Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 255 - 256 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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255 •Leo Birinski: Der Moloch. 25« Stefkin (geht zu ihm): Da! (Dr. Spielmann, auch die anderen treten cur Türe des Laboratoriums. Sie öffnen sie und vergleichen die Photographie mit dem schlafenden Sascha.) NlUta (auf die Photographie sehend): Es ist doch merkwürdig. Stefkin: Ja, ja! Niuta: Jemand so ähnlich zu sehen. Dr. Spielmann: Wenn man aber genau hinsieht — da hast du'8 gleich — das Kinn ist ganz anders. Auch eigentlich der Mund! Niuta: Ach nein, schaut nur die Augen an und die Partie um den Mund! Dr. Spielmann: Die Augen, allerdings. Niuta: Und auch der Gesamteindruck ist der gleiche. Dr. Spiel mann: Ihr werdet ihn noch aufwecken. Mag er sich noch ausschlafen. . Bjelkin (schiiesst die Türe): Kir jeden Fall hatte die Natur einmal einen gescheiten Einfall. (Den Waffenrock und Mantel musternd.) Ja, der Rock wird viel zu weit sein. (Zustefkin): Er darf halt den Mantel nicht ablegen. Stefkin: Das geht nicht! Bjelkin: Warum denn? Stefkin: Man wird ihn doch nicht im Mantel ins Kabinett des Gouverneurs hineinlassen. Bjelkin: Warum nicht? Als Adjutant! Stefkin: Nein, nein, sicherlich nicht! Bjelkin: Du sagtest doch selbst, dass sich der Adjutant nicht erst anmelden müsse. Stefkin: Allerdings; aber es geht doch nicht gut an, daß er im Straßenmantel ins Kabinett tritt. Es könnte auffallen, und das Ganze wäre beim Teufel. Bjelkin: Mal nicht den Teufel an die Wand, selbst kommt er nicht! Und wir brauchen ihn. Ah, du hast ja an den Pogrom vergessen! Siehst du, man soll nie brummen. Der Pogrom wird uns grosse Dienste leisten. Dr. Spiel mann: Ich bitte dich, Bjelkin, lass diese Redensarten! Bjelkin: Rührt sich schon wieder die ätherische Galle in dir? Der Pogrom wird doch ins Haus des Gouverneurs einige Unruhe bringen. Stefkin: Na — und? Bjelkin: Der Gouverneur wird doch fieberhaft auf Nachricht warten; der Adjutant ist bei den Truppen. Da fährt ein Wagen im Galopp vor; der Adjutant, unser hochgeschätzter Sascha Ramusow, springt Hals über Kopf aus dem Wagen. Die Wache präsentiert. Er stürzt die Treppe hinauf; alle sind aufgeregt — haben keine Zeit, sich ihn näher anzusehen. Im übrigen sieht er ihm doch auch wirklich ähnlich. Er stürzt ins Vorzimmer und kommt so ins Kabinett des Gouverneurs. Stefkin: Na, du hast wieder einmal recht! Dr. Spielmann: Eigentlich ja. (Auch die anderen stimmen bei.) Bjelkin: Gewiss habe ich recht. Dazu hat es den Vorteü, dass man Saschas Aufregung nicht bemerkt. Dass sie sogar selbstverständlich sein wird; aufgeregt wird er doch sein. Wasja (von seinem Lager aus, mit innerem Stolz): Sascha wird nicht aufgeregt sein! Bjelkin: Sollst Recht behalten, stolzer Römerjüngling! (Er legt sich währenddem den Offiziersmantel um, setzt sich die Kappe auf und stellt sich in Positur, salutierend.) Exzellenz, melde gehorsamst, wichtige Nachrichten. (Er greift in die Brusttasche, wie wenn er ein Aktenstück herausholen wollte, zieht aber einen Revolver, setzt ihn an und zielt.) Grüssen Sie mir Ihre selige Grossmutter! (Kaum dass er den Satz vollendet hat, ertönt grell, ziemlich lang die Haustorglocke. Sie bleiben eine Weile stumm. Die Glocke ertönt wieder, und zwar einige Sekunden ununterbrochen, grell. Von links stürzt Ramusow herein, erblickt Bjelkin im Offiziersmantel und schreit entsetzt auf.) Ramusow: Die Polizei! Bjelkin: Nein, nein, die ist noch draussen. (Er wirft den Mantel ab; es läutet ununterbrochen.) RamtiSOW (stürzt weinend zu Wasjas Lager). Bjelkin (zu Ramusow):Bitte, verhalten Sie sich ruhig! (Zu Niuta): Kann man nicht von irgendwo hinausschauen, wer