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Ost und West · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 259 - 260

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-04-01
Page
Seite 259 - 260 (sequence 11)
Language
German
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259 Leo Birinski: Der Moloch. Stefkin (starr): Du weigerst dich., das Attentat auszuführen? Sascha: Ja. Bjelkin (entsetzt): Ist das dein Ernst!? SaSChcl! Ja. (Alle sehen einander bestürzt an.) Wasja (der bis nun mit Bamusow beschäftigt war, bemerkt die Bestürzung der anderen. Entsetzt): Was? Sascha will das Attentat nicht ausführen? RamiiSOW (horcht auf; zu Sascha): Wirklich? (Stürzt zu Sascha, küsst ihm die Hände unter Weinen und Lachen.) Saschenka! Mein Saschenka! Ich wusste ja, dass du mich lieb hast. Ich wusste es ja, dass du dies deinem Vater nicht antun wirst. Das wusste ich ja, ja! (Zu den übrigen): Da habt ihr es! Er will nicht! Er sagt sich vohjeuch los! Er will fortan mit euren Plänen nichts zu schaffen haben. Ich wusste, dass mein Sohn Sascha mich lieb hat. Saschenka, mein Saschenka ... Bjelkin (drängt Ramusow beiseite): Aus welchem Grunde weigerst .. du dich? SaSCha (mit grosser Ruhe und Gleichgültigkeit): Weil ich eure Narretei nicht mehr mitmachen will. Bjelkin: Narretei? Unsere Narretei? Sascha: Ja. Bjelkin: Was willst du damit sagen? Sascha (wie oben): Dass ihr ein unnützes, blutiges Possenspiel treibt. Stefkin: Er hat den Verstand verloren! Sascha (zuckt gleichgültig die Achseln). Bjelkin: Was soll das heissen? Sascha (schweigt gleichgültig). Bjelkin: Seit wann hast du diese Ansicht? Sascha (wie oben). Bjelkin: Antworte doch, zum Dreiteufel. (Sascha schweigt.) Du hast doch selbst unsere Organisation begründet? Sascha: Allerdings. Bjelkin: Und hast du jetzt diese Anschauung geändert? Sascha: Ja. Bjelkin: Wann denn? Sascha (schweigt.) Bjelkin: Im Gefängnis? Sascha: Ja — in der Einzelzelle. Bjelkin: Dort, ha, in der Einzelzelle bist du nun darauf gekommen, dass es bloss ein Possenspiel ist? 'Sascha: Ja, ein ewiges Narrenspiel! Wasja (verzweifelt): Du glaubst, es sei uns nicht ernst darum, wir spielen bloss? Sascha: Ihr spielt nicht, aber mit euch wird gespielt! Wasja: Mit uns? Wer spielt mit uns? Sascha: Eure „Menschheit". Wasja: Die Menschheit, wen meinst du damit? . Sascha: Den Moloch, dem ihr euch alle verzückt opfert! Wasja: Moloch? Sascha: Ja, Moloch — Menschheit, in dessen Krallen ihr alle wahnsinnig zappelt. Wasja (atemlos): Da wäre ja die Menschheit der Feind des Menschen! Sascha*. Das ist sie auch! Wasja: Aber die Menschheit sind doch wir alle. (Zustimmung-) Sascha: Wir? Bin ich es? Nein. Ich soll mich ja.für die Menschheit opfern, soll den Gouverneur umbringen und dann selbst umgebracht werden. Ist es der Gouverneur? Der steht ja der Menschheit im Wege. Bist du es, Bjelkin? Du wirst ja schon übermorgen am Galgen hängen. Für das Heil der Menschheit! Du, Stefkin? Dich werden ja die Kosaken für die Menschheit zu Tode prügeln. Bist du es vielleicht, Alter? Du schon gar. nicht. Wie viele Söhne hattest du? Sechs., Einer hat sich auf der Suche nach dem Bazülus infiziert. Für das Heil der Menschheit hat er sich der Gefahr ausgesetzt und ist "bei lebendigem Leibe verfault. Der1 zweite ist auf einer ,. wissenschaftlichen Forschungsreise wie eine Hatte ersoffen, der dritte ist über den Büchern verrückt geworden: er wollte „schaffen", für die „Kultur", für. die „Menschheit". Fjodor hat man auch für die Menschheit wie einen räudigen Hund, erschossen. Und 'ihr beide? (Auf Rumusow und Wasja zeigend.) Wo werdet ihr, für. die Menschheit enden. Im Gefängnis öder im, Irrenhaus. Wer ist also die Menschheit? Wo ist die Menschheit? Wo fängt sie an, und wo hört sie auf? Ich nicht, du nicht, du auch nicht, aber wir, ein mysteriöses „Wir", das sich vor jedem einzelnen verkriecht, uns