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Ost und West · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 279 - 280

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Article
Constantin Brunner
Date
1910-05-01
Page
Seite 279 - 280 (sequence 1)
Language
German
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279 280 CON ST ANTIN BRUNNER. Von Ernst Altkirch. Constantin Brunner ist am 28. August 1862 in Altona geboren (der 28. August ist den Deutschen durch die Geburt Goethes ein denkwürdiger Tag), und 45 Jahre war Brunner alt, als er mit der Veröffentlichung seines Hauptwerkes „Die Lehre von den Geistigen und vom Volke" begann, von dem zwei umfangreiche Bände im Juli 1908 x) erschienen sind. Einigen dürfte Brunner aus Beiträgen in Zeitschriften und Zeitungen früherer Jahre und als Heraasgeher der Zeitschrift für Kunst und Literatur „Der Zuschauer", die 1893 und 94 in Hamburg gedruckt wurde, noch in bester Erinnerung sein. Diese Zeitschrift zählte Leo Berg, Otto Ernst, Gustav Falko, Paul Geisler, Detlev von Liliencron, Hermann von Liogg, den Grafen Schack, Prinz Emil zu Schönaich-Carolath unter anderen zu ihren ständigen Mitarbeitern. Seit dem Jahr 1894 hat Branner meines Wissens nichts veröffentlicht. Vor dem Publikum fast 15 Jahre zu verstummen, riskiert heutzutage kein Literat, denn unsere Zeit vergisst schnell und hat ein schlechtes Erinnerungsvermögen. Wer es also wagt, sich so lange ganz im Stillen zu halten, um uns ein philosophisches Werk von — 1142 Seiten mit einem „Feliciter amen!" zu bescheren und der Verheissung, dass das endgültige Amen uns erst nach ungefähr ebensoviel weiteren Seiten erwartet, der gehört schwerlich zu der grossen Gilde der gewöhnliehen Literaten und Bücherschreiber. Anderthalb Jahre sind nun ins Land gezogen, dass die Deutschen wieder einen grossen Philosophen besitzen, der aber zagleich ein grosser Schriftsteller ist, ein Fechter mit haarscharfer Klinge, ein Dialektiker von unvergleichlicher Art, ein Kevolutionär im edelsten Sinne, dem die freieren Geister zujubeln, und über den alle Obskuranten in masslosen Zorn geraten. „Die Lehre von den Geistigen und vom Volke" beginnt mit einer „Ankündigung", in der Brunner das Neue seiner philosophischen Erkenntnis darlegt. Diese Ankündigung ist auch als Sonderdruck im Buchhandel erschienen. Jeder, der Spinoza kennt, kennt auch die wundervolle Einleitung, die dieser zu der Abhandlung über die Vervollkommnung des Verstandes geschrieben hat. Eine so wundervolle Einleitung ist auch diese Ankündigung Brunners. Wir gewahren sofort, mit l) Verlag Karl Schnabel, Berlin. Nachdruck verboten. welchem ungewöhnlichen Mann wir es zu tun haben. Brunner ist gleich Spinoza Jude (er stammt väterlicherseits aus einem alten jüdischen Gelehrtengeschlecht, sein Grossvater war R. Akiba Victor, Breslau, oder wie er sich später nannte Wertheimer, Kabbiner über Hamburg, Altona und Schleswig- Holstein und Präses des jüdischen Gerichts), und gleich Spinoza ist auch Branner originaler Denker und zugleich Meister der Darstellung und des Wortes von dauernder Schönheit. Bei Spinoza finden wir die feinste Kunst des logischen Stils, bei Brunner — er ist von beiden die bei weitem künstlerischere Natur — dazu noch eine überaus lebendige, farbige und leidenschaftliche Sprache, wie wir sie nur aus den Schriften des Alten Testaments, besonders aus den Büchern der Propheten kennen. Der Einfhiss des biblischen Stils auf Brunner liegt deutlich zutage.; was und wieviel er sonst etwa der jüdischen Wissenschaft verdankt, mögen andere, dieser Wissenschaft Kundige, feststellen. Jedenfalls ist hier eine Beziehung vorhanden, und wie Brunner mit seinem Herzen dazu steht, davon mag der Umstand Zeugnis ablegen, dass durch ihn seine nichtjüdischen Freunde, zu denen auch der Schreiber dieser Zeilen gehört, mit hoher Verehrung und Liebe für das viele Herrliehe des Judentums und des jüdischen Wesens erfüllt wurden. Um auf den Vortrag und Stil Brunners zurückzukommen, so ist vor allem zu sagen, dass er uns die köstliche Einheit des Philosophischen und des Künstlerischen zeigt. Mit einem der herrlichsten Denker aller Zeiten muss er in dieser Hinsicht verglichen werden: mit Piaton. Daher steht wohl auch, was Brunner über Piaton ausspricht, in unserer Literatur ebenso unübertroffen da, wie alles das, was er uns über Spinoza zu sagen hat. An Piaton erinnert Brunner auch durch das, was seit Piaton nicht. mehr dagewesen: durch die Verbindung des Anschaulichen und Gefühlsmässigen mit den Gedanken, wodurch diese so nachdrücklich wirken. Zum höchsten leidenschaftlichen Temperament steigert sich sein Ausdruck, wo er die wahrhaft philosophischen Gedanken von der Einen Wahrheit des Einen im Gegensatz zu den Gegnern dieser Gedanken entwickelt, im Gegensatz zu Nietzsche und vor allem zu Kant. Hier finden sich Stellen, denen der minder starke Leser viel-

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