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Ost und West · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 249 - 250

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-04-01
Page
Seite 249 - 250 (sequence 6)
Language
German
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249 Leo Birinski: Der Moloch. 250 RamUSOW (will aufbrausen). Bjelkin (milde, aber kategorisch): Bitte, bleiben Sie ruhig. Jetzt rede ich! RamUSOW (ist ob dieses kategorischen Tones so verdutzt, dass er sofort verstammt und Bjelkin mit mehr Neugierde als Entsetzen gross ansieht). Bjelkin: loh möchte unsere Auseinandersetzung nicht unnütz in die Länge ziehen: Wir haben wenig Zeit. Ueber unsere Ziele mögen Sie bei Ihren Kindern Aufklärung suchen. Was wir erstreben, deckt sich mit den tiefsten Wünsohen aller Menschen. Den Weg, den wir zu diesem Ziele eingeschlagen haben? Mein Gott, wir tun da nichts anderes, als was Ihr für Eure heilige Ordnung tut. Mag sein radikaler. Wir haben eben keine Zeit für langsame Operationen. Wir verschanzen uns aber auch nicht hinter heiligen Wänden, sondern führen unsere eigene Haut ins Treffen. Ramusow: Tun Sie das, wo Sie wollen. Hier nicht.- Das werde ioh nie gestatten. Was haben Sie in meinem Hause zu suchen? Bjelkin (ruhig): Das wollte ich Ihnen eben erklären. Die Polizei hat unser Lokal ausgehoben und da blieb uns nichts anderes übrig, als hier zusammenzukommen. Es handelt sich um Sascha. RamUSOW: Von nun an lassen Sie Sascha und meine Kinder ganz aus dem Spiele; ich werde es nicht dulden. Bjelkin (ohne auf ihn zu achten, ruhig): Wir wollen. Sascha aus dem Gefängnis befreien. Ramusow: Ist nicht nötig. Das besorge ioh schon! Bjelkin (lächelt gutmütig). RamUSOW: loh selbst gehe zum Adjutanten des Gouverneurs, er kennt mich sehr gut. Ich werde Sascha herausbekommen. Ihr habt mir meine Kinder verführt. Bjelkin (ruhig): Wollen Sie uns denunzieren? RamUSOW (keuchend): Wie unterstehen Sie sich, mir so etwas zuzumuten! Bjelkin: Sie hätten keinen anderen Ausweg. Würde Ihnen auch gar nichts nützen — vorausgesetzt, dass wir es zulassen — Sie leben in irgendeinem Wolkenkukuksbeim und keimen unsere Polizei nicht. Die verschickt euch alle nach Sibirien, Sie samt Frau und Kindern. Ramusow: Gott, womit habe ich mich versündigt, dass du mich so quälst? Bjelkin (gibt der Gesellschaft ein Zeichen zum Aufbruch): Da hilft kein Weinen und Schreien. Wir bringen Sascha aus dem Gefängnis heraus. RamUSOW (unter Tränen, schon mit dem Gedanken versöhnt): Wie wollt ihr das tun? Bjelkin (blickt ihn, gerührt Über die grosse Kindlichkeit und gutherzige Naivität, mit der sich der Alte in die Situation hineingefunden; weich): Wir haben schon Vorbereitungen getroffen. Ramusow: Wird es auch gelingen? Wasja: Gewiss, Väterchen. RamUSOW (zieht Wasja zu sich heran und küsst ihn). Bjelkin (warm): Sicher. Wir haben schon dafür gesorgt. RamUSOW: Ist aber auch keine Gefahr vorhanden? Bjelkin: Nein, nein. Ramusow: Und wann, glauben Sie, wird das geschehen? Bjelkin: In drei Tagen schon. RamUSOW (weint, indem er Wasjas Kopf an seinen drückt): In drei Tagen schon. (Die Meisten ab.) Bjelkin: Wir bringen ihn spät in der Nacht her. Sie müssen nur Sorge tragen, dass Ihre Frau davon nichts erfährt. RamUSOW (weint): Meine Frau ... Bjelkin: Damit kein Lärm entsteht. Am besten, wäre es auoh, wenn man Agrafena für diesen Tag aus dem Hause fortschicken könnte. Ramusow: Ja, das kann man machen. Zu ihren Verwandten. Bjelkin: Ja. MalinOW (sitzt allein vorne gebrochen in einem Stuhl. Werbenko nähert sich ihm auf einen Wink Bjelkins und legt ihm die Sand auf die Schulter. Malinow blickt ihn an, erhebt sich und geht langsam zur Ti'r.) RamUSOW (reicht Bjelkin unter Trinen die Hand): Da hab ich euch doch unrecht getan. Bjelkin (schüttelt Ihm die Hand; mit einem Blick au* den Abgehenden