Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 251 - 252 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2583875-2583993-2583998-2594683--10280-2594754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
251 Leo Birinski: Der Molocn. 252 Nillta (wechselt Wasja eine Kompresse): Bleiben Sie ruhig liegen! Bjelkifl (kommt aus dem Vorzimmer in einem langen zerfetzten Bauernpelz; er legt ihn ab, begrusst Niuta und beugt sich über Wasja): Nun, wie geht's? Besser? Wasja: Ja. Niuta: Er will mir bloss gar nicht ruhig liegen. Bjelkin: Wasja, schone dich! Wir brauchen dich jetzt so sehr! Saschas Flucht hat doch mehr Opfer gefordert, als wir geglaubt haben! Nillta (seufzt): Ja, wahrhaftig! Wasja: Hast du schon Nachricht, was mit den anderen geschehen ist? Bjelkin: Nein, ich dachte Stefkin schon hier anzutreffen. Ich weiss nur, was auch ihr wisst, dass wir vier Tote und einen Verwundeten («uf Wasja deutend) haben. Fjodor ist tot, Iwan ist tot. Wasja (stöhnt verzweiflungsvoll): Iwan! Bjelkin (wehmütig): Iwan! Iwans Verlust wiegt schwer! Wasja (seufzend): Dass so einer sterben kann!? - Niuta: -Herrgott, und auf welche -Art noch! Die Bombe hat er sich noch selbst gefüllt! Bjelkin (weich, aber mit einigem Stolz): Die Explosion war aber auch danach! Sie muss ihn in tausend Stücke zerrissen haben! Niuta: Man fand ja einen Teil seiner Schädeklecke in der dritten Strasse! Wasja: Ach! Bjelkin: Es war doch gut, dass er mit war. Fjodors Nervosität hätte bald alles zunichte gemacht. Iwan hat es vorausgesehen. NiUta: Für Fjodor war der Tod eine Erlösung. Er hätte dieses Leben unter Hochdruck nicht mehr lange aushalten können. Bjelkin: Also Fjodor, Iwan, Lapochin und Lewitsch? Niuta: Weisst du, Lewitsch war mir eigentlich der liebste aus der Gruppe! Bjelkin: Ja, da hast du recht! Man hatte stets das Gefühl, als müsste man ihn streicheln. Wasja: Nicht wahr?! Und wenn er einen mit seinen grossen Augen ansah, da Avar es, als müsste man sich vor ihm entschuldigen ... für irgend etwas Weites, Unbekanntes . . . Nicht Avahr? . . . Niuta: Er hat schöne Augen! So tief! Wasja: Es lag etwas in ihnen Avie weiche — stumme Musik! Bjelkin: Er war auch immer so stumm! Er hörte bloss zu. Wasja: Ja, ja, und Avenn er auch nur ein Wort sprach, so wurden seine Augen feucht. Sjelkin (aufseufzend): Ach ja . . . jetzt ist er tot . . . (Etwas von sich abschüttelnd.) Ich möchte Avissen, was mit Parfem geschehen ist? (Zu Rabskij, der wieder aus dem Vorzimmer gekommen ist): Ist mir niemand gefolgt? Rabskij: Niemand. Ich habe ein paar Minuten hinausgeschaut. Bjelkin: Hast du das Haustor wieder geschlossen? Rabskij: Ja. Niuta: Warum interessiert dich gerade Parfem? Bjelkin: Ich habe Angst, er könnte lebend den Kosaken in die Hände fallen. Niuta: Wäre dir lieber, wenn man ihn erschiessen Avürde? Bjelkin (einfach): Ja, er hat eine schwache Willenskraft und würde sicher unter den Foltern alles gestehen. Rabskij: Es wurde doch deshalb ausgemacht, dass, wer sich nicht retten kann, unbedingt sich erschiessen müsse. Bjelkin: Wer Aveiss, ob er noch Zeit dazu hatte! Er ist sehr ungeschickt! Rabskij: Na, unsere Gruppe ist ziemlich zusammengeschmolzen. Wie viele sind Avir noch eigentlich? Niuta: Ich glaube kaum zwanzig. Rabskij: Nicht mehr? Bjelkin: Und wie Sascha im Vorjahr die Gruppe gründete, waren Avir? . . . Wasja: Vierundsechzig. Bjelkin (bemerkt, dass Werbenko auf dem Fussboden nicht zugedeckt liegt. Er nimmt seinen Pelz und breitet ihn fürsorglich über den Schlafenden. Währenddem er dies tut): Stimmt, vierundsechzig. Niuta: Also in kaum einem Jahr über