Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 317 - 318 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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317 Leo Birinski: Der Moloch. 318 Sascha (gibt das Bingen auf und lacht Bjclkih ins Gesicht): Zum „Licht", zur „Erlösung". Haliaha. „Den Menschen dort ZU helfen." Hahaha. (Er tritt zurück und läuft im Räume lachend umher, bis er sich auf einen Stein niederlässt.) Ramusow: Warum lacht er? Ich möchte auch lachen. Erzähl mir auch was Lustiges. Sascha: Komm, komm her, ich erzähl dir was Lustiges. Zum Lachen ... Ramusow (will zu ihm gehen): Ich hab aber Angst vor dir. Sascha: Komm, Alter. Lebst schon so lange und hast dich noch nicht an die Angst gewöhnt . . . Komm her, ich erzähl dir was Lustiges, dass du vor Lachen vergehst. (Er verstummt, und mit beiden Händen die Schläfen zusammenpressend, versenkt er sich in seinen Schmerz.) Bjelkiil (zu Wasja): Was ist denn geschehen? Was ja: Ach, es ist furchtbar. Er leidet so entsetzlich. Nina Alexandrowna (tritt zu Bjeikin): Was hat er nur auf einmal? Erklären Sie mir es. Ich kenne mich da gar nicht aus. Was ist mit ihm nur geschehen? Wasja: Mütterchen, es ist nichts. Bjelkiil (ihm beistehend): Es ist nichts, Nina Alexandrowna, nichts, es . . . Wasja: Lass nur, Mutter, es wird bald vorübergehen . . . Bloss die Aufregung. Bjeikin: Ja, ja! (Er führt sie zu ihrem früheren Platz und setzt sich nieder.) Es hat .gar nichts auf sich . . . RamilSOW (kauert sich neben Nina Alexandrowna nieder.) Nina Alexandrowna: Wirklich nichts. Bjeikin: Wahrhaftig nichts. (Er geht zu Wasja.) Also sag, was ist eigentlich geschehen? Sascha (steht auf und geht auf Bjeikin zu, mit grosser Ruhe und kalter Entschlossenheit; er legt ihm die Hand auf die Schulter): Sag, Bjeikin, womit hätte das Attentat auf den Gouverneur ausgeführt werden sollen? Bjeikin (starrt ihn verständnislos an). Sascha: Mit welcher Waffe? Bjeikin: Was soll das? Sascha: Mit einem Revolver oder mit einer Bombe? Bjeikin: Was geht das dich an? Du hast dich von uns losgesagt. Sascha: Mit einem Revolver, oder mit einer Bombe? Wasja (entsetzt): Bjeikin! Bjeikin: Willst du? .. . Sascha: Ja! Bjeikin: Willst jetzt wirklich das Attentat ausführen? Sascha (mit einem leichten Anflug von Selbstironie): Jawohl! Wasja: Bjeikin, lass es nicht zu. Er tut es ohne Ueberzeugung. Sascha (lacht kurz auf): Ueberzeugung! (Winkt resigniert ab.) Die hab ich. Bjeikin (nachdem er ihn eine Weile prüfend angesehen): Nein, Sascha! Es geht jetzt nicht. Sascha: Du willst nicht, dass ich es ausführe? Bjeikin: Ich will es nicht. Sascha (ironisch): Wegen der Ueberzeugung? Bjeikin (trocken): Ach nein. Das ist eine Sache für sich. Würde mich auch wenig genieren, wenn ich dich für unsere Zwecke gebrauchen wollte. Moralische Blindekuh hab ich ja nie gespielt. Aber — ich halte dich für irrsinnig. Sascha (ebenso trocken. Sie stehen beide einander wie zwei Bildsäulen gegenüber, losgelöst von allem Persönlichen): Sind meine Reden wirklich so irr? Bjeikin: Im Grunae eigentlich nicht. Und wenn man den Hexensabbat draussen mitangesehen, könnte man dir fast recht geben. