Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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307 Leo Birinäki: Der Moloch. 308 Sasclienka? Er hat ja noch kein Wort gesprochen. Was soll das heissen? Agrafena: Sehen Sie denn nicht, dass der böse Geist Herrschaft über ihn bekommen hat? Nina Alexandrowna: Was für ein böser Geist? Agrafena: Der Antichrist, Mütterchen, der Antichrist ist in ihn gefahren. Nina Alexandrowna (bekreuzt sich): Um Gottes willen! Agrafena: Ja, ja. Er ist an all dem schuld, was dort draussen geschieht. Nina Alexandrowna: Sascha? Agrafena: Sascha wohl nicht, aber der böse Geist, der Antichrist in ihm. Mütterchen, man nuiss ihn davon erretten. Wasja: Mutter, höre nicht auf sie. Sie ist von Sinnen. Agrafena: Ich bin nicht von Sinnen. Ihr müsst zu Vernunft kommen. Wir müssen alle gemeinsam für ihn zu Gott beten, dass er ihn erlöst. Mütterchen, knien Sie nieder, und beten Sie zu Gott. Sie sind ja seine Mutter. Er kommt für alle Ewigkeit in die Hölle. Erretten Sie ihn. Helfen Sie. Man muss etwas tun . . . Wasja: Mutter, höre nicht auf sie. Nina Alexandrowna: Wie kommt sie nur darauf? Wasja: Ach, es ist nichts . . . Sie meint wohl, weil er so dasitzt und schweigt . . . Alterschwäche . . . Scher dich nicht darum . . . ich bitte dich . . . Nina Alexandrowna (zu Wasja): Warum sitzt er nur so da und sagt kein Wort. Seit gestern. Wasja: Mütterchen, es hat nichts auf sich . . . gar nichts . . . wirklich nichts . . . ich versichere.dir . . . Nina Alexandrowna: Was hat er also? Ist er mir böse . . . Wasja (ergreift freudig diesen Gedanken): Ja, er ist dir böse. Nina Alexandrowna: Wofür denn? Was habe ich ihm getan? Wasja: Nein, er ist dir nicht böse. Eigentlich ja . . . aber es ist nichts Besonderes. Lass das, Mutter, es wird schon von selbst ... BjelkinS Stimme (an der Luke): Niuta! Nilita! Wasja: Niuta, Bjelkin ruft dich. Nilita (hereinstürzend): Ja. Bjelkin! Bjelkin: -Niuta, war schon jemand hier? Niuta: Soeben. Rolewitsch und Ossip, sie wollten nicht dableiben, sie sind in die Stadt gelaufen. Es ist keine Zeit zu verlieren, sagten sie. BjelkinS Stimme: Sie haben auch recht. Es ist entsetzliches Massakre in der Stadt. Die Pogromler wachsen von Minute zu Minute an Zahl. Wir könnten auch gemeinsam nichts gegen sie ausrichten. Das Militär beschützt sie. Wir können höchstens den Verwundeten beistehen, die Halbtoten retten. Wieviel seid ihr unten? (Unterdessen sind in der Türe zum zweiten Raum einige Revolutionäre erschienen.) Niuta: Sechs. BjelkinS Stimme: Nehmt so viel Verbandzeug ihr könnt, und lauft in die Stadt. Rettet die noch Lebenden aus den brennenden Häusern. Wenn euch die Pogromler überfallen und ihr nicht entrinnen könnt, so erschiesst euch sofort. Lebend kommt ihr sowieso nicht aus ihren Händen, und sie martern aufs grausamste. Es ist ein entsetzlicher Blutrausch über die Leute gekommen. War Spielmann nicht hier? Niuta: Ja, vorher. Bjelkin: Ich fürchte, er ist irrsinnig geworden. Er ist an mir vorbeigelaufen, ohne sich umzusehen. Ja ... ihr müsst eure Taschen ausleeren, damit man eventuell nichts Kompromittierendes bei euch findet. Was macht Wasja? Wasja (zu den anderen): Nehmt mich mit euch mit! Niuta: Er will mit uns mit. Bjelkin: Kann er denn etwas helfen? Niuta: Nein, er kann sich ja kaum selbst rühren. Bjelkin: Dann hat es ja keinen Sinn. Schick mir Mischko her. N'lUta: Ja. (Ruft in den zweiten Raum): Mischko! MiSChkOS Stimme: Ja. (Er erscheint.) Was soll ich? Bjelkin: Lauf rasch zu Stefkin. Sag ihm, dass wir den Plan . mit Sascha endgültig aufgeben müssen. Mit dem Narren ist ja nichts anzufangen. Stefkin soll mich sofort wissen lassen, ob man das Attentat jetzt nicht auf andere Weise ausführen kann. (Ab.) (In grosser überstürzender Hast machen Niuta und die anderen Revolutionäre Anstalten zum Fortgehen, stürzen dann die Stiege hinauf. Wasja fleht sie an, ihn mitzunehmen, sie achten nicht auf ihn und laufen hinaus. Die Falltür oben bleibt währenddem einige Sekunden offen und es