Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 305 - 306 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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305 Leo Birinski: Der Moloch. 306 RamiiSOW (schrickt zusammen, duckt sich, bei Nina Alexandrowna Schutz suchend und schluchzt laut mit wachsender Furcht.) Nina Alexandrowna: Es ist nichts. Hab keine Angst. Spielmanns Stimme: Werbenko! WaSja (macht mit Mühe einige Bewegungen in der Richtung zum zweiten Raum): Werbenko, du sollst dich beeilen! WerbenkOS Stimme (aus dem zweiten Raum; sie klingt im leeren Gewölbe dumpf, wie aus einem Grabe): Gleich, gleich. NlUta (kommt eilig aus dem zweiten Raum und spricht zur Luke hinauf): Er kommt gleich. Wir sind noch nicht fertig. Spielmanns Stimme: Beeilt euch aber, wir haben keine Zeit zu verlieren. NiUta (will wieder zurückeilen). Was ja: Niuta, Niuta .. . NiUta (mit unwirscher Ungeduld): Was willst du? Siehst ja, dass ... Was ja: Kann ich euch nicht helfen? Nillta (mild, zu ihm tretend): Nein, bleib nur ruhig. Bis du wieder ZU Kräften kommst. (Eilig ab in den zweiten Raum.) WaSja (stöhnt auf). Agrafena (laut betend): Heiliger Vater im Himmel droben, erbarm dich seiner Leiden ... er ist nicht schuldig . . . ich hab ihn genährt . . . erbarm dich seiner, erbarm dich seiner . . . wende von ihm das Unheil, ab ... (Man hört, wie oberhalb der Stiege die Kellertür, eine schwere, schräg angebrachte Falltür, in die Höhe gehoben wird. Spielmann tritt auf die obersten Stufen und lässt die Tür hinter sich fallen. Während der paar Sekunden wo die Tür offen ist, überflutet ein rotes Licht die Bühne, dazwischen fällt, die Stufen hinunter, der lange Schatten Spielmanns. Man hört jetzt in verstärktem Masse das Glockengetön und den ganzen wüsten Lärm in der Ferne. Es wird aber alles auf einmal, wie sich die Tür schliesst, abgeschnitten.) Dr. Spiel mann (auf den obersten Stufen noch unsichtbar): Gott, beeilt euch doch. Jede Sekunde kostet Menschenleben. Nillta (aus dem zweiten Raum): Wir tun ja, was wir können. Was willst du noch von uns? Ich weiss ja nicht, wo milder Kopf steht. .Lass du uns doch mit deinem Antreiben. WerbenkOS Stimme (aus dem zweiten Raum): Pass doch lieber draussen auf. Dr. Spiel mann: Ich ertrage es nicht länger. Es ist so schrecklich, diese Hilferufe anzuhören, die Stadt dort brennen zu sehen und müssig dazustehen, nicht hinlaufen. Werbenko, komm doch! Macht es doch rascher. Warum dauert es so lange? Komm, oder ich gehe allein hin. WerbenkOS Stimme: Es hat doch keinen Sinn, wenn wir mit leeren Händen kommen. Wir sind gleich fertig. Dr. Spiel mann: Gleich, gleich. Dort werden Menschen, Kinder massakriert, geschlachtet, und er sagt: gleich. Komm, komm. Dort geschieht ja etwas Furchtbares. Die ganze linke Stadtseite brennt lichterloh. Komm, komm schon, oder ich verliere den Verstand. Wasja: Also beeilt euch, beeilt euch. Werbenko (stürzt aus dem zweiten Raum, mit einem Bündel in den Händen. Er hat einen Mantel an, blossköpfig): ALso komm . . . Niuta (nach ihm): Soll ich nicht auch mit? Werbenko: Nein. Bleib hier. Hilf das andere fertigmachen. Dr. Spielmann: Komm! (Stürzt mit Werbenko die Stiegen hinauf. Man hört sie die Türe auflieben. Es dringt wieder wie vorher Licht und starker Lärm ein, bis es das Zufallen der Tür auf einmal abschneidet.) RamuSOW (umklammert mit beiden Armen Nina Alexandrowna): Hilf mir. Schütze mich. Sie wollen mich umbringen! Rette mich. Nina Alexandrowna: Beruhige dich. Es tut dir niemand was zuleide. Es sind ja Saschenkas Freunde. RamuSOW (besänftigt): Saschenkas . . . Freunde . . . Warum hat er mich nicht mehr lieb? (Er kriecht zu Sascha.) Warum hast du mich nicht mehr lieb? Willst du mir keinen Kuss geben? Sascha (starrt den Vater mitleidsvoll an, man sieht es ihm an, wie schwer es ihm fällt, an sich zu halten. Er rührt sich aber nicht.) Nina Alexandrowna (schluchzt auf). Ramusow: Ich hab vor ihm Angst . . . Angst. (Er flüchtet zu Nina.) Nina Alexandrowna (zieht ihn an sich). RabskiJS Stimme (oben an der Luke): Niuta! Niuta! Niuta: Ja. Was gibt's? Rabskij: Ist Werbenko schon fort? Niuta: Ja, soeben. Rabskij: Allein? Niuta: Mit Spielmann. Rabskij: In welcher Richtung? Niuta: Zum rechten Ufer. Rabski j: Ach, da nützt nichts mehr. Das rechte Ufer ist total eingeäschert, samt den Einwohnern. Hunderte Menschen sind unter den glimmenden Balken begraben. Wasja: Entsetzlich. Rabskij: Der Pogrom hat sich jetzt nach Norden ausgedehnt. Es ist schrecklich. Alle Pogromler sind betrunken, morden und massakrieren, was ihnen in den Weg kommt. Wenn es so weitergeht, ist die Stadt in wenigen Stunden ein Haufen verkohlter Leichen. Niuta: Und die organisierte Selbstwehr? Rabskij: Ach, was kann dieses Häuflein gegen die tobende Masse der Pogromler machen? (Verzweifelt.) Es muss etwas unternommen werden . . . Eine gemeinsame Aktion . . . Wenn Werbenko kommt, so soll er dableiben . . . Die andern auch . . . Bjelkin lässt es sagen . . Er kommt auch bald her ... Es muss gemeinsam vorgegangen werden . . . Sie sollen hier warten . . . Unbedingt . . . Ich muss fort . . . Ich komme gleich wieder . . . (Er läuft fort.) Wasja: Gott, wann wird das schon enden?! RamUSOW (zu Niuta, die in den zweiten Raum will): Verlassen Sie mich nicht. Haben Sie Mitleid mit einem alten gebrochenen Mann. Niuta (zu Agrafena tretend, die immerfort Gebete murmelt): Agrafena, nehmen Sie sich des kranken Mannes an. Ich . . . ich muss . . . Nehmen Sie sich seiner an. Er ist krank. Lassen Sie das Beten. Agrafena (mit bebender Stimme): Man muss sich der anderen annehmen. Der anderen, deren Seelenheil in Gefahr ist . . . die in die ewige Verdammnis eingehen könnten . . . Das darf man nicht zulassen ... da muss man helfen! . . . Wasja (mitleidsvoll): Sie hat den Verstand verloren. Agrafena (schreit aus ganzem, gequältem Herzen): Ihr habt den Verstand verloren! Seht ihr denn nicht, wie er (auf Sascha deutend) leidet, wie ihn der Böse in seinen Krallen hält und ihn nicht loslassen will. Ihm sollt ihr beistellen, für ihn sollt ihr beten, sein Seelenheil sollt ihr retten. Er kommt in die ewige Verdammnis! Rettet ihn, rettet ihn!! Nina Alexandrowna: Sascha? Agrafena (krampfhaft schluchzend): Ja, Saschenka ... Saschenka. Gott, barmherziger. Verzeihe ihm. Warum soll er in alle Ewigkeit leiden? Gott, strafe mich für ihn. Wende den Bösen von ihm ab!! Er ist im Grunde seines Herzens unschuldig. Barmherzige Mutter Gottes, bitt du für ihn. Nina Alexandrowna: Was sagt sie da? Niuta: Ach, Unsinn. (Die Eingangstür wird geöffnet, wobei für einen Moment Licht und Geräusch eindringt. Rolewitsch und Ossip stürzen die Treppe herunter, die Türe hinter sich schliessend.) Rolewitsch (zu Niuta): Hast was fertig? Rasch. Der Pogrom hat furchtbare Dimensionen angenommen. Etwas Entsetzliches. (Will in den zweiten Raum.) Niuta: Bjelkin hat sagen lassen, dass ihr hier auf ihn wartet. Rabskij: Unsinn, jetzt ist keine Zeit zum Warten. Niuta: Es soll eine gemeinsame Aktion gegen die Pogromler unternommen Averden. Rabskij: Schön. Aber bis man all die unseren zusammenbringt, schlachten die Pogromler die ganze Stadt aus. Jetzt gilt's keinen Augenblick verlieren. (Ab in den zweiten Raum.) N'lUta (will ihm nach). OSSip (hält Niuta auf und macht eine fragende, auf Sascha bezugnehmende Bewegung). Niuta: Er sitzt so seit gestern, seit man ihn heruntergebracht, spricht kein Wort und rührt sich nicht. (Im zweiten Raum hört man mehrere Stimmen durcheinander, dann läuft Rolewitsch mit einem Bündel unter dem Arm heraus zu Ossip): Also komm. (Sie stürzen beide die Treppe hinauf und lassen hinter sich die Türe zufallen.) Nina Alexandrowna (die unterdessen zu Agrafena getreten ist): Was soll denn das alles bedeuten? Was weisst du über