Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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309 Leo Biriuski:; Der Moloch. 310 Wasja liegt entkräftet auf einer Stufe und stöhnt. Sascha sitzt unbebeweglich wie vorher, nur dass er sich in wildem Schmerz die Hände in .das Haar vergraben hat. Nach einer Weile hört man auf der Strasse die betrunkene Stimme eines Vorübergehenden knapp an der Luke.) Die Stimme: Das Luder war zäh wie eine Ratte. Ich ihr eines in die Fresse und sie (nachäffend) „Lasst mich leben." Leben will sie, so ein Luder ... (Er lacht. Eine zweite, betrunkene Stimme lacht heiser mit.) Sascha (springt bei diesen Worten auf, stürzt einige Stufen zum. Ausgang hinauf, kommt aber gleich zur Besinnung, hält ein, erfasst einen Pfosten und hält sich, wie wenn er jemand, der ihn wegziehen will, Widerstand leisten wollte, fest) Nina AIexandrowna (bekreuzt sich): Um Gottes willen, was hat er?. Sascha (kommt durch Nina Alexandrownas Stimme zu sich, dreht sich rasch um, will aus tiefster verwundeter Seele eine Antwort, die ihn würgt, entgegenschreien, lacht aber bloss sarkastisch auf und setzt sieh auf seinen früheren Platz). Agrafena: Mütterchen, beten Sie, beten Sie. Nina AleXandrOWna (in ihrer Verzweiflung Agrafena anschreiend): LasS doch dein Geschwätz! (Tritt zu Wasja, der in der Nähe Saschas auf den Stufen liegt.) Komm herunter. (.Mit einem scheuen Blick auf Sascha.) Was hat er denn, was geht mit ihm vor? Warum ist er so verändert? Wasja: Lass ihn, Mutter . . . lass ihn ... es ist nichts . . . ich weiss es auch nicht. . . Lass ihn, er leidet furchtbar. . . Nina Alexandrowna: Aber warum denn, warum denn? (Sic tritt fast ängstlich zu Sascha und setzt sich neben Um.) Saschenka, was ist dir? Bist du krank? Was fehlt dir? Warum sprichst du kein Wort? Was hast du gegen uns? Hast uns so plötzlicli verlassen, ich weiss nicht, wohin . . . bist auf einmal wieder da, sitzest hier schon seit vierundzwanzig Stunden, sprichst kein Wort. Warum das? Was habe, ich dir getan? Warum bist du mir böse? Womit habe ich mich gegen dich vergangen? Sag es doch. Ich weiss nichts. Sag es doch. Ich will es wieder gutmachen, Saschenka. Sascha (mit milder, mitleidvoller Stimme): Kannst es nicht gutmachen. Nina Alexandrowna (mit innerer Freiide, dass er zu sprechen angefangen): Doch, Saschenka, doch . . . ich will alles versuchen. (Zögernd.) Was habe ich aber verbrochen? Sag es, Saschenka . . . Sag es doch. Sascha (antwortet nicht, sieht sie bloss mit stummem Leid an). Nina Alexandrowna: Saschenka, ich bin mir keiner Schuld bewusst. Sag es doch, wenn du glaubst. Sprich dich doch aus. Vielleicht siehst du die Dinge anders an als sie sind. Vielleicht bin ich gar nicht schuldig. Vielleicht tust du mir unrecht. Sich erheb, Saschenka. Du tust mir ganz gewiss unrecht. (Sie schweigt.) Sascha (bleibt stumm). Nina Alexandrowna (ratlos): Sascha, Saschenka, sag doch etwas. Schau mich nicht so an. Sag, was hast du mir vorzuwerfen. Womit hab ich mich gegen dich versündigt? Was hab ich verbrochen? (Verzweifelt.) Nenne mir doch mein Verbrechen. Was ist es? Worin besteht meine Schuld? Was habe ich verbrochen? Sascha (schreit auf einmal auf, um sich in seinem wilden Schmerz Luft zumachen): Das Furchtbarste! Das Schrecklichste! Das Schwerste! Du bist an meinem Leid schuld! Du, du, du allein! du! du! du! du! Nina Alexandrowna (bekreuzt sich entsetzt): Saschenka! Gott mir dir, Saschenka! Sascha (Mit ein, winkt resigniert ab, fährt ihr dann zweimal begütigend mit der Hand über den Arm.) Nina Alexandrowna (schluchzt bitterlich). RamUSOW (weint, in seinem Winkel versteckt, leise mit). Agrafena (murmelt hastig und inbrünstig ihre Gebete, die Glocken tönen dumpf, man hört, wie am Anfang, gedämpften Lärm in der Ferne.) Sascha (hält mit beiden Händen die Schläfen fest gepressb und starrt vor sich hin). Nina Alexandrowna (streichelt ihm liebkosend Arme und Knie): . . . Saschenka, ärgere dich nicht ... es macht nichts . . . ich verarge es dir gar nicht, du hast mich nicht gekränkt. Nein, nein, sicher nicht ... es hat sich nur so herausgerissen, es ist immer so, wenn man einen Schmerz auf dem Herzen hat, es hat nichts zu