Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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319 Leo Birinski: Der Moloch. 320 Wasja: Er ... er ... er . . . täte es ja ... ohne jede Ueberzeugung. Sascha (ans allen Kräften schreiend): Narr!! Die hab ich! Stärker, als ihr alle zusammengenommen. Ich habe sie, die Ueberzeugung, dass es unser einziger Zweck ist! Die Vernichtung! Die Selbstvernichtung!! Verstehst du? Narr! Die Selbstvernichtung!! Die Selbstvernichtung!! Narr!!! Bjelkin: Sascha, Sascha, komm zu dir. Sascha (in seine frühere Apathie zurückkehrend): Ja, ja, WOZU die Aufregung. Sieh zu, ich bitte dich, dass wir bald ins Reine kommen. Bjelkifl (legt ihm, weich geworden, die Hand auf die Schulter): Sascha, könnte man nicht vielleicht . . . Sascha: Bjelkin, ich beschwöre dich, beeile dich doch. Du musst dich beeilen, wenn du willst, dass es ausgeführt wird. Ich fühle, ich werde es bald, bald nicht mehr können. Es wächst mir etwas Furchtbares im Kopfe an. Ich werde bald tatsächlich wahnsinnig, beeile dich. Bjelkin (wechselt mit Stefkin einen übereinstimmenden Blick, zu Sascha): Also gut, ja. Sascha (drückt ihm die Hand). Stefkin (zu Bjelkin): Glaubst du, dass man sich auf ihn verlassen kann? Bjelkin: Ich gehe mit. Stefkin: Du? Bjelkin: Ich verkleide mich als gewöhnlichen Kosaken und gehe als sein Begleiter mit. Bei dem Wirrwarr, der dort, wie du sagst, herrscht, werde ich kaum auffallen . . . Stefkin: Vielleicht ist aber nicht nötig, dass auch du dich opferst. Lebend kommst du ja nicht davon. Bjelkin: Sicher ist sicher. Bin ich einmal mit ihm in der Nähe des Gouverneurs, so übernehme ich die Aktion. Ich brauche nur einen Mantel, Mütze und Stiefel. Stefkin: Das ist leicht zu beschaffen. Wie machen wir es mit ihm? Bjelkin: Die Uniform für ihn ist doch, glaube ich, hier. (Auf den zweiten Raum deutend, zu Wasja): Nicht wahr? Wasja: Ja. Bjelkin (zu stefkin, die Uhr ziehend): Wann glaubst du, kann man es . . . Stefkin: Das beste wäre: wir ziehen ihn hier an und bringen ihn in meine Wohnung. Jetzt würde es niemandem auffallen. Ich halte Umschau und gebe ein Zeichen, wann es geschehen kann. Bjelkin: Gut. (Er geht in den zweiten Raum. Eine Weile herrscht dumpfes Schweigen.) Stefkin (stellt sich zu Sascha, will etwas sagen, verstummt aber und sieht ihn bloss mitleidsvoll an; nach einer Weile, um das Schweigen zu brechen): Sascha, du sagtest vorher was von Selbstvernichtung. War das nur so in der Aufregung oder . . . (Weich.) Ich frage . . . rein akademisch . . . das heisst nicht . . . ja . . . rein akademisch. Sascha (nachdem er ihn eine Weile angesehen): Und möchtest eine rein akademische Antwort haben. Stefkin: Nein . . . nein . . . ich wollte dich nicht . . . Sascha: Ich kann sie dir geben! Stefkin: Nicht doch, Sascha ... es war nur so ... im Grunde wollte ich nichts, als dir etwas sagen, ganz gleich, was . . . nur um dein stummes Leid zu brechen . . . wir waren doch Freunde. Sascha (drückt ihm stumm die Hand. Kurze Pause; plötzlich): Mir ist jetzt eigentlich ganz wohl zumute. Mir kommt es vor, als wäre ich schon tot, als läge ich im Sarge und hör zu, wie man den Sargdeckel zunagelt, ich hör, wie sich der Sarg tiefer und tiefer ins Grab senkt, wie die Stricke rascheln, wie die Erdschollen fallen, immer mehr und mehr, bis ich ganz zugedeckt bin, ganz zugedeckt, geschützt vor dem Leben, vor den Menschen und vor ihrem Wahn. (Mit leichtem Lächeln.) Ich bin doch nicht tot. Es zucken da im Leichnam noch unverharschte Wunden, wenn ich des Lebenswahns gedenke. Aber bald wird auch das vorüber sein. Nicht wahr? In wieviel Stunden glaubst du, bin ich wirklich tot? Stefkin: Sascha, lass das, rede nicht so. Sascha: Nicht? Darf ich es nicht vorgeniessen? Stefkin: Es ist so schmerzlich. Sascha: Meinst du? 0 nein. Eher beschämend. Ja, weisst du, es