Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 315 - 316 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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315 Leo Birinski Der Moloch. 316 und' Gerippe in. wüstem Durcheinander ... Röcheln . . . Stöhnen . . . Wutgeheul . . . Gewimmer . . . Schnierzensschreie . . . wahnsinniges Lachen . . . darüber die düster stummen Schwingen einer grausen Todesangst . . . Durch diese wüsten Haufen von zuckenden Fleischklumpen, geronnenem Blut, Gerippen und Totenschädeln kriechen in fieberwilder Hast lebendige Leichen; arme, vom Schicksal verprügelte Menschenkinder mit leergeweinten Augen und vom Weh zerfressenen Seelen und Herzen. In wahnsinnigem Grimm bahnen sie sich ihren Weg. Zertreten Kinder, Frauen, Greise, Krüppel. Nur vorwärts, vorwärts, dem scheusslichen Ungetüm zum Frass! Ich liege in Schauderkrämpfen, gewürgt von einem irren Graus, aus den Poren spritzt mir Blut, das Hirn wird welk . . . ich sehe den schmerzenstollen Weg, ich sehe das scheusslich blöde Ziel und kann nicht warnen, kann nicht schreien. Gelähmt ist mir die Zunge, die Schreie stauen sich in der Kehle und würgen mich. Das Scheusal grinst und schlingt und kaut und schmatzt und grinst und lockt . . . (A tempo stösst Agrafena die Tür auf und verschwindet. Es dringt für eine Sekunde Licht und Geräusch ein. Die Türe fällt wieder zu. Sascha bricht ab und starrt zum Eingang. Ebenso die anderen. Eine kurze Weile herrscht Schweigen.) Wasja (ergreift Saschas Hand): Bruder, jetzt verstehe ich dich ganz. Du hast ja schreckliche Qualen durchmachen müssen. Sascha (sich schüttelnd): Ja . . . schreckliche Qualen . . . Wasja: Ueber mich sind auch zuweilen solche Gedanken gekommen . . . aber . . . das ist Nebensache . . . W;e hast du es nur ertragen können? Sascha (mit tiefer Wehmut): Ja, das weiss ich selbst nicht. (Mit anwachsendem Sarkasmus.) Doch . . . doch . . . ich weiss es, ich weiss, warum ich es überstanden habe; es gilt noch einige Steigerungen durchzumachen . . . Nur nicht verzweifeln!! Es gilt noch weiterzugehen in der Qual, noch weiter, weiter, es gibt noch höhere Punkte. Es heisst sich schonen für die höheren Skalen, für die Steigerung. Die Qualen haben noch Möglichkeiten, es gilt sie alle durchzukosten. Wasja (mit Tränen in der Stimme): Bruder, liebster, teuerster Bruder, lass doch nun ruhig mit dir reden . . . ich verstehe dich jetzt vollkommen . . . Du sagst . . . nein . . . du hast eingesehen, dass all das Streben und Ringen der Menschen einem höheren Ziele zu . . . sinnlos und umsonst ist . . . dass es so ein Ziel überhaupt nicht gibt . . . dass dieses hehre verheissungsvolle Etwas, zu dem sich die Menschen durch Blut und Leichen unter tausend Qualen und Martern den Weg bahnen . . . ein Idol . . . ein nimmersatter hämischer Moloch ist, der sieh an unseren Qualen weidet . . . nicht wahr ... so sagst du . . . Ich will nicht untersuchen, wie weit du recht hast. (Herausplatzend.) Ich habe Angst: du hast recht, furchtbar recht . . . aber. . . siehst du . . . verstehe mich . . . angenommen, es wäre so ... du hast es eingesehen . . . die Menschen noch nicht ... sie glauben an ihr Ziel . . . opfern sich diesem ihren Moloch, wie du es nennst . . . gut . . . lass sie ... du hast es eingesehen . . . aufhalten kannst du sie nicht . . . also bleib du ruhig und . . . und lass sie . . . Sascha (aufschreiend, aus ganzer Seele): Das darf man ja nicht! Wasja: Was darf man nicht? Sascha: Mit verschränkten Armen zusehen. Wasja: Warum denn nicht? Sascha: Weil man es nicht kann. Das ist ja eben dieser schreckliche Fluch!! Wasja: Ich verstehe dich nicht. SaSCha: Was verstehst du da nicht? (Schreit mit tränendurchtränkter Stimme, jedes Wort wie einen Peitschenhieb gegen sich selbst hervorstossend.) Man kann aus dem Bannfluch dieses grausigen