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Ost und West · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 303 - 304

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-05-01
Page
Seite 303 - 304 (sequence 1)
Language
German
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303 304 DER MOLOCH. Trauerspiel in drei Aufzügen von Leo Birinski. Nachdruck verboten. RartlUSOW, Iwan Iwanowitsch. Nina Alexandrowna, seine Frau. Sascha (24 Jahre alt) } Fjodor (22 Jahre alt) \ deren Söhne. Wasja (19 Jahre alt) J Bjelkin. Personen: Stefkin. Malinow. Lapuchin. Werbenko. Rabskij. Dr. Spiel mann. Terroristen. Iwan. Niuta, Nina Alexandrownas Nichte. Ossip. Rolewitsch. Charbinskij, Kosakenhauptniann. Agrafena, im Hanse Ramusows. Die Handlung spielt in einer russischen Gouvernementsstadt während der Revolution. (Fortsetzung aus dem Aprilheft und Schluss des Dramas.) Dritter Aufzug. Ein kellerartiger Raum. Aus einer grösseren vergitterten Luke fällt ein roter Feuerschein und übergiesst die linke Hälfte des Raumes mit blutigrotem licht, während der andere Teil dunkel bleibt. Man bemerkt dort kaum die Umrisse einer türartigen Oeffnung, die in einen zweiten, tiefer gelegenen Raum führt. Im Hintergrunde links, so dass der untere Teil beleuchtet ist, führt eine steinerne Treppe nach oben. Auf der untersten Stufe sitzt Sascha, das Gesicht in die Hände gestützt und starrt mit unbeweglicher, tiefes Leiden "verratender Miene vor sich hin. Rechts, mehr vorne, sitzt Nina Alexandrowna auf einer niederen Kiste. Ihr zu Füssen kauert Wasja auf dem Fussboden. Sie hält seinen verbundenen Kopf in ihrem Schoss. Links in der Mitte kniet Agrafena und murmelt ohne Unterlass Gebete. In der Mitte der Vorderbühne sitzt Ramusow auf der Erde, die Füsse unter sich und stellt Ziegel in einen Halbkreis um sich herum auf. Er führt mit ihnen unverständliche Zwiegespräche und gestikuliert eifrig, aber nicht übertrieben, wie wenn er sich über den einen oder anderen Ziegel ärgern würde. Hinter der Szene hört man ununterbrochen dumpfe Glockentöne, wie bei einer Feuersbrunst, grelles Pfeifen und unartikuliertes, wildes Johlen, dazwischen einzelne, erstickte Hilferufe, 'Wagenrollen, auch hie und da einen vereinzelten Schuss, die Pfeife der Rettungsgesellschaft. Alle diese Töne dringen durcheinander, gedämpft in den Kellerraum. So eine Weile. Ramusow (zu einem Ziegel): Nicht doch. Ich bitte dich darum. Ich flehe dich an. Hab doch Mitleid mit mir. Man muss doch mit einem alten gebrochenen Mann ein wenig Rücksicht haben. Ich erkläre dir: ich kann dich nicht sehen. Das sollte dir doch'genügen. Geh mir aus den Augen. (Schreit.) Aus den Augen, sage ich! Aus den Augen! Noch bin ich Herr im Hause! Bin ich Herr im Hause oder nicht? (Springt' auf, zu Nina Alexandrowna): Sag, bin ioh Herr im Hause oder nicht?! Nina Alexandrowna (mit tränenerstickter Stimme, ihn besänftigend): Ja, ja, du bist es. Ramusow (schreit): Warum höhnt er mich dann? Warum lacht er mich aus? Nina Alexandrowna: Beruhige dich doch. Niemand lacht dich aus. Sieh genau hin, es ist doch bloss ein Ziegel. RamUSOW (überzeugt): Ein Ziegel ... (Er schweigt und schaut den Ziegel an, dann lacht er plötzlich auf und geht ins Weinen über; schluchzend): Er soll doch nicht lachen. Ich bitte dich, sag es ihm, oder ich halte es nicht aus. Sag es ihm! Was hab ich ihm getan? Was habe ich eigentlich verbrochen, dass man mich so quält. So quält! Wofür? . . . Warum schlägt man auf mich los . . . immerzu . . . immerzu . . . es tut mir doch weh, so furchtbar weh. Habt doch Mitleid mit mir. Ich bin doch ein alter gebrochener Mann. Ninotschka, bin ich etwa kein alter gebrochener Mann? Nina Alexandrowna (kann vor Tränen nicht antworten und bejaht es bloss mit einem Kopfschütteln). Ramusow: Na, da seiht ihr es. Ich lüge nicht. (Zu Nina Alexandrowna): Da darf er also nicht lachen! Sag's ihm, sag's ihm. (Er zittert am ganzen Körper.) Nina Alexandrowna (beugt sich, um Ramusow zu beruhigen, über den Ziegel und will ihm etwas sagen, bringt aber kein Wort heraus, sondern schluchzt laut auf.) Ramusow: Sag es ihm, sag es ihm! Nina Alexandrowna (zum Ziegel, schluchzend): Lachen Sie nicht. Lachen Sie nicht. RamUSOW." Sag ihm, dass ich es ihm verbiete. Ich! Nina Alexandrowna: Mein Mann verbietet es .. . (Sie sinkt kraftlos in die Knie.) Ramusow: Nicht knien! Knie nicht vor iJim. Weine nicht. Du bist mein Weib. Und er ist doch nur ein Ziegel. Du darfst dich nicht erniedrigen. Bist mein Weih, in meinem Hause. Herrin in meinem Hause. Bist du es oder nicht? Nina Alexandrowna (nimmt sich zusammen, streichelt ihn): Ja, ja. Ich bin es. Beruhige dich. Komm, leg dich ein wenig nieder. RamUSOW (besänftigt): Und er wird mich nicht mehr höhnen? Nina Alexandrowna: Nein. Ramusow: Hat er es dir versprochen? Nina Alexandrowna: Ja. Er hat es versprochen. Ramusow: Weiss er jetzt, wer ich bin? Nina Alexandrowna: Ja. Ramusow: Weiss er, dass ich Ramusow bin? Iwan Iwanowitsch Ramusow? Nina Alexandrowna: Ja. Ramusow: Und in der Puschkingasse wohne? Im e i g e - n e n Hause. Weiss er es? Nina Alexandrowna: Ja. RamUSOW: Und dass der Herr Moloch (er lächelt selig) bei mir zu Besuch war? Nina Alexandrowna: Ja. Ramusow: Ein lieber Herr, der Herr Moloch (er weint leise vor sich hin) . . . ein lieber Herr ... Nina Alexandrowna (streichelt ihn und weint mit. So eine Weile. Man hört bloss das Schluchzen der Beiden, die dumpfen Schläge der Glocken, vermischt mit dem gedämpften Brausen einer tobenden Menge in der Ferne, das ununterbrochene Gcbetemurmcln Agrafenas, das Rascheln des Rosenkranzes in ihren Händen und das Stöhnen Wasjas, der sich in ohnmächtiger Verzweiflung von einer Seite auf die andere wälzt. Nach einigen Sekunden dringt durch die Luke . . . Spielmanns Stimme: Werbenko, Werbenko, also beeil dich doch! (Spielmann hat sich draussen über die Luke gebeugt, so dass der Schattenumriss seines Kopfes in den Kellerraum fällt.)

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