Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Die Juden von Nordafrika, ihre Verbreitung und Abstammung
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 287 - 288 (sequence 3)
- Language
- German
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- Tunis 2× ep/1048155
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287 Ernst von Hesse-Wartegg: Die Juden von Nordafrika, ihre Verbreitung und Abstammung. 288 Haupt-Synagoge von Tunis. ungefähr vier Jahrtausenden war Josef, der Urenkel Abrahams ägyptischer Minister und seine Stammesgenossen erhielten die Gegend zwischen Aegypten und dem Roten Meere angewiesen, die ersten jüdischen Ansiedler auf afrikanischem Boden. Zu Einfluss und Bedeutung gelangten sie indessen erst in der Zeit von Mose und vor allem nach der Gründung Alexandriens im vierten Jahrhundert vor der üblichen Zeitrechnung. Zahlreich folgten sie dem Ruf Alexanders, und erhielten in der neuen Stadt eigene Quartiere zugewiesen, wo sie unter selbstgewählten Ethnarchen ziemlich unabhängig lebten. Sie ei freuten sich damals, wahrscheinlich von Judäa her, grossen militärischen Rufes. Ptolemäus vereidete 30 000 jüdische Soldaten als Garnisonen für die festen Plätze in Aegypten. Später sandte er zahlreiche Juden nach Libyen und Cyrene, um sich dort anzusiedeln und seine Herrschaft zu befestigen. Von Libyen, wo sie bald ein Viertel der Einwohnerschaft bildeten, verbreiteten sie sich über das benachbarte Tripolitanien und erreichten auch die phönizischen Kolonien an der Mittelmeerküste. Diese libyschen Juden waren wohl die ersten, welche den Landweg nach dem heutigen Tunis und Marokko eingeschlagen haben. Auf dem Seeweg waren aber lange vor ihnen schon andere gekommen. Die Phönizier sollen im zwölften Jahrhundert vor Chr. Geb. ihre Handelsniederlassungen an der tripolitanischen und tunesischen Küste gegründet haben, und es ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, dass sich auf ihren Schiffen auch. Juden befanden, die ja in Kleinasien ihre räumlichen Nachbarn waren. So kamen sie auch nach Carthago, das im neunzehnten Jahrhundert vor Chr. Geb. gegründet wurde, und dort müssen sie eine bedeutende Rolle gespielt haben, nach der jüdischeu Nekropole zu schliessen, die heute noch in Carthago vorhanden ist. Darüber kann gar kein Zweifel entstehen. Im Museum der katholischen Mission in Carthago sind eine ganze Reihe von Beweisen, und der Museumsdirektor, Pater Delattre, zeigte mir dort u. a. auch jüdische Lampen und Inschriften aus der phönizischen, also ersten und ältesten Zeit Carthagos. Delattre hat über die jüdische Nekropole von Carthago eine sehr interessante, mit Illustrationen versehene Abhandlung verfässt. Der erste, der die Katakomben Carthagos untersucht hat, war Davis, im Jahre 1860, und er spricht bereits in seinem Werke „Carthago and her remains" von dem Vorhandensein jüdischer Gräber. Er fand in verschiedenen Grabnischen den berühmten goldenen Leuchter mit sieben Armen eingemeisselt, der den grossen Nationaltempel in Jerusalem schmückte, und später, im Jahr 69 v. Ch. von Titus geraubt wurde. An verschiedenen Steilen fand Davis auch kleine runde Löcher im Felsen, „die zur Aufnahme von Wasser dienten, mit dem sich die Seelen der Verstorbenen nach dem Verlassen der Leichen stärkten. Dieser Aberglaube besteht noch heute, wie man in den jüdischen Friedhöfen im Orient sehen kann.u Auch Beule spricht in seinem Werk „Ausgrabungen in Carthago" von der jüdischen Nekropole, und sagt, dass die Gräber, die er dort gefunden, genau jenen der Juden in Phönizien und Judäa entsprächen. Pater Delattre ist nun bei seinen Ausgrabungen auf eine grosse Zahl solcher Judengräber gestossen und hat auch Lampen mit dem siebenarmigen Leuchter gefunden, wie sie den jüdischen Gräbern von Neapel und Rom charakteristisch waren. Der berühmte französische Akademiker, Marquis de Vogue, bestätigt die Behauptungen Delattres. Am zahlreichsten waren die afrikanischen Juden damals immer noch in Libyen. Nach der ersten Einnahme