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Ost und West · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 253 - 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-04-01
Page
Seite 253 - 254 (sequence 8)
Language
German
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253 Leo Birinski: Der Moloch., 254 Vorgestern starb im Gefängnisspital ein bereits seit mehreren Jahren inhaftierter Revolutionär. Gestern früh sollte man ihn in einem primitiven Sarge unter Bedeckung von fünf bewaffneten Soldaten auf den Friedhof, der nur ein paar hundert Schritte vom Gefängnis entfernt ist, bringen; der Kondukt war schon an der Friedhofsmauer, als man plötzlich eine furchtbare Detonation vernahm; es entstand eine grosse Panik, die Soldaten gaben Feuer, es lief die nächste Polizeipatrouille herbei, und nacli wenigen Sekunden wälzten sich mehrere Personen in ihrem Blute. Niemand wusste, warum es sich handle. Erst als sich die Verwirrung ein Avenig gelegt hatte, bemerkte man, dass der Sarg mit der Leiche verschwunden sei. Man konnte es sich nicht erklären." Stefkin: Das glaube ich. Rabski]: Die Visagen hätte ich gern gesehen! Bjelkin (liest weiter): „Erst als sie ins Gefängnis zurückkamen, klärte sich die Sache auf. Man fand die Leiche, die man hätte beerdigen sollen, in einem Krankenbette ruhig liegen —" - - Dr. Spiel mann: Nein, schreien wird sie! Bjelkin (weiterlesend): „Aber ein zweiter Inhaftierter, ein Lebender war aus dem Spital verschwunden. Und zwar ist es der rätselhafte Gefangene, den die Revolutionäre in den letzten drei Monaten mehrmals schon zu befreien versucht haben. Bis nun aber jedesmal erfolglos und unter schweren Verlusten an Menschenleben.'* Dr. Spielmann: Wie rührend! Rabskij (zu Bjelkin): Da ist ein weiteres Telegramm. Bjelkin: Ja. (Liest.) „Die Polizei hat eine Untersuchung eingeleitet!*' Stefkin: Hört! Hört! Bjelkin: „Denn es kann nur unter Mithilfe des Gefängnispersonals geschehen sein. Der Fall ist so zu erklären, dass man den Flüchtling an Stelle der Leiche in den Sarg legte und die Revolutionäre dann den Kondukt überfallen haben, um während der Panik den Sarg zu entführen." Dr. Spielmann: Gott, wie spitzfindig! Bjelkin (liest): „Die Polizei setzt alles in Bewegung, um des Flüchtlings wieder habhaft zu werden. Um so mehr, als es sich, allem Anscheine nach, um eine wichtige revolutionäre Persönlichkeit handelt. Sonst würden die Revolutionäre nicht so viel aufs Spiel gesetzt haben. Sie brauchen ihn, scheint's, sehr dringend zu einem Komplott. (Schiiessend): Beim gestrigen Ueberfall sind acht Menschen ums Leben gekommen." Niuta: Acht! Bjelkin (liest): „Drei Soldaten, vier Revolutionäre und ein Polizist!" Wasja (seufzt): Also wieder acht Menschen! Bjelkin (die Zeitung weglegend): Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Gelobt sei sein Name in Ewigkeit, Amen! Stefkin: Du bist heute guter Laune! Bjelkin: Ich spare die Missstimmung für Sibirien. Stefkin: Da wirst du nicht viel Zeit haben zum Sparen! Bjelkin: Meinst du? — Du machst eine so feierlich-blöde Miene. Was gibt's? Ist etwas nicht In Ordnung? Stefkin: Die Polizei plant für heute einen Pogrom! Alle (mit Ausnahme von Bjelkin): Pogrom!? Ist es sicher? Weisst du es bestimmt!? Stefkin: Ja, es werden alle Vorbereitungen getroffen! Heute ist Feiertag; während der Prozession. Bjelkin (steht nachdenklich): Für heute?! Stefkin: Ja. Bjelkin (nachdem er eine Weile nachgedacht, einfach): Das ist nicht sehr angenehm. Stefkin: Nicht sehr angenehm?!! Bjelkin: Nun ja. Angenehm kann es nun doch nicht sein! Dr. Spielmann (ungestüm): Das sind schlechte Witze. Dir sind die Pogrome bloss (ihn kopierend) „nicht sehr angenehm", weil es sich da um Juden, nur um jüdisches Blut handelt. Sonst — Bjelkin: Halt! Halt! Auserwählter Sprössling! Wenn wir