Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 313 - 314 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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313 Leo Birinski: Der Moloch. 314 Was d ü r f t ihr können? Schläge bekommen und euch in Angstkrämpfen zu winden» an euch selbst verzweifeln, aber nicht entrinnen. Entrinnen kannst du dir nicht. Nein, nein. Dort draüssen ist dein „Ich", euer „Ich". Das euch mit seinem Grinsen zu Tode peitscht. Dem entziehst du dich nicht. Das hält dich, hält dich, bis du in Todeskrämpfen verreckst. Und du musst verrecken. Schreie hunderttausendmal „Ich"; schrei und verrecke. He! Das ist dein „Ich". Geh zu ihm. Wolltest ja gehen. Nun geh doch zu ihm. Er wartet schon auf seinen Frass. Wasja: Von wem sprichst du da? Sascha: Von dem da draüssen, der mit blutigen Augen hereinstarrt, der dort schmatzend grinst und gröhlt. Hörst du? Er wird auch dich bald verzehren. Dich und uns alle. Da gibt's kein Ausweichen, da gibt's kein Draussenbleiben. Da gibt's kein „Ich". Und willst du nicht, so musst du kommen. Auf allen Vieren musst du zu ihm kriechen. Musst dich selbst in seinen bluttriefenden Rachen stürzen, in seinem blutiggalligen Geifer ersticken. Du musst, du musst, da gibt's keinen Widerstand, du musst, das ist dein „Ich". Wasja: Sascha, du hältst noch immer an deiner Meinung fest. Sascha: Sie hält mich fest. Wasja*. Schäme dich doch nicht, einzugestehen, dass du jetzt anders siehst. Sascha: Was ich jetzt anders sehe? Was sehe ich denn jetzt anders? Wasja: Nun, das ist ja der Kampf, der in dir wütet. Sascha: Das? Du bist ein Narr. Ein Narr, sage ich ... Wasja: Hab ich nicht recht? Ist es nicht so? Sascha: Nein, nein, nein und tausendmal nein. Ich bin jetzt mehr denn je davon überzeugt. Wasja: Was aber quält dich so? Sascha: Was mich quält? Ha—ha—ha! Was mich quält? Wasja: Schau . . . Bruder, lass doch mit dir ein vernünftiges Wort reden. Sascha: Rede nur, rede, vernünftiger Bruder . . . Wasja: Nun ja . . . siehst du ... du ... du sitzt seit gestern hier . . . man sieht dir doch den furchtbaren Kampf, der in dir tobt, an . . . Was ist das? . . . Du hast dich von uns losgesagt . . . nun gut ... Es ist ja, für sich genommen, so traurig ... so furchtbar, so entsetzlich versteh mich recht, ich mach dir keinen Vorwurf daraus . .; es soll jeder seinen Willen haben. Sascha (lacht auf): Unverbesserlicher Narr. Wasja: Nun ja ... es haben sich deinethalben so viele unserer besten Kameraden den schwersten Martern ausgesetzt ... es macht nichts ... es handelt sich nicht darum, dass sie daran zugrunde gegangen sind . . . sondern . .. dass ... es jetzt so nutzlos, so lächerlich erscheint ... so ... als ob man sie um ihr Leben geprellt . . . zum Spass . . . das hinterlässt ein so herbes Gefühl von . . . von .. . von ... Sascha (zischt ihm ins Gesicht): Von Scham, von Scham! Wasja: Jawohl — von Scham. Sascha: Eine würgende Scham, diesen weiten grausen Leidensweg umsonst, ganz umsonst gemacht zu haben. Kein Ziel, kein Sinn. Nur gejagt und gehetzt von dem wilden Fluch irgendeines tollen Dämons. Jetzt weisst du es, wie es mir zumute war, als ich es das erstemal einsah. Wasja: Sascha . . . Sascha: Ja, ich! Dort in der Zelle, als mich dieser ganze wüste Unsinn zum erstenmal angrinste. In der feuchten, engen Zelle nach der Tortur. Wasja: Man hat dich im Gefängnis gefoltert? Sascha: Jawohl, mein Söhnchen, man war so liebenswürdig, und ich freute mich dessen. Sie brannten und stachen auf mich los, und ich lag mit zusammengepressten Zähnen und freute mich der Schmerzen. Ich genoss mich, meine Aufopferung, meine Qualen für die grosse helle Zukunft der Menschheit, für das hohe Ziel, das vor meinen Augen in seiner hehrsten Pracht erglänzte. Ich war stolz auf die Marter. Aus meinen Qualen, aus meinem Blut, das mir die Henkersknechte tropfenweise abzapften, sollte ja dieses wunderherrliche Neue entstehen. Man peitschte mich mit Nagajken wie einen räudigen Hund, man trat mich mit Füssen, man riss mir die Haare büschelweise aus dem Kopfe, dass mir das Blut über Mund und Augen rann. Wie