Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 257 - 258 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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257. Loo Biriuski: Der Moloch. 258 Bjelkjn (locht auf). Agrafena: Reden Sie nicht so. Der Antichrist ist in der Stadt. Er wird heute von den Rechtgläubigen vertrieben. Bjelkitl (noch immer lachend): Was ist das für ein Unsinn? Stefkfn: Pogrom. (Agrafena erinnert sich bei diesem "Wort an etwas und will zu der Vordertüre links.) Bjelkitl (sich ihr in den Weg stellend): Wohin? Agrafena: Ein Kreuz ans Haustor machen, dass hier keine Juden wohnen. Bjeikin: Unsinn! (Hält Agrafena zurück.) Sie gehen in die Küche und bleiben dort und damit Schluss! Agrafena (keifend): Wer sind Sie hier? Was haben Sie hier zu befehlen? Bjeikin (nimmt sie am Arm und führt sie zur Küchentür; winkt Niuta herbei, auf sie acht zu geben.) RamilSOW (ausser sich): Was unterstehen Sie sich? Sie sind in meinem Hause! Sascha! Sascha! Siehst du, wie sie in unserem Hause umgehen. Und du schweigst dazu?! Du lässt mich verhöhnen-? Deinen Vater, der aus Liebe zu dir fast wahnsinnig wurde! Bjelkin(ruhig): Ach, es will Sie niemand höhnen. Ich wollte bloss verhüten, dass Ihre Unvorsichtigkeit Ihnen und uns einen Streich spielt, und wir zu guter Letzt noch durch ein unbedachtes Wort alles riskieren. RamilSOW: Mein Herr! Sie haben hier überhaupt nichts zu riskieren. Sie haben das ausgeführt, was Sie wollten: Sascha ist hier. Das übrige ist meine Sache! Bjeikin (ruhig): Wahrhaftig, sind Sie ein grosses Kind! Sie glauben doch nicht, dass wir seit Monaten ruhelos arbeiten, unser Leben aufs Spiel setzen, nur um Ihnen Ihr Söhnchen wiederzubringen, damit Sie ihm Ihre Lebensweisheiten predigen können! Ramusow: Was soll das bedeuten? Bjeikin: Dass Sascha unser ist, dass er uns gehört, dass wir unsere Absichten mit ihm haben! RaiTIUSOW (sieht sich eine Weile in stummem Entsetzen im Kreise um): Mit Sascha? Bjeikin: Ja. Deshalb haben wir ihn doch unter so vielen Opfern herauszubekommen versucht. Ramusow: Und meint ihr, ich werde es zulassen, ich werde es dulden, dass Sascha in euren Kreis zurückkehrt? Mit euch verbrecherische Pläne ausheckt? Bjeikin: Es wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben. Ramusow: Ihr werdet mich nicht einschüchtern! Ich will euch zeigen, dass ich kein Kind bin! Ich werde euch einen Strich, einen tüchtigen Strich durch, die Rechnung machen! Bjeikin (sieht auf seine Uhr): Das werden Sie nicht tun! In Ihrem eigenen Interesse nicht! Ramusow: Mein Interesse geht euch gar nichts an! Bjeikin: Sicherlich nicht! Wir werden es auch dem unsrigen opfern. Ramusow: Ich habe keine Angst vor euch! Was wollt ihr mir tun? Mich töten . . .? Bjeikin (einfach): Wenn's notwendig sein sollte, ja. RamilSOW (starrt ihn eine Weile sprachlos an; mit gedämpfter Stimme): Wer sind Sie ...? Bjeikin (lächelnd, mit einem Achselzucken): Ich? Die Notwendigkeit! RamilSOW (der ihn noch, vor Entsetzen gelähmt, starr ansieht, schreit auf einmal, wie aus dem Schlaf erwachend): Sie sind ein — Sie sind ein . . . (Er ringt nach einem Ausdruck.) Bjeikin (einfach-ruhig): Strengen Sie sich nicht an, ich bin das Leben. Es tut mir fast leid, dass Sie es jetzt so plötzlich und in seiner ganzen Rücksichtslosigkeit kennen lernen . . . aber es ist etwas, womit wir uns halt abfinden müssen. Tun Sie es, wie Sie es können. Zwingen Sie uns aber nicht . . . Ramusow: Und was für Absichten habt ihr mit Sascha? Bjeikin: Das sollen Sie am Nachmittag erfahren. Jetzt, bitte, lassen Sie uns allein; wir haben etwas zu besprechen. Sie halten uns nur auf! Ramusow: Nein, nein, ich gehe nicht fort! Ich bleibe hier, »nd wenn ihr mich in Stücke reisst! Ich bleibe hier! Bjeikin: Meinetwegen können Sie hierbleiben, aber, bitte, schreien Sie nicht so! Es könnte uns ein Uneingeweihter