alle aber insgesamt würgt und frisst — ein blutgieriger, unersättlicher Moloch. . (Eine kleine Weile herrscht Schweigen.) Bjelkin (plötzlich): Unsinn! Sophistischer Blödsinn. Im Grunde kämpfen wir doch immer für uns, für unsere Ideen, für unsere Ueberzeugungen! Weil wir wollen. Sascha: Könnt ihr denn überhaupt wollen? Ist es nicht der Blutdurst eurer „Menschheit", der euch aufeinander hetzt, der euch einander in Stücke zerfleischen lässt. Sind diese eure „Ideen", „Gedanken", „Ueberzeugungen*1 nicht Schlingen dieses Molochs? Bjelkin: Auf dieses metaphysische Gefasel gehe ich nicht ein. Was jenseits der Zollschranke liegt, geht mich gar nichts an. Ich will: das steht fest. Und im Bestreben, dieses Wollen auszuführen, mich dafür mit all meinen Kräften einzusetzen, liegt für mich die Befriedigung. Das gewährt mir die Lust am Kampfe und im Kampfe. Sascha: Die Lust, in der eigenen Wunde herumzustochern. Mit zusammengeklemmten Zähnen. ' Einen Schmerz mit einem noch herberen betäuben. Das ist die einzige Lust, die euch euer Moloch lässt. Schmerz in Schmerz ertränken I Frag doch die Menschen, was ihnen das Leben gab. Aber einzeln frag sie; unter vier Augen; denn sind ihrer mehr beisammen, so verdrehen sie die Augen und faseln in Brusttönen etwas von einer Menschheit, (mit einem weichen Unterton) von diesem kalten, unsichtbaren Phantom, das ihnen schmerzbrünstige Dichterhirne geschaffen haben. .Frag sie nur einzeln. Sieh sie dir an, ihre Avehtrunkenen Augen, ihre von ohnmächtiger Verzweiflung durchwühlten Seelen. Sieh sie dir nur genau an, wie sie unter dem grenzenlosen Weh und Leid zusammenknicken, wie sie verprügelt durchs Leben stöhnen, wie sie von dem grauenvollen Grinsen ihres Molochs gepeitscht und gepeitscht aufeinanderstürzeri; einander zerfleischen, das eigene Weh in fremden Schmerzen zu ertränken suchen. Nur quälen und martern, weil man selbst gequält und gemartert wird. Wasja: . Entsetzlich. Er hat recht. Bjelkin: Na, diese Verrücktheit - ist ansteckend. (Schreit.) Sieh doch die Dinge, wie sie sind, und nicht durch deine verrückte Perspektive. (Er sucht sich zu massigen, was ihm aber nicht gelingen will.) Das, was du vom Leid der Menschheit sagtest, stimmt ja. Aber es hat doch einen ganz anderen Grund, einen ganz anderen Grund! Vor diesem grossen Leid eben wollen wir uns ja schützen! Und können wir es auch nicht von uns selbst abwenden, so versuchen wir doch, die Menschen, die uns nahe stehen, die wir lieben, davor zu schützen. Unsere Brüder, unsere Schwestern, unsere Väter, unsere Kinder, unsere Mitmenschen,, unsere späteren Generationen; das ist doch, zum Teufel, was wir unter Menschheit verstehen! Begreifst du, für diese Menschheit kämpfen wir! Sascha (mit einem Achselzucken): Kämpft nur weiter. Mich .....geht sie gar nichts an. RamiiSOW (der bis nun mit offenem Munde verständnislos zugehört): Saschenka, wir gehen dich gar nichts an? Sascha: , Nein, gar nichts! Bjelkin (die stimme senkend): Das ist etwas anderes., Allerdings. Das — ist etwas — anderes! Ramusow (verzweifelnd): Aber, Saschenka, was sagst du da? Nur deshalb willst du das Attentat nicht ausführen? Sascha: Ja, nur deshalb. Ramusow: Das ist ja schrecklich. Sascha! Wir gehen dioh gar nichts an? Ich nicht, dein leiblicher Vater? Auch Wasienka nicht, den man nur deinetwillen verwundet hat? (Erweint.) Und Fjodor? . Der hat sich totschiessen lassen für dich? Und alle deine Kameraden, die sich geopfert ' haben? Sascha ([fast boshaft): Also, Alter! So'l ich. doch das Attentat ausführen? RämUSO'w (schreit fast wahnsinnig auf): Nein, nein! (Zusanuaen- . brechend.) Aber das andere ist ja noch schrecküaiier! ' Barmherziger Gott! Bjelkin (nimmt einen Anlauf, Sascha von einer anderen Seite beizukommen) i Ein Glück, Freund, dass nicht mit dir erst die Welt-

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