dringt verstärkter Lärm und Glockengctön ein. Die Tür fällt zu.) Wasja (will unter grossen Anstrengungen auf allen Vieren die Treppe hinaufkriechen.) Nina Alexandrowna (bemerkt dies, will zu ihm, Ramusow hält aber ihre Knie umklammert und lässt sie nicht los): Wasja, bleib doch ruhig. Wasja: Mutter, ich kann nicht. Nina Alexandrowna (streichelt besänftigend Ramusow übers Haar, zu Wasja): Wohin willst du denn? Wasja: Hinauf, Mutter, hinauf zu den Menschen . . . ihnen helfen. Hörst du, wie sie um Hilfe rufen. Mutter, man muss ihnen helfen. Man darf nicht zulassen, Mutter, dass Menschen so gequält werden. Man muss ihnen helfen . .; Nina Alexandrowna (sucht sich von Jlamusow zu befreien, was ihr nicht gelingen will): Wasjenka, Herzchen, bist ja selbst krank, bedarfst ja selbst der Hilfe. Wasjä (schreit): Mutter, ich halte es nicht aus, Mutter, ich ertrage es nicht, dort werden Menschen gequält Mutter ... arme, unschuldige Mensehen . . . Mutter, Mutter, man muss ihnen zu Hilfe eilen . . . Mutter . . . Mutter . . . hilf mir . . . hinauf . . . retten . . . Nina Alexandrowna (verzweifelt zu Ramusow): Lass mich los. Ramusow (laut schluchzend): Ich hab Angst. Bleib bei mir! Bleib bei mir, ich hab Angst . . . Wasja: Mutter, ich will mit ihnen oben .sterben . . . sterben ... in Qualen . . . wenn ich schon nicht helfen kann . . . Nina Alexandrowna: Agrafena, lass ihn doch nicht. Agrafena . . . hörst du? Agrafena! Agrafena (achtet darauf nicht und betet noch lauter). RamUSOW (klammert sich noch fester an Nina Alexandrownas Knie): Bleib bei mir, ich habe Angst. Nina Alexandrowna: Agrafena! Agrafena! Wasja: Man muss ihnen beistehen . .. Mutter .. . Nina Alexandrowna (in ohnmächtiger Verzweiflung): Sascha, lass du ihn nicht hinaus. Sie ermorden ihn. Sascha, halt ihn zurück. Er ist doch dein Bruder! Halt ihn zurück. Ich will nichts von dir, aber hilf ihm doch! Du kannst mir weiter böse sein, sprich auch weiterhin zu mir nicht, aber ihm hilf doch. Er ist doch dein Bruder! Lass ihn nicht, Sie ermorden ihn. SaSCha (blickt sie mit aufgerissenen Augen und schrecklich leidender Miene an, rührt sich aber nicht.) RamUSOW (schreiend): Ich habe Angst. Wasja (ist drei Stufen emporgekrochen, stöhnend): Mutter . . . Mutter. Nina Alexandrowna (hat mit grosser Anstrensung Haimi'ow auf den Knien nachschleppend, zwei Schritte zu Agrafena gemacht-): Agrafena, hilf ihm doch! Agrafena (mit tränenvoller Stimme): Mütterchen, ich helfe ja, ich bete zu Gott. Nina Alexandrowna: Lass jetzt das Beten, hilf Wasja. Agrafena: Mütterchen, ich muss ja den bösen Geist abhalten. Durch das Gebet... Dass er nicht noch mehr Herrschaft über uns bekommt ... Nina Alexandrowna (krallt sich verzweifelt in Agrafenas Schulter ein, schreit aus allen Kräften): Hilf Wasja! Hilf. Wasja! Agrafena (verstärkt ihre Stimme und betet laut, fast schreiend). RamUSOW (gleichzeitig wimmernd): Ich habe Angst, Angst. Bleib bei mir. Wasja (gleichzeitig): Mutter, ich ertrage es nicht. Ich muss hinauf ... (Der Lärm draussen ist näher gekommen.- Man hört eine abgehetzte Frauenstimme, die von einer wütenden Menge unter Johlen, Schreien und Pfeifen verfolgt wird. Die Menge rennt oberhalb des Kellers an der Luke vorbei, so dass schwarze Schatten in den rot beleuchteten Raum fallen und rasch vorüberhuschen. Zuerst einer, dann zwei, dann mehrere und darauf die ganze Menge, so dass für einen Moment die Bühne ganz dunkel bleibt. Man hört bloss den Lärm der Verfolger und die Hilferufe der verfolgten Frau. Bald darauf hört man in einiger Ent> fernung die Frau zusammenbrechen. Ihre Stimme wird schwächer und schwächer, bis sie in ein unartikuliertes "Winseln übergeht, um dann mit einem jähen schmerzerfüllten Aufschrei abzubrechen. Es tritt auch sofort unter der Menge tiefe Stille ein. Es sind nur die dumpfen Glockeuschläge und das rasche Gebetemurmeln Agrafenas zu hören. Ramusow hat Mna Alexandrowna losgelassen und sich in die linke Ecke verkrochen. >'ina Alexandrowna kniet neben Agrafena und betet mit.