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Ost und West · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 281 - 282

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Article
Constantin Brunner
Date
1910-05-01
Page
Seite 281 - 282 (sequence 2)
Language
German
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281 Ernst Altkirch: Constantin Brunner. 282 leicht zunächst fassungslos gegenüberstehen wird. Ein künstlerisches Bekenntnis in einem Brief des Philosophen mag hier am Platz sein: „Es muss manchem mein Ton, den ich zum eigentlich Sachlichen hinzu habe, befremdlich sein, weiss selber nicht, wie ich es manchmal gemacht habe. Apelles, dem der Schaum zum Pferde nicht gelingt, aber was ist das Pferd ohne Schaum? — und der den Schwamm, worein er die Farben seines Pinsels gewiseht hatte, gegen das Bild wirft, und nun ist der Schaum da — ich glaube, so hab ich es manchesmal gemacht, und darum müssten viele sich gewöhnen, dass das auch eine Art, und keine schlechte ist." Man wird in Brunners besondere Darstellungsweise vielleicht am schnellsten eindringen durch das Vorwort „Spinoza gegen Kant und die Sache der geistigen Wahrheit," das er zu der deutschen Uebersetzung des K. O.Meinsmaschen Werkes „Spinoza und sein Kreis" geschrieben hat.1) Dieses Vorwort ist mit zu dem Schönsten und Tiefsten zu rechnen, was Büchern jemals vorangestellt ward. Und es ist zugleich ein Denkmal für Spinoza, kein wuchtigeres und erhabeneres Denkmal wird man ihm setzen können. Die Spinoza-Philologen von der gewöhnlichen Art, die darin schiecht genug wegkommen, werden freilich vor diesem Vorwort drei Kreuze schlagen, aber wer vor ihrer Maulwurfsarbeit ebensowenig Eespekt wie Brunner besitzt, der wird über diese Tat eines Simson in helles Entzücken geraten. Nur ein gewaltig starker und ein fröblicher Mann hat solche Füchse bereit, um das Philistervolk seine ganze Macht spüren zu lassen. Unsere deutsche Sprache, wie wir sie in den Schriften Luthers und des jungen Goethe bel) Die Schrift „Spinoza gegen Kant" ist im Verlage von Karl Schnabel, Berlin, auch als Sonderdruck erschienen. Constantin Brunner. wundern, hat in Brunner einen neuen Meister gefunden. Die heutigen Dichter und Schriftsteller ergehen sich in einer gewundenen, saft- und kraftlosen Sprache, zu der leider die Erzeugnisse des alten Goethe wohl nicht zuletzt den Anstoss gegeben haben. Ueber die Wortkünstler unserer Tage, an deren Spitze Nietzsche marschiert, wird ein kommendes Geschlecht ebenso lachen,. wie wir uns an den aufgeblasenen Wortkünstlern früherer Zeiten ergötzen. Unserer Schriftsprache tut heute nichts mehr not als ein kernhafter und mächtiger Bildner. Freuen wir uns denn, dass unserer deutschen Sprache, der Sprache Luthers und des jungen Goethe, wieder ein Mann erstanden ist, der ihr Blut von seinem Herzblut zu geben vermag. Er selbst nennt unsere Sprache: „Mein geliebtes, gesegnetes, mein wonniges, mächtiges, mein wundertätiges Deutsch, das würdig genannt werden darf neben jenen grossen Sprachen des Altertums (gemeint sind die hebräische und griechische), und das, ein furchtlos stolzer Adler, so hoehfliegt wie jene, sich emporzuschwingen vermag bis unmittelbar vor den Thron der Wahrheit!" Und er fährt fort: „--mit Jubel wollte ich die paar Brocken und Leichen des Fremden hinschleudern für ein einziges Wort meiner Muttersprache, wodurch ich den Wert des Gedankens, den ich mitteilen soll, würdiger könnt an den Tag bringen und ihm in den Gemütern Festigkeit und Dauer verursachen." Die Sprachreiniger werden aber trotzdem an Brunner nur halbe Freude haben, denn wo es sich darum handelt, einen wissenschaftlichen Ausdruck mit Sicherheit zu greifen, wird er einem bedeutungsvollen Fremdwort vor einem unbestimmten und gequälten deutschen Wort den Vorzug geben. Doch wo sich seine Sprache hebt, zu mächtigen Wogen anschwillt, und auf und niederrollt wie das Meer, oder wenn sie die wunderherrliche

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