bedeuten. (Nach kurzer Pause): Aber was. hab ich denn eigentlich getan? Bitte, sprich dich aus. Es tut gut, glaube einer alten Frau, es tut gut. Es klärt so manches Miss Verständnis auf. Sascha (zischt ihr ins Gesicht): Das da draussen auch?! Dieses teuflische Missverständnis da draussen auch? Ha! Was? Nina Alexandrowna (verständnislos): Saschenka, Sa— Sascha: Soll ich mit in den Reigen hinaus? Ha! Was? Soll ich? Soll ich mit, in den wüsten Totentanz dort draussen? ... Wasja: Mutter, er will auch hinauf. Sascha (schreit aus allen Kräften mit fast an Wahnsinn grenzender Verzweiflung): Nein, nein! Ich gehe nicht! Ich will nicht! (Schreit in der Richtung zur Luke): Ich gehe nicht! Und wenn ich daran verrückt werde, gehe ich nicht! Wasja: Ach, Mutter! ... Nina Alexandrowna: Kinder, was habt ihr? Ich verstehe euch nicht. Sascha (mit schadenfroher Bosheit; aus dem Verlangen, jemandem weh zu tun): Ha! Verstehst nicht! Aber mich in diese teuflische Hölle zu werfen verstandest du. Ha! Graut dir jetzt davor? Vor diesem furchtbaren Verbrechen, das du an mir begangen hast? Ha! Nina Alexandrowna (schreit ausser sich): Was für ein Verbrechen hab ich denn an dir begangen?! Sascha (schreit nahe ihrem Gesicht): Dass du mich geboren hast, dass du mich in diese Welt gesetzt hast. In diesen tollen Blutwirbel, diesen schmerzgierigen Wahnwitz. Ha? Verstehst du nun, was das heisst? Du bist an meinem Leid schuld, du, du, du, du! ... Nina Alexandrowna: Woran leidest du denn? Sascha: Woran? Ha? Ich? Nein, ich leide nicht, ich leide nicht. Ich lache bloss über euch, ha—ha—ha, ich lache, ich lache über euren Lebenswahn, über euer grausiges Zappeln, ha—ha—ha, ich lache bloss . . . ich lache bloss .. . (Ist nahe am Zusammenbrechen.) Nina Alexandrowna (schluchzend): Er hat den Verstand verloren ... Sascha (mit schwacher, keuchender Stimme, die allmählich an Stärke gewinnt, bis er am Schlüsse fast zusammenbricht): Nein, nein, ich bin noch nicht so weit, nein! Wäre ich's doch schon. Wäre ich doch schon verrückt und sähe dies alles nicht. Ginge es mich doch nichts an! Es geht mich auch gar nichts an, nein!! Ich will nicht, dass es mich angeht. Ich will nicht. Hörst du, grinsender Moloch da draussen; hörst du, ich gehe nicht zu dir! Nein, ich gehe nicht. Ich will nicht. (Lacht sarkastisch.) Ich will nicht. Hinein, hinein, heisst es, hinein in den Reigen, hinein in den Wirbel, hinein in den Totentanz. Zappeln, leiden, verrecken heisst es, hinein! Nur .nicht abseits bleiben. Hinein. Hinein. (Zu Nina Alexandrowna in wahnsinniger Verzweiflung): Doch du gehst mit. Du bleibst nicht hier. Du kommst mit zum Moloch. Hörst du, wie er schmatzend grinst und lockt? Komm mit! Und sühne deine Schuld. Nina Alexandrowna: Erbarmen, Erbarmen! Sascha: Erbarmen! Hättest du dich doch meiner erbarmt und mich in der Wiege noch erstickt, erdrosselt, zertreten, in Stücke zerrissen, bevor du mich in dieser Hölle, in diesem sinn- und nutzlosen Marterhaufen, in diesem schmerzlüsternen Wirrsal aufwachsen liessest. Büsse es jetzt. Leid mit, leid mit! Ha, ha! (Wie ein Tobsüchtiger mit Händen und Füssen um sich schlagend.) Du bist schuld, du bist schuld an meinem Leid, du, du, du, leid mit, du bist schuld, du, du, du! (Er ist am Ende seiner Kräfte, die Stimme wird schwächer, verliert ihren scharfen Klang und geht allmählich fast in Schluchzen über, er droht umzufallen. Nina Alexandrowna umarmt ihn und zieht ihn zu sich herunter.) Nein, bist nicht schuldig ... es ist niemand schuldig . .. das ist ja das furchtbarste, dass wir alle . . . alle ... so ohne Schuld . . . ohne Grund . . . leiden und leiden ... so bitter leiden. (Lange Pause. Man hört auf der Strasse einen Vorübergehenden in betrunkener Schwermut, mit verhaltener Stimme vor sich hinsingend.) RamUSOW (von seinem Platz aus bemerkend, dass Nina Alexandrowna Saschas Haupt in ihre Hände nimmt und es an ihre Brust lehnt, während sie es mit Küssen bedeckt, vor sich murmelnd): Und mich liebt niemand. Mich hat niemand heb. Niemand. Nina Alexandrowna (zu Sascha): Du darfst dich nicht aufregen. Es wird alles wieder gut werden. Bleib nur ruhig. Ramusow: Mich hat niemand lieb. Mich lässt man allein.