ist beschämend. Man muss sich des Lebens schämen. Wahrhaftig. Hast du schon einmal einen Betrunkenen beobachtet? Liegt wie ein Vieh mit trüben, sinnlosen Augen, fängt plötzlich zu toben an, macht Radau, schreit Unflätigkeiten, bekommt Prügel, zerbricht Scheiben, tobt und wütet, bis er wieder in seinen ekligen Schlaf verfällt; Hast du das schon einmal gesehen und vor Scham nicht vergehen mögen? Nicht anders ist es mit unserem Leben, nicht anders . . . Da liegen wir Ewigkeiten als stinkende Dreckklumpen, bis auf einmal das Jucken über uns kommt, man trippelt und zappelt, haut aus, wird ein „Mensch", macht Radau, „schafft Kultur", bekommt Prügel, teilt Prügel aus, tobt und wütet, bis man wieder zum dreckigen Klumpen zusammenschrumpft und weitere Ewigkeiten fault und stinkt. Scham, brennende Scham überkommt einen dabei. Scham vor der Sinnlosigkeit. . . Vielleicht ist es auch diese Scham, die uns zur Selbstvernichtung treibt. Stefkin: Zur Selbstvernichtung? Du gebrauchst wieder dies Wort. Sascha: Es ist kein Wort, es ist das Leben. So tief und breit und sinnlos wie das Leben. Es ist der einzige Trieb, der unser Leben beherrscht. Stefkin: Der Selbstvernichtungstrieb? Sascha: Ja, der Selbstvernichtungstrieb. Findest du nicht auch, dass das Wort nach verwesenen Leichen riecht? Stefkin: Aber Sascha, es ist doch nicht richtig . . . Das ist doch unsinnig, was du sagst ... Im Gegenteil ... Es ist der Selbsterhaltungstrieb, der all die Kämpfe des Lebens rechtfertigt. Sascha: Rechtfertigt. Deshalb klammert ihr euch ja an ihn, weil er all das „rechtfertigt". Stefkin: Nun ja . . . der Kampf ums Dasein . . . Sascha: Das Wort beruhigt euch. Nenne es richtiger Kampf gegen die Vernichtung, und die Sache hört sich anders an, ganz anders. Stefkin: Nicht doch ... Es ist ja . . . Du wirst doch nicht sagen wollen, dass . . . dass . . . die ganze Wissenschaft. .. Sascha: Eure ganze Wissenschaft schafft euch Märchen, nur Märchen, ihr klammert euch in eurer Todesangst an sie und betäubt euch mit ihnen, bis sie ihre Wirkung verlieren und euch die „ganze Wissenschaft" neue Märchen, frische Betäubungsmittel schaffen muss. Stefkin: Du ... du ... sprichst also . . . unserem Wissen jeden Wert . . . jeden absoluten Wert ab? Sascha: Nein, Freund, der besteht zu recht. Aber in einem anderen Sinne, als ihr wähnt. Nicht als Erlösung, sondern als Vernichtungs werkzeug in der Natur. Stefkin: Unser Wissen? Sascha: Ja, ja, das Teufelsdreck hier in der Hirnkapsel, das seine Blasen treibt. Stefkin: Die Vernunft im allgemeinen? . . . Sascha: Ja, die Vernunft, der Geist, der Intellekt und wie noch das Höllenzeug heissen mag. Hier, hier, liegen die Ausläufer des Vernichtungskampfes, hier, hier sind die Wurzeln des Molochs, und deshalb gibt's kein Entrinnen. Wir selbst sind es, die ihn schaffen, aus unseren Lebenssäften. Deshalb gibt's keine Rettung vor ihm und wir sind für alle Ewigkeiten eingekreist vom Verhängnis, für alle Ewigkeiten. Und nur, damit wir uns nicht einzeln den Strick um den Hals legen — es wäre zu „unästhetisch" — erdenken wir uns alle möglichen Ideale, Ziele, Kulturmsisionen, Torturen, Inquisitionen, Bomben, Galgen, Kanonen, um uns unter Tamtam gegenseitig um die Ecke zu bringen . . . (Mit leichtem Lächeln zu Bjelkin, der die Offiziersuniform bringt): Jetzt wird sie hoffentlich passen. Bjelkin und Stefkin (schweigen). . Wasja (bedeckt das Gesicht mit den Händen). Nina Alexandrowna (die die ganze Zeit ohne was vom Gespräche zu vestehen, mit ßamusow zusammengekauert sass, beim Anblick der Montur): Was soll das? Wasja, was soll damit geschehen? Wasja (der in seinem Schmerz an die Mutter vergessen hat, fährt bei ihrer Stimme zusammen und starrt sie bloss, ohne einen Laut hervorzubringen, entsetzt an). Nina Alexandrowna: Warum starrst du mich so an? Sprich, was hat er damit vor?