Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 261 - 262 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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261 Leo Birinski: Der Moloch. 262 geschichte anfängt! Wir stehen schon mitten im Kampfe, da heisst es sich der eigenen Haut wehren! Sascha: Wozu? ÖJelkin (lacht auf): Wozu? Damit dich Väterchens Gendarmen ' nicht allzusehr liebkosen! Sascha: Man entkommt ihnen doch nicht. Bjelkin (erleichtert): Ach so, du bezweifelst also unseren Sieg? Sascha: Es bleibt sich doch gleich, ob die Gendarmen oder ihr siegen werdet. Ihr wollt ja alle dasselbe: mich vernichten. Dem Moloch entkomme ich doch nicht! Bjelkin: Und deshalb? Sascha: Wozu mich ihm noch jauchzend in den Rachen werfen? Er kommt schon selbst mich holen. Wozu ihm den Weg ersparen? Bjelkin (aufbrausend): Zum Teufel, du vergisst ganz, dass wir dich vor kaum vierundzwanzig Stunden aus dem Gefängnis befreit haben und es nur eines Winkes bedarf, dass dich die Polizei erwischt und aufhängt. Sascha: Und ihr? Was wollt ihr mit mir machen? Bjelkin (ausser sich): Zum Donnerwetter! Das ist doch etwas anderes! Das tust du doch . . . Sascha: Für die Menschheit. Für wen, meinst du, wird mir der Henker die Schlinge um den Hals legen? Für wen wird mir der Priester am Galgen die letzten Weihen •geben? Auch für die Menschheit! Ihre Menschheit! Eure Menschheit! Ich hänge am Galgen. Bjelkin: Genug von dem Unsinn! Du bist uns verpflichtet. Wir haben dich aus dem Gefängnis befreit. Sascha: Habe ich euch darum gebeten? Bjelkin: Sei dem, wie es sei. Wir haben dich nun mal aus dem Gefängnis befreit. Sascha: Das Gefängnis hat mich vor den Mitmenschen geschützt. Bjelkin: Du wärest dort verfault oder an deiner Theorie wahnsinnig geworden. Sascha: Und jetzt? Bjelkin: Jetzt! (Aufwallend.) Jetzt, zu allen Teufeln, wirst du das Attentat ausführen, sonst, sonst . . . Sascha: Sonst? Bjelkin (fast rasend): Sonst ... nimm diesen Revolver und erschiesse dich auf der Stelle. Da . . . Sascha: Wozu? (Ruhig.) Das wird schon ein anderer besorgen! Bjelkin (verzweifelt): Sollst recht behalten. (Ergreift den Revolver und legt ihn auf Sascha an.) Zum letzten Male frage ich dich! Gehst du, oder ich erschiesse dich wie einen tollen Hund! (Er hält den Revolver knapp vor Sascha schussbereit.) Sascha (mit einem Achselzucken): Ob eine Stunde früher oder später! Bjelkin (wirft den Revolver weg): Du gehörst in ein Irrenhaus! Sascha: Mag sein, aber ihr alle nicht weniger. Bjelkin (in wilder Raserei): Höre, Sascha, bringe mich niefit zu rVerzweiflung. Es haben sich so viele deinethalben geopfert, du gehst oder (keuchend) ich sprenge das ganze Gebäude mit uns allen in die Luft. Mit uns allen. Mit deinem Vater, deiner Mutter, mit uns allen! Sascha: Um so früher habt'ihr ausgelitten! Bjelkin: Also sei es! (Er will ins Laboratorium. Stefkin undDr. Spielmann werfen sich in den Weg. Sie ringen mit ihm.) RamUSOW (fällt in Verzweiflung auf die Knie, zum Himmel): Gott erbarme dich meiner ... warum mir das? Gott, strafe mich nicht so, Gott, quäle mich nicht so! . . . . Lass — ab von mir, lass ab . . . oder Gott . . . lass ab oder ich fluche dil . . . (Schreit aus allen