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Ost und West · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 311 - 312

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-05-01
Page
Seite 311 - 312 (sequence 5)
Language
German
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811 Leo Birinski: Der Moloch. 312 Agrafena: Heilige Muttergottes, erbarme dich seiner, lass ihn nicht vergehen .. . Nina Alexandrowna: Saschenka, Liebling, man darf nicht so ... (Sie will ihn trösten, weiss aber nicht wie und womit, wird deshalb unsicher und droht jeden Moment in lautes Schluchzen auszubrechen.) Weisst du ... es ist schon so . . . Saschenka, Herzchen, Täubchen . . . Man muss nur . . . Liebling . . . Teuerster ... es geht bald alles vorüber. (Ohne XJeberzeugung; sich selbst an das Wort klammernd.) Ja, ja, es geht alles vorüber, es ist kein Grund zum Verzweifeln . . . Du musst nur gesund bleiben. Du bist nicht krank, Gott bewahre, das sage ich nicht, aber du darfst dich nicht aufregen, nein, nein. Saschenka, bleib nur ruhig, es wird sich schon alles legen, mit Gottes Hilfe . . . Agrafena ist eine dumme Bäuerin, du sollst auf sie gar nicht achten. Der böse Geist wäre in dich gefahren, in meinen Sascha, das soll dich nicht kränken, nein, bleib nur ruhig ... Es hat ja gar nichts auf sich . . . sicher nichts . . . Auch Papa ist nichts ... es Avird vorübergehen ... Er wird wieder der alte werden . . . Es ist bloss die Unruhe jetzt, die so wirkt . . . auf dich auch, Saschenka . . . aber du bist nicht krank, Gott bewahre ... du darfst dich nur nicht aufregen und dir keine Sorgen machen . . . meinethalben schon gar nicht . . . weisst du, ich verspreche dir . . . hoch und heilig . . . ich kann dir es auch schwören . . . dass ich dich sofort zurück ins Ausland fahren lasse. Ja, ja, ich werde dir mit keiner Silbe einen Vorwurf machen . . . ich verspreche es dir . . . Saschenka, Täubchen, Herzchen . . . wahrhaftig . . . auch nicht, warum du uns damals so verlassen hast . . . nein, mit keiner Silbe will ich danach fragen . . . Du sagst, ich sei schuldig . . . gut, ich bin schuldig ... ich will es büssen . . . sühnen . . . Gott wird es mir vergeben, du auch . . . später einmal wirst du mir sagen, woran ich eigentlich schuld bin . . . später, reg dich jetzt nicht auf . . . ich bin schuldig, ja, ja, und will es sühnen . . . bleib du nur ruhig und werde gesund . . . es wird sich schon alles irgendwie ordnen . . . Ich bin mir keiner Schuld bewusst . . . werde dich auch nicht zurückhalten, wenn du wieder ins Ausland willst . . . es ist zwar nicht nötig . . . aber ich werde dich nicht zurückhalten . . . ich werde mich zusammennehmen . . . ich werde nicht weinen. . . ich verspreche es dir ... du sollst dir deshalb keine Sorgen machen . . . das ist doch klar . . . selbstverständlich ... du musst in die Welt . . . bist jung ... ja, ja ... es wäre eine Sünde, dich zurückzuhalten . . . ich würde mir es nie vergeben, wenn ich es täte ... du kannst mir es glauben ... du musst fort . . . was sollen wir alten dummen Leute dir geben können ... ja, ja ... es ist schon so . . . ich bin ein altes, dummes Weib . . . woher soll ich alles wissen. Es tut weh . . . aber ... du brauchst dich nicht aufzuregen. . . weisst du . . . wie du noch klein warst, da war es ja anders, da bist du jedesmal gelaufen gekommen: „Muttele, da tut's mir weh, so weh", und da hat das Muttele geholfen . . . aber jetzt. . . jetzt. . . Wenn die Kinder gross werden . . . werden sie ja fremd . . . ganz fremde Menschen . . . andere Gedanken . . . andere Augen . . . andere Schmerzen . . . das tut weh, bitter weh . . . aber, Saschenka, es ist schon so . brauchst dich deshalb nicht zu kränken . . . Saschenka, Liebling, du bist überzeugt, dass ich schuldig bin, nun gut, nehmen wir an . . . Sascha (mit schwacher Stimme): Du bist nicht schuldig. Dich trifft keine Schuld. Niemand trifft sie. Alle werden wir gejagt, alle. Nina Alexandrowna (geht, in Angst, er könnte wieder einen Anfall bekommen, um ihn zu beruhigen, auf seine Gedanken verständnislos ein): Ja, ja. Sascha: Ohne jede Schuld, alle, alle. Nina Alexandrowna: Ja, ja, Saschenka. Sascha: So unabwendbar ist dies Verhängnis . . . Nina Alexandrowna: Ja, ja, Saschenka, bleib nur ruhig. Sascha: Ruhig bleiben. Das