Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 247 - 248

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-04-01
Page
Seite 247 - 248 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2583875-2583993-2583998-2594683--10278-2594752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

247 Leo ßirinski: Der Moloch. 248. RamilSOW: Iwan, kannst dich auch hersetzen! Iwan (nfthert sieb dorn Tisch). Ramusow: Hier, neben mir, Iwan. Wir sind alle gleich; alle nur Menschen. (Er sieht sich hoffnungsvoll im Kreise um und bemerkt mit Befremden, daß seine freiheitlichen Aeusserungen keinen Eindruck machen; mit übertriebenem Schuldgefühl zu Iwan, indem er ihm, väterlich mild, die Hand auf die Schulter legt. Zu den übrigen.) Ich versprach ihm, nicht hereinzukommen! (Lächelnd.) Jagend will unter sich sein. Leicht begreiflich. Die alten Leute stören überall. (Lacht gutmütig.) Aber ich mnsste es doch tun. loh war schon im Begriffe, schlafen SU gehen. (Auf seinen Schlafrock deutend.) Ihr entschuldigt wohl meine Toilette. — Aber da sagte ich mir: Nein, es ist deine Pflicht, den jungen Leuten ein paar Worte des Lobes zu sagen. (Mit wachsender Bohrung.) Ja, meine jungen Freunde, ich wollte euoh sagen, ich finde es des höchsten Lobes wert, dass ihr euch versammelt, um eines abwesenden Freundes in Liebe zu gedenken. . .. Nicht etwa, weil der Abwesende mein Sohn ist, nein. Diese Liebe zu einander, dieses erhebende Solidaritätsgefühl an sich freut mich über alle Massen. Ihr habt mir den Beweis erbracht, dass noch nicht unsere ganze Jugend von dem ausländischen Auflehnungsgeiste besessen sei. Von dem bösen Geist, dem nichts heiSg ist, nicht Freundesliebe, nicht Elternliebe, nicht Nächstenliebe, der alle unsere russischen Traditionen über den Haufen werfen will und dem ein Menschenleben nichts ist. Bj€lkin (macht unwillkürlich eine Bewegung, wie wenn er etwas sagen wollte). RamilSOW (hält inne und wartet die Antwort ab, da aber Bjelkin schweigt, höflich): Bitte! Bjelkin: Bitte, setzen Sie nur fort! Ramusow: Sie wollten etwas sagen. Bjelkin: Sprechen Sie nur zu Ende! Ich werde Ihnen dann antworten. Ramusow: Sie wollten doch jetzt etwas sagen. Bitte, tun Sie es! Bjelkin: Nichs Besonderes. Ich meinte bloss, dass Sie auf unsere Jugend nicht gut zu sprechen sind. Ramusow: Sie meinen wohl, ich sei wegen Sascha verbittert und ziehe dafür auf die ganze russische Jugend los. Nein, nein, Sascha ist eine Sache für sich. Wenn es auch damit zusammenhängt. Und es hängt damit zusammen! Saschas Vorgehen wurzelt in dem Geist, der jetzt in unserer Jugend eingerissen ist. Im Geist der Auflehnung, der Missachtung, der Undankbarkeit, der Rücksichtslosigkeit. Wie ich jung war, da war es ganz anders, ganz anders. Da wusste die Jugend noch Elternliebe zu schätzen. Aber ich rede nicht von Liebe, von der Rücksicht, die man seinen leiblichen Eltern schuldet. Nein, davon rede ich nicht. Damit darf man der heutigen Jugend schon ganz und gar nicht kommen. Sie begreift nicht einmal, wie sich Eltern über solche Kleinlichkeiten grämen können. Davon rede ich nicht! (Er hält inne, da es ihm leidtut, dass er "sich hat binreissen lassen. Milde.) Verzeihung. Ich wollte niemand von euch weh tun. (Er wird unsicher.) Aber bitte, sagen Sie es selbst, versetzen Sie sich in die Lage eines Vaters, eines Erziehers seiner Kinder, der sein ganzes Sinnen und Trachten nur dem Wohle seiner Kinder widmet. Der sie auf Schritt und Tritt belehrt, wie sie zu leben haben, um gute Menschen, gute Söhne des Vaterlandes zu werden! Dass sie Liebe zu ihren Nächsten, zu ihren Mitmenschen hegen müssen. Liebe, Liebe! Die Menschen brauchen Liebe! Müssen Liebe haben. Darauf beruht unser ganzes Zusammenleben. (Den Tränen nahe.) Wenn er sie das lehrt, ihnen das immerfort predigt und dann auf einmal durch irgendeine Handlung sich überzeugt, dass er all' die langen Jahre nutzlos in die Luft gepredigt hat, , . . wie steht er dann da, . . . wie ein alter Narr! Mali HO W (der Ramusow gegenübersitzt, erhebt sich, stemmt beide Arme auf den Tisch, neigt sich knapp zu Ramusow und zischt ihm leise ins Gesicht): Das sind Sie auch! Ein alter Narr! (THes geschieht so unerwartet, dass alle wie versteinert vor sich hinstarren, auch Ramusow. Malinow starrt mit wahnsinniger Schadenfreude Ra- ■»usow gerade ins Gesicht, hält für eine Sekunde inne und schreit dann aus vollem Halse, wie wenn er mit allen Kräften zu einem Todeshieb für Ramusow ausholen wollte.) Ihr Sascha sitzt ja im Ge* fängnis! (Es kommt wieder Bewegung in die Gesellschaft. Die Meisten springen — über Malinow empört — auf.) RamUSOW (ganz ausser Bich; unter Tränen): Was sagt er? ... Was sagt er? ... Saschenka .. . ist es wahr? . . . Säschenka? MalinOW (schreit wieder): Im Gefängnis sitzt er! RamUSOW (mit einem Blick auf die Türe links): Nicht so laut!. . . . Um aller Heiligen willen, nicht so laut! Meine Frau könnte es hören.. . . Nicht so laut! Sie stirbt vor Schreckl. (Er stürzt zur Türe; die übrigen reden anf Malinow ein, sie suchen ihn durch Drohen und Bitten zum Schweigen zu bringen. Malinow lacht einmal kurz auf und bleibt still.) RamUSOW (sinkt entkräftet, nachdem er sich überzeugt hat, dass im Nebenzimmer alles ruhig bleibt, in einen Stuhl, mit schwacher, tränen« voller stimme flehend): Warum ist er im Gefängnis? Ist es wahr? Bjelkin: Leider ja. Ramusow: Warum denn? — Warum denn? Bjelkin: Wir leben in Bussland, das Sie freilich nicht kennen. Ramusow: Doch nicht für ein gemeines Verbrechen? Bjelkin (mit einem leichten Anflug von Jronie): An dem Allerheiligsten des Eigentums hat er sich nicht vergriffen. Ramusow: Also wofür denn? Wofür? Bjelkin: Weil er sich nach Ihren Lehren gerichtet hat. Ramusow: Ich verstehe Sie nicht! Naeh meinen Lehren? Bjelkin: Ja, von der Liebe zu seinen Mitmenschen. Er hatte sioh ihrer Leiden angenommen. Das hat wiederum anderen Mitmenschen nicht gepasst und da haben sie ihn unschädlich gemacht Ramusow: Seit wann sitzt er denn? Bjelkin: Seit drei Monaten. Ramusow (weint): Und ich . .. ich tat ihm so unrecht . . . so unrecht . .. meinem Saschenka ... er war so gut, so sanft ... (Er zieht unter Schluchzen Wasja an sich.) Und wer sind die? Bjelkin (will etwas sagen, Wasja blickt ihn flehend an). MalinOW (schreit wieder, jede Silbe akzentuierend): Terroristen! (Ei lacht kurz auf.) Bjelkin (zu Malinowmit grosser Ruhe, indem er seinen Revolver zieht): Wenn du noch einen Laut von dir gibst, jag' ich dir eine Kugel durch den Schädel. (Malinow lacht laut auf. Werbenko wirft sich zwischen die beiden.) RamUSOW (weicht entsetzt einen Schritt zurück und blickt sie, am ganzen Leibe zitternd, wie ein erschrecktes Kind an): Hier, in meinem Hause!? Und meine Kinder wussten, wer ihr seid? Bjelkin (den Revolver ruhig einsteckend): Ihre Kinder gehören mit zu unserer Organisation. RamUSOW (entsetzt): Meine Kinder? Wasja (will auf Ramusow zugehen, ihm etwas sagen). Ramusow: Fort, aus meinen Augen! (Zu Fjodor und Wasja.) Wir reden noch miteinander! (Er sucht sich mit allen Kräften zu beherrschen, keuchend.) Und ihr, meine verehrten Herren. (Zeigt auf die Türe.) Bjelkin (mit rücksichtsvoller, begütigender Höflichkeit): Iwan Iwanowitsch, damit ist die Sache nicht aus der Welt geschafft. Es . . . RamUSOW (schreit, ganz ausser sich): Hinaus, hinaus! Alle miteinander! Bjelkin (beschwört ihn mit einer wilden Geste, indem er nach der Richtung ins Wohnzimmer zeigt, man könnte ihn dort hören). RamUSOW (dämpft sofort seine Stimme, aber noch immer keuchend): Hinaus, sage ich! Auf der Stelle! Aus meinem Hause! Bjelkin (wie vorhin): Wir gehen ja bald sowieso. Es tut mir leid, dass Sie es auf diese Weise erfahren haben. Das war nicht unsere Absicht. RamUSOW: Ist mir ganz einerlei! Bjelkin: Iwan Iwanowitsch, nehmen Sie doch Vernunft an. Ramusow: Wie unterstehen Sie sich, mir . . . Fjodor: Vater . . . RamUSOW (zu Fjodor): Schweigen! Bjelkin (schiebt sanft Fjodor zur Seite): Lass nur. (Zu Ramusow mit ruhiger, nicht befehlender, aber keinen Widerspruch duldender stimme): Iwan Iwanowitsch, finden Sie sich mit der Tatsache ab wie Sie wollen und können. Wir sind Terroristen. Daran ist nichts zu ändern. Allerdings sind wir nicht die feuerspeienden Beelzebubs, wie sie sich eine kleinbürgerliche Phantasie vorstellt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.