einem störrischen Tier grub man mir zackige Sporen in den Leib, mit kotigen Stiefeln trat man mir auf den Hals, auf die Lippen und würgte mich. Und ich, ich lag schmerztrunken und litt, litt für die Menschheit. Und je qualvoller die Marter, je herber die Pein, um so heisser der Rausch, um so schwellender der Stolz auf mich selbst, auf meine Qualen, dazu auserwählt zu sein, diese Marter für alle ertragen zu dürfen, für alle, für die Allgemeinheit, für die Zukunft, für den Fortschritt, für die Menschheit. Für die Menschheit! Für die Menschheit!!! (Er schluchzt vor innerer Erregung.) Wasja (fällt ihm enthusiasmiert ins Wort): Siehst du, Sascha, siehst du, dieses Erhebende hat dir ja alle Schmerzen genommen. Sascha: Genommen, ja, genommen! Um sie mir dann auf einmal mit voller grauser Wucht in die Seele zu schleudern. Wasja: Ich ... Sascha: Ja. Als diese „hehre zukunftsreiche Morgenröte" zu einer grauenvollen Fratze zusammenschrumpfte und mir ins Gesicht kicherte: „Und wie, Freundchen, wenn es so etwas überhaupt nicht gäbe, und wie, wenn das, was ihr unter Menschheit versteht, bloss ein Aufsitzer wäre; und wie, wenn das Licht, nach dem euch die Sehnsucht seit Jahrtausenden verzehrt, zu dem ihr schon jahrtausendelang durch Blut und Dreck watet, nur ein Blendwerk, ein Irrlicht wäre; und wie, wenn euch bloss ein schadenfroher, übermütiger Kobold äfft. Wenn der Weg ein falscher, das Ziel ein falsches, das Ziel überhaupt kein Ziel ist. Nun, was dann? Was dann? Für wen hast du dann gelitten? Für wen? Hi—hi—hi. Für wen? Für wen schinden dich diese Henkersknechte bei lebendigem Leib. Für wen tut man dir diesen Schimpf an? Für wen? Hi—hi—hi. Für niemand! Für nichts! Für einen schlechten Witz!" Ich lag da, gefesselt von einem schaurigen Entsetzen und konnte diesem kichernden Fratzenbild nicht entwischen. Ich höhnte meine Peiniger, ich eiferte sie an, ihre Torturen zu verdoppeln, zu verzehnfachen; ganz untertauchen wollte ich in meinen Schmerz, mich vor diesem Kichern verlieren, aber es kroch nach, kroch nach bis in die wehesten Tiefen meiner Schmerzen und höhnte und kicherte und kicherte und höhnte . . . Und später erst, in der Zelle! Herrgott, in der Zelle! Da war die ganze Hölle auf mich losgelassen! (Er läuft wie wahnsinnig in dem Raum umher. Währenddem rückt Agrafena ängstlich mehr und mehr dem Hintergrund der Bühne zu, in der Richtung zum Ausgang. Nina Alexandrowna und Ramusow sitzen ängstlich aneinander gepresst.) Mit zerschundenem Körper, mit blutenden, eiternden Wunden an Leib und Seele lag ich da, eingeschlossen von dem höhnischen Grinsen eines Scheusals. Aus dem Boden, aus den Wänden, aus der Decke, aus allen feuchten Ritzen züngelten schmerzlüsterne Blicke zu mir und stocherten und wühlten in meinen offenen Wunden. Tausende leichenkalte, markerschütternde Stimmen peitschten auf mich los. „Umsonst, umsonst! Umsonst das Ringen, umsonst die Qual, umsonst die Pein, umsonst das Weh, umsonst der Weg! Geprellt und genarrt! Alle seid ihr geprellt! All euer Ringen war und ist sinnlos und umsonst, alle euere Ziele, Ideale, alle euere Merksteine sind selbstgeschaffener Trug, nur um das Entsetzen und die Verzweiflung in euch zu betäuben. Hier, hier allein ist euer einziges Ziel!" Und in greulich wüstem Gewirr sehe ich die Bücke und Stimmen zu einem scheussliehen Etwas sich verzerren. Ein Ungetüm aus Fäulnis und Verwesung ersteht vor meinen Augen, ein Rachen, der mit gemächlichem, schwammigem Lustbehagen Menschenleiber kaut. Die Nüstern prusten Aasgeruch, in den schwarzen Höhlen starren versteinerte, schimmlige Augensterne, bedeckt mit Spinngewebe. Im Rachen brodelt giftiger Geifer und rinnt in langen, klebrigen Fäden durch die eklig schmatzenden Kinnladen, die angenagte Knochensplitter und Fleischklumpen wie zerkaute Klösse ausspeien. In unbegrenzte Weite zerrinnt der enge Raum, ich sehe den Erdenball: ein schauervolles Leichenfeld. Zerstückelt, in wilden Zuckungen liegen Menschenkinder zerquetscht wie Scha- . ben in ihrem Blut. Tote und Lebendige, Lebendige und Tote in wildem Ringen verkrallt, Verwundete, Leichen