicher, dass es dir gut tun wird. Du sollst nicht sagen, dass deine Mutter eine Egoistin ist. Aber . . . muss es schon heute sein? . . . Ja, ja, fahre heute, ich bin überzeugt, es wird dir ganz gut tun, wirst bald gesund zurückkehren. Ramusow (tritt verschüchtert zur Gruppe): Mich hat niemand lieb? (Zu Sascha): Mir willst du keinen Kuss geben? SaSCha (umarmt ihn). Nina Alexandrowna (wischt sich verstohlen die Tränen aus den Augen und dem Gesicht, zwingt sich zu einer freudigen Miene): Du sollst keine Tränen mehr sehen. Brauchst dir auch keine Vorwürfe machen, dass ich auch dann weinen werde, während deiner Abwesenheit . . . Nein, Saschenka, sicher nicht, schau, ich freue mich, dass du fortfährst ... Es wird dir gut tun . . . Nur, Saschenka . . . ich bin eine alte kranke Frau, du darfst nicht lange ausbleiben. Ich kann bald sterben . . . Nein . . . das sagt sich nur so . . . du brauchst dir darüber keine Sorge zu machen, ich kann noch lange leben, sehr lange leben . . . Ganz gewiss . . . aber du kommst bald zurück. SaSCha (kämpft seine innere Bewegung nieder): Ja, Mutter, ja . . . (Deutet Bjelkin und Stefkin, sich zu beeilen.) Bjelkin (reicht ihm den Waffenrock). SaSCha (zieht seinen Rock aus und legt mit Bjelkins Hilfe stumm den Waffenrock an). RamiiSOW (nimmt die Offiziersmütze, streichelt sie, indem er in unbestimmter Erinnerung selig lächelt, um dann allmählich in ein lautloses Weinen überzugehen). Nina Alexandrowna (setzt sich, aus Angst, sie könnte sich nicht länger beherrschen und herausplatzen, zu Wasja, der sie an sich zieht, streichelt und küsst). Stefkin (reicht Sascha Offiziersstiefel, hilft ihm zusammen mit Bjelkin die seinigen auszuziehen und diese anzuziehen). SaSCha (gürtet sich auch einen Säbel um und legt den Mantel an. All das geschieht langsam, unter allgemeinem drückenden Schweigen. Während Sascha den Mantel anlegt, hört man an der Luke draussen): Niutas Stimme: Wasja, ist wer unten, der mir öffnen kann? Stefkin: Gleich. (Er geht die Stiege hinauf). Sascha (zieht sich weiter ruhig an). (Es kommt nun von oben Niuta, die mit beiden Händen Agrafena stützt. Stefkin hilft ihr.) Nillta: Man hat sie überfahren, ich hab sie auf der Strasse ohnmächtig gefunden. (Sie setzt sie mit Hilfe Stefkins und auch Bjelkins in die Nähe von Wasja. Alle machen sich um sie zu schaffen.) Wasja: Ist ihr etwas passiert? Nillta: Sie kann den Arm nicht bewegen. Wasja (zu Agrafena): Tut es dir sehr weh? Agrafena: Ja, Väterchen. Wasja: Wo? Agrafena: Hier Väterchen. Wasja: Ja, er ist geschwollen. Nina Alexandrowna (benutzt die Gelegenheit, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen, dann zu Sascha, wie wenn sie sich entschuldigen wollte): Sie ist eine alte Frau, Saschenka, und hat dich sehr lieb. Mehr als alles in der Welt. Sascha (begreift, dass sie ihn über die wahre Ursache ihrer Tränen täuschen will, geht auf sie zu und küsst sie auf die Stirn). Nina Alexandrowna (nimmt sich zusammen und hört auf zu weinen.) Bjelkin: Man müsste ihr den Arm verbinden. Nillta: Ich hole Verbandszeug. (Ab in den zweiten Raum.) Bjelkin: Haben Sie auch hier Schmerzen? Agrafena: Nein. Bjelkin: Oeffnen Sie doch die Faust. Was haben Sie? Nillta (kommt zurück). Agrafena (mit weinerlicher Stimme): Für Saschenka. Bjelkin: Für Sascha? ' Was ist es denn? Agrafena: Vom wundertätigen Johann von Kronstadt. Bjelkin: Ein Kreuz, was soll das? Agrafena: Es soll ihn schützen, Väterchen, vor dem bösen Geist. Bjelkin (schaut sich verständnislos um). Nillta (zu Bjelkin): Sie hat sich eingeredet, der böse Geist sei in ihn gefahren. Agrafena: Ja, ja, Väterchen, der Antichrist. Wasja (mitleidsvoll zu Agrafena): Und deshalb bist du in die Nacht hinaus. Hattest keine Angst? Agrafena: Man muss doch Saschenka beistehen. Er verliert ja sonst sein Seelenheil und kommt in die ewige Verdammnis. Nina Alexandrowna: Sie hat sich Saschenkas wegen überfahren lassen. Sascha (tritt auch zur Gruppe). Agrafena (zu Sascha, mit scheuer Angst): Saschenka, Teuerster, lege dir das um den Hals, es wird dich schützen. Sascha (nimmt ihr das Kreuz ab und fährt ihr mit der Hand übers Haar). Nina Alexandrowna: Ja, Saschenka, tu es. Agrafena: Er hat gesagt, ich soll zusehen, dass (zu Nina Alexandrowna, auf Sascha deutend) dass er sich unterdessen ruhig verhält. Ja, so hat er gesagt. Niuta: Wer? Agrafena: Dmitry. Bjelkin: Wer ist dieser Dmitry? (Mit leichtem Lächeln.) Ein neuer Wundertäter? Agrafena: Es ist ein leiblicher Verwandter von mir. Er kennt sich in solchen heiligen Dingen aus. Man muss nur zusehen, hat er gesagt, dass sich Saschenka ruhig verhält. Dmitry wird schon für das andere sorgen. Er ist auch gleich auf der Stelle hingelaufen, dass man sich Saschenkas annimmt. Bjelkin: Ich verstehe kein Wort. Wasja (ahnungsvoll): Wer soll sieh Saschas annehmen, wohin ist er gelaufen? Agrafena: Auf die Polizei, Väterchen. Bjelkin: Was ist das? Wasja (entsetzt aufschreiend): Sic hat Sascha der Polizei verraten! (Alle sind einen Moment fassungslos.) Bjelkin: W&s? Wasja: Sie hat Sascha der Polizei verraten!! Sascha (der einen Moment wie versteinert dastand, lacht auf): Um mein Seelenheil zu retten! Um mein Seelenheil zu retten!! Bjelkin (will sich auf Agrafena stürzen): Was haben Sie da angestellt?! Sascha (hält ihn zurück, lachend): Lass sie, lass sie. Sie wollte mein Seelenheil retten! (Er lacht wie wahnsinnig.)