heute unsere Affäre erledigt haben und noch mit ganzen Schädeln ins Gefängnis kommen, so eröffnen wir dort eine Generaldebatte über die Judenfrage im allgemeinen und über dich im speziellen. Dr. Spielmann: Du bist unverbesserlich! Bjelkin: Was ich dir jetzt schon sagen kann, ist, dass du ein Idiot bist! Jüdisches Blut! Du weisst doch zu gut, dass die Pogroms jetzt nicht bloss gegen die Juden, sondern gegen unsere ganzen Intelligenzler — wie es die Polizei versteht — gerichtet sind. Wirst doch hoffentlich nicht behaupten wollen, dass die russische Intelligenz aus lauter Juden besteht? Und dann erkläre ich euch, dass mir die Pogroms im allgemeinen ganz sympathisch sind. Stefkin: So?! Dr. Spielmann: Das ist aber unerhört! Bjelkin: Jawohl, sehr angenehm! Glaubt ihr, ihr werdet mit euren Idealen nur eine Person aus ihrer „Häuslichkeit" her vor locken? Glaubt ihr, es würde auch nur einer von dem ganzen bürgerlichen Krämerpack für eure Ideale einen Finger rühren? Lasst aber ein Fenster einschlagen oder den Geschäftsgang stocken, da werdet ihr sehen, wie sie kämpfen! Wie die Löwen! Bewegung! Bewegung! Schlafen können sie dort oben in Abrahams weichem Schoss! Ach was . . . hat das Exzellenzchen Todesahnungen? Stefkin: Und wie noch! (Es klingelt wieder wie vorher — geht öffnen.) Fürchtet, sich vor seinem eigenen Schatten! Bjelkin: Und der Adjutant? Stefkin: Der steht noch in Gnade; der einzige. — Der Pogrom soll den Leuten Furcht einjagen. Der Mann ist fast irrsinnig vor Angst. Bjelkin: Er wird bald kuriert werden. (Zu Spielmann): Sieh mal nach, was Sascha macht, ob er keine Lust hat, aufzustehen, der Erlöser. Dr. Spielmann will ins Laboratoriuni, da geht die Tür auf und Rolewitsch schiebt aus dem Vorzimmer einen grossen Brotkorb herein. Spielmann bleibt im Zimmer.) Rolewitsch (hinter dem Korb, noch im Vorzimmer, so dass man bloss deu Korb sieht): Frische Semmeln angenehm? Bjelkin: Hol dich der Teufel! RolewitSCh (eintretend; er ist im Kostüm eines Gebäckausträgers): Das hat er bald getan! Ich wäre bald verhaftet worden mitsamt den Semmeln. Bjelkin: Ich warnte dich doch ausdrücklich, allein zu gehen, Stefan hätte mitgehen sollen. RolewitSCh: Das tat er auch. Das war ja mein Glück. Auf dem Hauptplatz trottet mit ein Betrunkener entgegen und verlangt unbedingt zwei frische Semmeln. (Zieht währenddem aus dem Korbe einen Offiziersmantel und eine Uniform hervor, die mit einem weissen Tuch zugedeckt waren.) Er machtRadau. Zwei frische Semmeln für mein Geld! Quietscht wie ein abgestochenes Ferkel, dass die Leute zu den Fenstern herausschauen und einige Polizisten im Galopp kommen. Zum Glück hat Stefan mit ihm zu raufen angefangen, so dass ich unterdessen verschwinden konnte. Stefkin: Zum Donnerwetter! Stefan hat ja den Situationsplan bei sich! RolewitSCh: Den hat er mir noch rechtzeitig zugesteckt. (Er reicht ihn Bjelkin, der ihn besieht. Zu Stefkin): Es treiben sich in den Strassen allerhand Pogrombrüder herum! Stefkin: Ja, ja; es kann heute noch sehr gefährlich werden! Dr. Spiel mann (nimmt denWaffenrock und mustert ihn): Ich fürchte, er wird zu weit sein . . . Bjelkin: Ist Sascha sehr abgemagert? Dr. Spiel mann: Ziemlich. Niuta: Er ist doch für sein Mass gemacht worden. Dr. Spielmann: Vor zwei Monaten im Gefängnis! Ich glaube, er ist jetzt viel magerer geworden! Bjelkin: Und wenn auch. Das macht nichts; er zieht halt darunter etwas an. Wie ist es mit dem Gesicht? Dr. Spielmann: Er ist jetzt viel bleicher. Bjelkin: Das macht auch nichts. Hat es sich sonst verändert? Der Ausdruck? Dr. Spielmann: Ich glaube nicht, Bjelkin (zu Niuta): Hast du das Bild bei dir? Niuta: Von Sascha? Bjelkin: Nein, vom Adjutanten. Stefkin: Ich habe es. Bjelkin (geht zur Türe rechts): Zeig mal her!

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