Verhängnisses nicht herauskommen! Man kann diesem wüsten Totentanz nicht müssig zusehen, man muss mittun, mittun. . . Wasja: Auch wenn man die Nutzlosigkeit und Unvernunft eingesehen hat? Sascha: Ja, ja, ja, auch dann. Du kannst dagegen ankämpfen, kannst dich dem in den Weg werfen und zertreten werden, kannst dagegen toben und wüten und daran bersten, kannst darüber lachen und an dem Gelächter verrückt werden, aber stumm mit müssigen Händen kannst du nicht bleiben. Musst mit, musst mit, hinein in den Reigen. Wasja: Also du willst? Sascha: Nein, ich will nicht, ich will nicht, »ich muss! Aber ich gehe doch nicht, ich gehe nicht! (Lacht wie wahn- . sinnig.) Ich werde doch gehen, kriechen werde ich auf allen vieren zu ihm. Er will es ja. Da hört mein Ich auf. Dich zieht es ja auch zu ihm. Wasja: Mich? Sascha: Wolltest ja zu ihm, so wie die anderen, Niuta, Werbenko und alle, alle. Wasja: Wir wollen ja helfen . . . Dort den Menschen . . . aus Mitleid. Sascha: Ach, Mitleid, helfen . . . Was könnt ihr helfen, wem könnt ihr helfen? Das ist der Köder, das sind die Märchen, mit denen euch der Moloch an sich zieht, zum Frass, sonst nichts. Er hat für jeden andere Märchen, andere Lockmittel. Für die einen heisst es die Religion, für die anderen die Kultur, der Fortschritt, die Menschenliebe, die Menschheit, es ist derselbe Köder, führt zu:u selben Ziel: zur Vernichtung. Wasja: Und du? Sascha: Ich? Ich muss mit offenen Augen, mit offenem Hirn zu ihm gehen, ohneMärchen,ohneSelbstfcrug. Verstehst du? Wasja: Entsetzlich. Sascha: Mit aufgerissenen Augen muss ich in diesen Abgrund voll Dreck und Unrat sehen, in den wir alle unabwendbar müssen, muss mich selbst kopfüber hineinstürzen, mich selbst, ohne Märchen, ohne Trug ... Kopfüber hinein . . . Wasja: Du hast dich doch dagegen gewehrt. Sascha: Ja, gestern, vor vierundzwanzig Stunden. Da hatte ich noch mich. Da pochte ich noch auf mein Ich. Auf meinen Willen. Da glaubte ich noch, mich von diesem blutigen Narrenspiel lossagen zu können. Ich kann es nicht. Ich kann es nicht. Niemand kann es! Hatte noch einen einzigen Lichtblick. Wasja: Und dies war dein innerer Kampf die ganze Zeit hier. Sascha: Ja, der Kampf um mich. Ob ich ein Recht hab» ich zu sein. Nein, ich habe es nicht. Niemand hat es. Wir müssen alle mit kreisen in diesem Wirrsal. Wir sind alle nur grausame Werkzeuge irgendeines grausamen Narren. Und nichts sonst. Wasja: Und gibt's da keinen Ausweg? Sascha: Ja, sich fressen lassen. Und um die eigenen Todeszuckungen zu übersehen, indessen andere fressen. Friss mich, erwürge mich, erschiesse mich. (Klammert sich mit Wahnsinn an diesen Gedanken.) Ja, ja, ersclliess mich. Wasja: Sascha! Sascha: Hast mich ja lieb, sagst du, ich bin ja dein Bruder, erschiesse mich, mache meinen Qualen ein Ende. Wasja: Entsetzlich. Nina Alexandrowna: Barmherziger Gott. Sascha: Ich ertrag es nicht länger. Erschiess mich. Mutter, tu du es. Erbarme dich meiner. Macht mir ein Ende. Habt ihr keine Waffen hier? Erschiesst mich doch. Erwürgt mich. Tut, was ihr wollt, aber macht mir ein Ende. BjelkiflS Stimme (an der Luke, sich überstürzend): Wasja, Wasja. Ist schon wer von den Leuten zurück? Wasja: Bjelkin, komme rasch herunter. Hilf uns. Rasch . . . Bjelkin: Ja, was gibt's denn? (Er läuft zum Eingang, reisst die Türe auf, es dringt Getöse und Lieht ein, er lässt die Türe zurückfallen und läuft die Stiegen herunter.) SaSCha (will die Stiege hinaufstürzen): Moloch, ich komm schon;' Ich komm schon! Wasja: Bjelkin, lass ihn nicht. Nina Alexandrowna (schreit verzweifelt): Sascha, bleib ... Saschenka. Bjelkin (stellt sich ihm in den Weg). Sascha: Lass mich! Bjelkin: Nein, bleib hier! Wasja: Bruder, Bruder! Nina Alexandrowna: Saschenka, bleib doch. Sascha (ringt mit Bjelkin): Lass mich! Bjelkin: Nein, ich lass dich nicht. Wohin willst du denn?