draussen ist? Niuta: Gewiss; aus dem Seitenfenster im Gang. (Sie läuft hinaus, Rabskij folgt ihr.) Bjelkin (deutet Bolewitsch, den Korb mit der Uniform beiseite iu schaffen. Rolewitsch will es tun.) Warte! (Er nimmt den Mantel, zieht aus der Tasche den Revolver und steckt ihn zu sich. Rolewitsch legt die Uniform nun in den Korb, deckt alles zu und stellt den Korb in die Nische zum Klavier.) Bjelkin (weckt den schlafenden Werbenko): Werbenko, Werbenko, auf! Werbenko (setzt sich verschlafen auf, reibt sich die Augen): Wo sind wir? Bjelkin: Eine Station vor Sibirien! Werbenko (verschlafen): Weck mich, wenn wir ankommen! Er legt sich zurück.) Niuta (kommt aus dem Vorzimmer zurück): Agrafena ist es. Bjelkin: Die fehlt uns! Welcher Teufel bringt die jetzt wieder her? Ramusow: Macht ihr auf! Lasst sie herein. Meine Frau wird nach ihr verlangen, wenn sie aufsteht. Stefkin: Es war ja ausgemacht, dass man Agrafena für die zwei Tage zu ihren Verwandten schickt! Niuta: Ist auch geschehen. Siehst ja, dass sie jetzt zurückkommt. Stefkin: Aber jetzt schon? Niuta: Weiss ich, warum sie jetzt schon kommt? Stefkin: Was ist da zu machen? Ramusow: Hereinlassen soll man sie. Bjelkin (ohne am5 Ramusow zu achten): Das mag der Teufel wissen; was da zu machen ist? RamUSOW (schleicht ängstlich von Bjelkin zu Wasja und kauert sich neben ihm nieder). Stefkin: Sie ist imstande und schlägt noch draussen Lärm und hetzt uns so die Polizei auf den Hals. Bjelkin: Das alte Luder ist es schon imstande. (Es läutet ununterbrochen.) Niuta, mach ihr auf! (Niuta ab.) Wir behalten sie hier, bis alles aus ist! Man darf sie nicht hinauslassen. (Zum Schlafenden): Also, Werbenko, auf! Wir sind schon an Ort und Stelle! Auf! Stefkin: Lass ihn. Bjelkin: Er muss aus dem Schlaf herauskommen. Er ist dann ganz verschlafen. (Neigt sich über Werbenko.) Werbenko, die Polizei hat das Archiv konfisziert. WerbenkO (springt auf, verliert den Schlaf): Das Archiv! Und was ist mit Sascha? Bjelkin: Ein probates Mittel! .... WerbenkO (schaut ihn verwundert an): Was ist mit Sascha? — Bjelkin: Der schläft auch noch. Stefkin: Es ist nichts; er wollte dich bloss radikal wecken. Werbenko: Hol dich der Teufel! (Hinter der Szene hört man Agrafenas keifende Stimme: „Ich läute, ich läute . . .") Bjelkin: Da kommt schon seine Grossmutter! Agrafena (erscheint im Türrahmen, sieht sich verdutzt um): Jesus, Maria und Josef! (Sie erblickt den verwundeten Wasja auf dem Diwan und stürzt zu ihm, laut weinend und schreiend.) Wasienka, Väterchen! Täubchen! Herzchen! Was ist dir geschehen? — Väterchen, Väterche.i, weh mir! Barmherziger Gott! Väterchen, wer hat dir das getan? Wasienka, Liebling! ... RamUSOW (steht in ihrer Nähe und trocknet sich die Tränen). (In der Türe erscheint nun Sascha, Er ist sehr bleich; auf seinem Gesichte liegt eine kalte Ruhe, wie bei einem Toten.) RamUSOW (ihm entgegenstürzend): Saschenka! (Fällt ihm tun den Hals unter Weinen und Lachen.) Saschenka, Liebling! (Allgemeine Bewegung.) Agrafena (bleibt einen Augenblick wie erstarrt, dann stürzt sie sich auch zu Sascha, küsst ihm weinend die Hände und schlägt über ihm nach russischer Art das Kreuz. Alle drücken Sascha freudig und gerührt die Hand, die er ihnen mit starrer Ruhe, die ein tiefes Leid verbirgt, reicht.) Wasja: Und zu mir willst du nicht kommen? Sascha (nähert sich ihm stumm; sie küssen einander). Wasja (weint): Saschenka, teuerster Bruder! Sascha (sieht sich darauf im Kreise um, ruhig, ohne jede Neugierde, wie wenn ihm die Antwort ganz gleichgültig wäre): Sagt mir, wie komme ich eigentlich hierher? Bjelkin (platzt mit einem Gelächter heraus): Satanas in höchst eigener Person hat dich hergebracht. Agrafena (entsetzt): Satanas.