hören! Ramusow (leiser): Mag er hören! (Wieder schreiend). Mag er hören! Ich habe keine Angst vor eurem Heldentum! Mich werdet ihr nicht einschüchtern! Ich Avill euch jetzt die Rücksichtslosigkeit des Lebens zeigen! Ich gehe zum Gouverneur ... Bjeikin: Ach — diesen Gang wird schon Sascha besorgen. RamUSOW (versteht ihn nicht): Was? Sascha? Bjeikin: Ja, Sascha wird (er zieht die Uhr hervor) sich um elf Uhr erlauben, Seiner Exzellenz einen Besuch abzustatten. Ramusow: Sa ...? (Begreift es plötzlich.) Ah! . . . Sascha soll ein Attentat auf den Gouverneur ausführen?!! Bjeikin: So ist's — ja. RamUSOW (blickt auf Sascha, der ruhig dasitzt): Ah! Ah! (Ringt die Hände, rauft sich das Haar, sinkt zusammengebrochen in einen Stuhl.) Barmherziger Gott! Warum mir das? . . . (Seine Stimme zerbricht ermattet, er schreit nur noch heiser unter Schluchzen.) Warum mir das? Warum gerade mir? Warum muss es Sascha sein? . . . Mein Sascha . . . Ihr habt mir ja schon genug genommen . . . Fjodor haben sie mir erschossen, Wasja ist verwundet . . . meine Frau liegt im Sterben . . . warum das . . warum . . . warum mir . . warum meinen . . . Sascha . . . habt doch Mitleid mit mir ... (Er geht in unartikuliertes Schluchzen über.) Niuta (tritt zu ihm, kämpft mit den Tränen): Iwan T"vanowitsch, haben Sie doch auch Mitleid mit uns . . . Seien Sie stark! Tun wir es für uns? Bringen wir uns nicht auch selbst zum Opfer? . . . Für alle. Für das ganze geknechtete russische Volk . . . für die ganze Menschheit! Wasja (der sich mit schwerer Mühe zu Ramusow hinschleppt): Väterchen, Väterchen, wir haben doch alle Sascha so lieb! ... so Heb und müssen es ertragen ... es gilt für die Zukunft, für die Menschheit! RamilSOW (schluchzt immer leiser). Bjeikin (legt ihm die Hand auf die Schulter): Es gilt das Ziel ZU erreichen, und wir müssen rücksichtslos sein, denn ebenso rücksichtslos geht das Schicksal über uns hinweg. Vor kaum einem Jahre bestand unsere Gruppe noch aus vierundsechzig Mitgliedern, jetzt sind noch kaum fünfundzwanzig am Leben. Die anderen sind aufgehängt, zu Tode gefoltert, von Bomben in Stücke zerrissen. Mit Seufzern werden wir unsere Ketten nicht zerbrechen. Mag sein, dass es unserer Taktik nicht bedürfe, wenn sich alle der guten Sache annehmen würden, aber' die anderen schlafen noch, und es bleiben uns keine anderen Waffen als unser bisschen Lebensenergie. Niuta: Seien Sie doch stark, der guten Sache ein Opfer zu bringen! Wasja: Väterchen, die Zukunft wird dir Dank wissen! Dein Opfer bringst du dem Wohle der Menschheit. Du sollst darauf stolz sein, dass es dein Sohn ist, der dazu erwählt wurde. RamUSOW (schluchzt jetzt sehr leise). Wasja (sucht ihn durch Liebkosungen zu beschwichtigen). Bjeikin (zu Sascha tretend, der noch immer in einem Stuhl regungslos dasitzt und die Vorgänge wie geistesabwesend beobachtet): Das haben wir dir leider nicht ersparen können. Die Polizei hat uns im letzten Moment das Konspirationslokal ausgehoben, und da mussten wir dich herbringen. (Auf Ramusow deutend.) Er wird sich schon beruhigen! (Ihn musternd.) Du bist ziemlich abgemagert in den letzten zwei Monaten (Zum Korb gehend.) Ich fürchte, die Uniform wird wirklich ZU weit sein. (Er geht znm Korb und holt den Offiziersmantel.) Probier mal an! Sascha (schüttelt verneinend den Kopf). Bjeikin: Wir haben noch zwei Stunden Zeit; man könnte es noch eventuell richten . . . Also . . . Sascha (wehrt verneinend ab.) Bjeikin: Sei doch nicht kindisch! Stefkin (zu Bjeikin): Lass das jetzt, es ist noch Zeit genug! Bjeikin: Unsinn! Warum soll er ihn nicht anprobieren!? (Hält ihm den Mantel hin.) Sascha: Ich will ihn nicht anziehen! Bjeikin (lacht): Mit welcher Miene er das sagt! (Gutmütig.) Schafskopf! In diesem Habitus wirst du doch aum Gouverneur nicht vordringen können! Sascha: Ich gehe nicht zum Gouverneur! Bjeikin: Was?