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb ich dich für irrsinnig halten m u s s. Ich hab meinen sicheren Weg, aber auf dich kann man sich nicht mehr verlassen. Sascha: Warum nicht? Bjeikin: Weil du für dich nicht einstehen kannst. Sascha: Kannst du es? Bjeikin: Für meinen Weg ja. Sascha: Ich auch. Bjeikin: Und weisst du, wohin er dich führt? Sascha: Ja. Bjeikin: Du bist also fest entschlossen, das Attentat durchzuführen? Sascha: Ja. — Es hangt von der Waffe ab. Bjeikin: Was meinst du damit? Sascha: Jch gehe nur, wenn ich eine scharf gefüllte Bombe, wenn möglich zwei, mitbekomme. J. Bjeikin: Das heisst, du tust es nur, wenn . . . Sascha: Wenn ich selbst mitfliegen kann. Bjeikin: Soweit ist es also mit dir gekommen? Sascha: Ja, soweit. Bjeikin: Und ist dies dein einziger Grund? Sascha: Ja. (Mit einem leichten Lächeln): Siehst also, es ist nicht zu befürchten, dass ich versage. Bjeikin: Doch. Jetzt erst recht. Sascha: Du bezweifelst . . . Bjeikin: Nein. Ich glaube dir schon, dass du es eilig hast, ins „Freie" zu kommen . . . Aber gerade deshalb; Wie ist es nun, wenn dir die Zeit zu lang wird? Sascha: Es muss eben sofort geschehen. Bjeikin: Und wenn nicht? Sascha: Dann musst du mir den Freundschaftsdienst er*. weisen. Bjeikin: Ich? Sascha: Ja. Und mich erschiessen. Bjeikin (trocken, den Kopf schüttelnd): Nein, ich tue es nicht* Wasja (der die beiden die ganze Zeit mit offenem Mund angestarrt hat): Bjeikin, Sascha, ihr seid ja beide von Sinnen!! Nina Alexandrowna: Wasja, was sagte er? Ich verstehe nicht. Was soll das bedeuten? Wasja: Nichts, Mutter, nichts. Bjeikin (legt Sascha di<; Hand auf die Schulter): Ist das dein einziger Ausweg? Sascha: Ja, mein einziger. (Der Schmerz droht ihn wieder zu übermannen und er will es schreiend hervorstossen, beherrscht sich aber.) Ich halte es nicht länger aus! (Ruhiger, resigniert.) Ich will die Rechnung absclüiessen. Bjeikin (der eine Weile nachgedacht hat und dann Anstalten macht fortzugehen, zu Wasja): Pass auf, dass er sich unterdessen nicht was antut, ich komme gleich. Sascha (zu Bjeikin): Wohin? Bjeikin: Stefkin aufsuchen, ob noch die Möglichkeit für ein Attentat vorhanden ist. Wasja: Bjeikin, du lässt ihn wirklich . . .? Bjeikin: Wenn die Voraussetzungen da sind; ja. (Er will fort.} Wasja: Aber Bjeikin. Stefkin (draussen an der Luke): Wasja. Bjeikin: Da ist nun auch Stefkin. (Zur Luke): Stefkin, komm rasch herunter, aber vorsichtig, dass dich niemand ber merkt. Stefkin: Ja! (Er erscheint.) Bjeikin: Nun, wie stehen die Dinge? Stefkin: Ich fürchte, schlecht. Die Polizei ist uns, scheint mir, auf der Spur. Bjeikin: Was? Stefkin: Sie muss irgendwie drauf gekommen sein, dass ich im Auftrage des Zentralkomitees diene. Bjeikin: Ist das eine Vermutung von dir oder hast du Ber weise? Stefkin: Ich schliesse es aus verschiedenen Anzeichen. Bjeikin: Es muss aber noch nicht richtig sein. Stefkin: Nein, das mag sein, aber . . . Bjeikin: Sag, vermutest du auch, dass sie Avas vom Plan gewittert haben? Stefkin: Ich glaube nicht. Aber es wird nicht lange dauern und sie kommen darauf. Bjeikin: Und könnte man es jetzt ausführen? Stefkin: Was denn? Bjeikin: Nun, das Attentat. Stefkin: Nach dem früheren Plan? Bjeikin: Ja. Stefkin: Jetzt wäre es am allersichersten. Im Palais des Gouverneurs ist alles drunter und drüber . . . Aber wie willst du es jetzt anfangen? Bjeikin: Sascha hat sich nun bereit erklärt, es auszuführen. Stefkin: Wirklich? Ist er von seinen Ideen abgekommen? Bjeikin: Nein, aber er ist, scheint mir, in eine Sackgasse hinein. Wasja (verzweifelt): Bjeikin, du kannst ihn doch unmöglich jetzt . . . Bjeikin: Warum denn nicht?