darf man ja nicht. Nicht einmal das. Nur mittun. Mit hinein in den Wirbel. Und wenn du auch den Wahn einsiehst, in seiner ganzen tollen, nackten, grausigen Nutzlosigkeit. Du musst mit. Darfst nicht müssig zusehen. Musst mit, kannst lachen, kannst an dem Lachen verrückt werden, aber musst mit. Mit hinein, wo es am tollsten ist. Nina Alexandrowna (herausplatzend): Könnte ich dir doch helfen! Sascha: Da gibt's keine Hilfe. Da heisst's verrecken. In Qualen verrecken und verrecken. Kannst lachen, aber musst verrecken. Das einzige Ziel, der einzige Weg! Nina Alexandrowna: Saschenka ... Sascha (stösst sie von sich): Lass mich, lass mich. (Verliert wieder jede Herrschaft über sich.) Was wollt ihr von mir? Lasst mich doch in Ruhe. Ihr seid ja alle verrückt. Nina Alexandrowna: Barmherziger Gott! . . . Sascha: Geht, lauft doch hin zu euren Brüdern, euren Mitmenschen da draussen, geht, küsst euch, massakriert euch, umarmt euch, peinigt euch. Was wollt ihr von mir? Ich will mit eurem Wahn nichts zu tun haben. . . . Lasst mich in Ruhe, was wollt ihr von mir?! Was ja: Es will ja niemand was von dir. Sascha (zischt ihm ins Gesicht): So?! Niemand?! (Er lacht sarkastisch auf und verstummt.) Nina Alexandrowna (kauert in einiger Entfernung von Sascha nebeD Agrafena nieder und schluchzt). Agrafena: Mütterchen, beten Sie lieber, dass ihm Gott beistehe. Beten Sie. Wir müssen ihm sein Seelenheil retten. Man müsste sich mit einer Mannsperson beraten, was da zu tun sei. Die Männer kennen sich in himmlischen Angelegenheiten besser aus. Mütterchen, wir dürfen nicht zulassen, dass er in die ewige Verdammnis kommt. Was ja (herrscht in seiner Verzweiflung Agrafena an): Hör du doch mit deinem blöden Geschwätz auf. (Er bereut seinen Ausfall, mit sanfter stimme): Was ist dir in den Kopf gestiegen. Bete nur weiter, und lass die Mutter in Ruh. RamUSOW (schleicht zu Nina Alexandrowna und lässt sich neben sie nieder): Ich habe Angst. (Er vergräbt sein Gesicht in ihren Schoss.) Erzähl mir etwas Lustiges . . . ein lustiges Märchen. Nina Alexandrowna: Ja, ein lustiges Märchen. Ramusow: Ja, ja, tu es. Ein lustiges Märchen. Nina Alexandrowna (ihn beruhigend): Ja, ja. Was ja (sanft, mit erzwungener Ruhe): Höre, Sascha, ich glaube, du marterst dich umsonst. Deine Angst ist unbegründet. Du fürchtest noch immer, wir werden dich zwingen, doch das Attentat zu begehen und dein Leben zu riskieren. SaSCha (lacht ihm sarkastisch ins Gesicht): Werdet ihr es nicht tun? Wasja: Nein, Sascha, nein. Sascha (wie oben): Wirklich nicht? Wirklich nicht? Ha—ha! Wasja (unsicher geworden): Nein. Sascha (wie oben): Wahrhaftig? Wasja: Entsetzlich. Dich quält ja etwas anderes! Sascha (wie oben): Bist du aber scharfsinnig. Wasja (verzweifelt): Sascha, was hast du eigentlich? Du warst ja früher nicht so. Sascha (schreit): Wahrhaftig. Wirst auch anders werden. Ganz anders. Bis du hinter dich selbst dahinter kommst. Bis dir der Boden unter den Füssen zerrinnt. Bis du dich selbst mit eigenen Händen vor deinen eigenen Augen in tausend scheussliche Fetzen zerreissen wirst. Dir selbst zum Ekel. Bis du dich vor Scham und Ekel im eigenen Geifer wirst ertränken wollen. Wasja: Bruder, hab doch Erbarmen mit dir selbst. Dich würgt ein furchtbarer Schmerz. Sprich dich ganz aus . . . das hilft . . . ja, ja, Sascha .-. . ich ahne es ja, was es sein kann. Sascha: So, du ahnst es. Wasja: Lass diesen boshaften Ton. Du tust dir selbst damit weh. Er passt nicht zu dir. SaSCha (lacht auf): Er passt nicht ZU mir. (Aus tiefem Verlangen, dem er nicht widerstehen kann, Wasja weh zu tun): Du bist ein Narr! Ein Narr bist du! Merk dir das, ein Narr! Wasja (in rastloser Verzweiflung, den Tränennahe): Sascha, was hab ich dir denn getan? Sascha (in Wut über sich, aus allen Kräften schreiend, so dass man seinen ganzen inneren wilden Verzweiflungskampf heraushört): „Ich", „Ich", Wer bist du? Gewöhn dir doch diese Redensart, diese grossgezogene Lüge ab. „Ich". Vergiss daran, dass du wer bist, dass du auch nur das geringste Recht hast, wer zu sein, dass du was kannst, was willst! Seht doch, zum Teufel, endlich ein, dass ihr nichts seid. Dass man euch mit diesem „Ich" genarrt hat, mit diesem aufgeblasenen, selbstherrlichen „Ich". Was könnt ihr?

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