Kräften, drohend): Gott! (DieStimme bricht ab, er lacht auf, begütigend zumHimmel): Hab keine Angst, ich tu dir nichts. (Lächelnd): Ich tu dir nichtsjhab keine Angst. (Schreit wie aus allen Kräften auf, mit Händen und Füssen um sich schlagen'd): Hab keine Angst (und briöht ohamächtig zusammen). > Wasja (zu ihm stürzend): Er hat den 'Verstand verloren! (Dr. Spielmann stürzt zu Ramusow, ebenso Stefkin, Bjelkin steht starr und glotzt auf Sascha, der ohne sich zu rühren dasitzt, mit der tfefea Leid verratenden Miene eines Menschen, der einem Ertrinkenden vom Ufer zusieht und ihm nicht helfen kann. Von der Strasse, weit entfernt, dringt ein Pfeifen und Johlen einer wütenden Menschenmenge. Niuta und Agrafena stürzen aus der Küche herein.) Niuta: Die Pogromler kommen die Strasse herauf. Das Schwarzehundert! Sascha (mehr für sich): Der Moloch kommt schon. Agrafena: Man vertreibt schon den Antichristen! Bjelkin (mit dumpfer Stimme, auf Sascha deutend): Ich glaube, da sitzt der wahre Antichrist. Agrafena (bekreuzt sich entsetzt, erblickt aber Ramusow am Boden und stürzt zu ihm, schluchzend. Der Lärm unten schwillt an, kommt näher, man hört, wie in den Nachbarhäusern die Fensterscheiben eingeschlagen werden). Stefkin: Rettet euch, sonst massakrieren sie uns alle! Widerstand wäre da vergebens! Niuta (auf die Türe rechts zeigend): Von diesem Zimmer kommt man in den Keller. Bjelkin: Also gut! Bringt Ramusow und Wasja auch hinunter. Auch die Uniform und die Waffen. Ich und Werbenko halten unterdessen die Menge auf. (Dr. Spielmann und Rabskij tragen Ramusow hinaus.. Rolewitsch nimmt Wasja, der ganz kraftlos ist, auf die Arme und folgt ihnen. Agrafena eilt verzweifelt nach.) Niuta: Und Sascha? Bjelkin (mit wildem Entschluss): Sascha bleibt hier und hält den Pogromlern den Vortrag über seine Philosophie. Vielleicht massakrieren sie ihn dann mit etwas mehr Behagen. Niuta: Bjelkin! (Der Lärm ist schon ganz nahe; man hört einzelne Hilferufe, dazwischen Pfeifen und Johlen.) Sascha, komm doch! Sascha (schüttelt verneinend den Kopf). Niuta (verzweifelt): Du willst dich nicht retten? Sascha: Nein! Ich will mit dem Moloch kein Verstecken, spielen. Bjelkin: Du bist schrecklich! Geh doch! Die Horde zerreisst dich ja in Stücke! Sascha: Wer einmal dem Moloch in die Augen gesehen,, der hat vor nichts mehr Angst. . (Man hört die Menge schon knapp am Hause. Ein Stein zerbricht zwei Scheiben und fällt ins Zimmer.) SaSCha (rührt sich nicht). (Von links hört man Nina Alexandrowna mit kranker Stimme um Hilfe rufen.) Bjelkin: Die Kranke hat man vergessen. (Zu Nina): Geh, schaff sie in den Keller! Mit dem werden wir schon fertig. (Zu Sascha): Du gehst nicht? Sascha: Nein. Bjelkin: Werbenko, hilf! (Er kreuzt Sascha die Arme auf dem Rücken und übergibt ihn Werbenko.) Da, bring ihn in, den Keller; ich halte die Pogromler unterdessen auf! Höre, Sasoha, mein letztes Wort! Wenn sich der Pogrom gelegt hat, begehst du das Attentat gegen den Gouverneur. Es sind bereits alle Vorbereitungen getroffen. Stefkin erklärt dir alles, im Falle ich nicht mehr am Leben bin. Hinaus mit euch! (Werbenko. mit Sascha ab. Bjelkin lauft ans Fenster.) Vorhang. Schluss des Dramas folgt im nächsten Heft,