Malinow, fast schwermütig): Das kann man im Leben nicht so genau bestimmen! Vorhang. II. Aufzug. Dasselbe Zimmer wie im ersten Aufzug. — Tagesanbruch. Die Rouleanx heruntergelassen, Der Diwan rechts vorne ist ein wenig von der Wand abgerückt, darauf liegt Wasja. Neben ihm sitzt auf einem Sessel Niuta and legt ihm von Zeit zu Zeit Eisumschläge auf die Stirae. In einem Lehnstahl — mehr der Mitte zu — sitzt Ramusow; er starrt ganz gebrochen und stumpf vor sich hin. Im Vordergrunde links schläft Werbenko, auf dem Pussboden ausgestreckt, einen zusammengewickelten Mantel unter dem Kopf. Auf dem Tisch eine brennende, tief herabgedrehte Lampe mit grünem Schirm. NiUta (schaut eine Weile von der Seite auf Ramusow, dann nähert sie sich ihm): Sie sollten sich ein wenig niederlegen . . . ausruhen . . . RamUSOW (blickt sie stumpf und schweigend an). Niuta (streichelt ihm die Hand): Ja, legen Sie sich nieder-. . . RamUSOW (schweigt immer noch). Niuta: Sie müssen sich doch schonen für Ihre Frau und Ihre Kinder . . . RamUSOW (nickt wehmütig, trostlos). Wasja (stöhnt auf). Niuta (tritt wieder zu ihm und wechselt die Kompresse. Plötzlich ertönt mit einem einzigen grellen Ton die Glocke am Haustor unten. Ramusow springt mit einem Schrei auf. Wasja will sich aufsetzen, fällt aber aufs Polster zurück. Aus der Türe rechts steckt Rabskij den Kopf herein. Niuta deutet Ramusow, er möge sich ruhig verhalten. Sie horchen alle; darauf ertönt wieder die Glocke, und zwar dreimal hintereinander; einmal schwach, dann stark, dann wiederum schwach.) Niuta: Einer von den Unseren. (Zu Rabskij): Geh, schliees auf. Rabskij (spricht zwei — drei unverständliche Worte ins Laboratorium hinein und geht dann durchs Zimmer hinaus). N'lUta (tritt zu Ramusow, der, am ganzen Körper zitternd, dasteht, sanft): Bitte, gehen Sie doch auf Ihr Zimmer. Legen Sie sich nieder! . . . RamUSOW (mit gebrochener Stimme): Und Sascha! ... (Er zeigt mit den Augen in der Richtung nach dem Laboratorium.) Niuta: Sobald nur Sascha zu sich kommt, wecken wir Sie auf. Bitte, gehen Sie, Sie halten es auf die Dauer nicht aus! . . . Weinen Sie nicht.' Seien Sie doch ein Mann . . . Bitte . . . legen Sie sich wenigstens nieder, wenn Sie nicht schlafen können ... Wasja: Vater . . . Vater! RamUSOW (tritt za ihm): Was ist, Wasenka, Liebling? Wasja: Väterchen, bitte . . . ruhe dich aus ... Dr. SpiOlmann (kommt währenddem von rechts; er trägt einen langen Aerztekittel): Ja, ja, Iwan Iwanowitsch, Sie müssen sich wenigstens für eine halbe Stunde niederlegen . . . Sie brechen ja bald zusammen . . . Ramusow: Aber Sascha! Ist er schon ausser Gefahr? Ist nichts zu befürchten? Dr. Spielmann: Nicht das Geringste, Sascha war auch nie in Gefahr! Glauben Sie es noch immer nicht? Ramusow: Er war ja wie gelähmt, als man ihn brachte. So leblos! (Weint.) Dr. Spiel mann: Das ist bloss die Wirkung des Opiums, das man ihm eingeben musste! Ramusow: Wird es ihm nicht schaden!? Dr. Spiel mann: Nein, nein, nicht im geringsten. Ich schwöre Ihnen. Ramusow: Darf ich ihn wenigstens sehen? (Er will zur Türe rechts.) Dr. Spielmann: Nein, nein, das dürfen Sie nicht! Sie könnten ihn aufwecken! Er muss jetzt schlafen! Ramusow: Ich will mich ganz ruhig verhalten! Dr. Spiel mann: Nein, nein, das werden Sie nicht können. Und wenn Sascha vor der Zeit aufwacht, schadet's ihm vielleicht! Ramusow: Meinen Sie? Dr. Spielmann: Ganz bestimmt! Ramusow: Dann lass ich's! Er wird doch bald von selbst aufwachen? Dr. Spiel mann: In ungefähr zwei Stunden; ruhen Sie sich unterdessen aus. Kommen Sie! Ich bringe Sie ins Bett. Ihr Puls ist gar nicht in Ordnung! Ramusow: Aber Sie rufen mich dann sicher? Dr. Spiel marin: Ja, ja, unbedingt! Kommen Sie! (Bc fahrt ihn nach links ab. Kamusow lässt es fast willenlos geschehen.)

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