fünfundvierzig verloren. Ein bisschen viel! Bjelkin (wie oben): Aber, Kinder, wir leben ja, um sterben zu können. Rabskij: Sind doch bloss auf Saschas Fluchtversuche (rechnet nach) vierzehn und vier . . . achtzehn draufgegangen. . . Bjelkin: Aber jetzt haben wir ihn doch endlich! (Er ist mit seiner Arbeit fertig; sich zu den andern umdrehend, gutherzig): Ich bin schon in der Tat neugierig, den Jungen zu sprechen . . . Macht doch keine solchen Leichenbittermienen . . . Ihr seid wirklich sonderbar! Seit Monaten ist es unser einziges Streben, Sascha aus dem Gefängnis herauszubekommen. Nun ist er da . . . und . . . Niuta (schwermütig): Aber unter solchen Verlusten! Wasja (stöhnt auf). Bjelkin: Ach, lasst doch das Geraunze, Kinder! Wir haben allen Grund, zufrieden zu sein! . . . Sascha hat wirklich kolossales Glück. Ich beneide ihn fast, Avirklich! Teufel noch mal, Avas gäbe ich darum, heute an seiner Stelle zu sein! . . . Dr. Spiel mann (kommt von links). Bjelkin:. Nun, Avas macht er? Dr. Spielmann (mitleidig): Liegt und Aveint. Bjelkin: Was? Er Aveint? Dr. Spielmann: Ja, er ist ganz stumpf vor Leid! Die Tränen rinnen nur so ununterbrochen. Diese lautlosen Tr".nen schneiden einem ins Herz! Bjelkin: Du, von Avem sprichst du eigentlich? Dr. Spielmann: Nun, vom alten Ramusow! Bjelkin: Zum Teufel noch einmal! Ich meine Sascha! Was habt ihr immer mit diesem alten Kind?! Ihr hat tet Gouvernanten Averden sollen und nicht . . . Wasja: Bjelkin, ich bitte dich! Bjelkin: Ach ja, es steht doch jetzt wirklich etAvas Wichtigeres in Frage als die Sentimentalität eines grauen Wickelkindes, das sich einbildet, das Leben sei ein gemütliches Blindekuhspiel. Es Avar ja auch für i h n nichts anderes, Aveil die anderen für die „Wirtschaft" sorgten. Lasset mich in Ruh damit. Genug davon. (Zu Spielmann): Also, Avie steht's um Sascha? Dr. Spiel mann: Er ist höchstens in einer Stunde Avach. Man hat ihm zuviel Opium eingegeben. Er hätte ganz gut überhaupt nicht mehr erAvachen können. Bjelkin: Na, das Aväre schön geAvesen! Dr. Spielmann: Aber die Wirkung ist schon ganz neutralisiert! (Es klingelt wie früher; erst einmal und dann dreimal.) Rabskij: Stefkin geAA'iss! (Ab durchs Vorzimmer.) Bjelkin: Glaubst du, dass er sofort in aktionsfähigem Zustand sein Avird? Dr. Spiel man n: Unbedingt! Bjelkin: Wir müssen es noch heute vormittag ausführen! Dr. Spiel mann: Sicherlich! Er hat einen sehr sresunden Schlaf. (Stefkin und Rabskij kommen aus dem Vorzimmer.) Bjelkin: Nun, was gibt's? Stefkin (die TJcbcrkleider ablegend): Gleich! Bjelkin: Wie ist es auf der heiligen Polizei? Nichts Verdächtiges? Stefkin: EinstAveilen noch nicht! Bjelkin: Haben sie schon eine off ziehe Verständigung aus Kiew über die Affäre? Stefkin: Ja, ja, so im allgemeinen. Ich habe die Recherchen bekommen. Bjelkin: Also, du, recherchiere mir anständig! Stefkin (lacht wehmütig): Ja, aber ich habe bereits unterwegs ein Morgenblatt erwischt. Bjelkin: Steht Avas drin? Stefkin: Ja, ich konnte es noch nicht lesen. Bjelkin: Zeig her! (Stefkin gibt ihm das Blatt. Er sucht auf der ersten Seite.) Wo steht's? Stefkin: Unter „Telegramme". Niuta (zieht währenddem die Rouleaus auf und löscht die Lampe aus. Es dringt etwas Morgenlicht ein). Bjelkin (blättert die Zeitung um). Dr. Spielmann (schaut über Bjelkins Achsel in das Blatt): Hier: „Ein neues Wagestückchen der Revolutionäre!" Bjelkin: Ja. Also! (Liest.) „Ein neues Stückchen der Revolutionäre. Flucht eines Terroristen aus dem Kiewer Gefängnis." (Rabskij, Stefkin und Niuta umringen ihn. Wasja setzt sich im Diwan auf.) „Man telegraphiert uns aus Kiew: