Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 245 - 246 (sequence 4)
- Language
- German
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245 Leo Birinski: Der Moloch. 246 Bjelkin: Bist du anderer Gesinnung? Malinow: Nein, ich gehöre ja schon seit sechs Jahren der Organisation an. Ich heisse eigentlich Weruchin und war bis zum vorigen Jahr in der Moskauer Gruppe. Fjodor: Weruchin? Der ist ja im Prozess der Sechzehn auf 10 Jahre Schlüsselburg verurteilt worden! Iwan: Ja, ja, und hat vor mehreren Monaten durch Selbstmord dort geendet! Malinow: Dies Gerücht hat die Polizei verbreiten lassen. Ich habe zwar mehrmals Selbstmord versucht, aber . . . Iwan: Du willst Weruchin sein? Malinow: Ich bin Weruchin. Man hat mich in Freiheit gelassen unter der Bedingung, dass ich in den Dienst der Polizei trete. Stefkin: Mach'uns nichts vor, das alles zeugt schon gegen dich! Weruchin wäre nie darauf eingegangen. Malinow: Ich will mich nicht verteidigen. Macht mit mri, was ihr wollt, Weruchin bin ich doch! Freilich nicht der frühere. Acht Monate Einzelhaft hegen dazwischen. . . . Ich habe ja zwei Torturen ausgehalten und kein Wort verraten. Auch später verriet ich nichts. Aber ich wollte hinaus! Hinaus aus der Einzelzelle. Um jeden Preis! Herrgott! Wie habe ich mich danach gesehnt, irrsinnig zu werden! Denn nicht einmal töten konnte ich mioh dort! Iwan (gerührt): Du hattest uns das Ganze sofort gestehen sollen. Es wäre dann anders geworden. Malinow: Das war auch meine Absicht. Aber gleich am Anfang konnte ich es nicht tun. (Mit dem Eifer einer fixen Idee.) Ich musste mich ja erst wiederfinden. Ich hatte mich ja verloren. Mein ganzes Selbstvertrauen. Aber da kam etwas dazwischen. (Sich schüttelnd.) Etwas so entsetzlich Grauenhaftes, das die Qualen in der Einzelzelle weit hinter sich Hess: der Hass. Ein wilder, teuflischer Hass, der mich fast wahnsinnig machte. Der Hass gegen euch alle, euch alle. Iwan und die Meisten: Warum denn? Malinow: Weil ihr so unbeirrt, mit Todesverachtung euern Weg gingt und ich unterwegs zusammenbrach. Und je siegesfreudiger ihr euch den grössten Martern aussetztet, um so mehr verachtete ich mich und um so wilder, wahnsinniger hasste ich euch! Irgendein wildes blutgieriges Tier war in mir erwacht, das lange, lange schlief und sich nun brünstig auf euch stürzen wollte, ein Tier, vor dem ich selbst erschrak. Ich hätte euch ja einzelnweise mit Fingern und Zähnen (er nimmt auch diese Stellung an, wie wenn er sich, auf seine Umgebung stürzen wollte) in tausend Stücke zerreissen, ich hätte mich an eurem Blute tolltrinken mögen. (Zu sich selbst, verwundert.): Wo ich nur die Kraft hernahm, es nicht zu tun? Mich zu beherrschen? Ein Gedanke verlieh mir diese Kraft! (Wie irrsinnig.) Das Bewusstsein, dass ihr alle in meinen Händen seid, dass ich mit euch spiele, dass ich euch alle miteinander jeden Moment zerquetschen kann, wie Ungeziefer, he, wie Ungeziefer. Euch alle, mit eurem ganzen Heldenmut! (Eine Weile herrscht allgemeines Schweigen, alle glotzen ihn wie versteinert an.) Bjelkin (gibt sich einen Ruck, wie wenn er etwas von sich abschütteln wollte): Und da hast du uns verraten? Malinow: Jetzt musste ich es! Die Polizei drängte. Ich habe ihr bloss das Lokal gezeigt. Bjelkin: Hast du auch die Namen der Mitglieder angegeben? Malinow: Nein! Bjelkin: Warum tatest du es nicht? MalinOW (zischt es mit fanatischem, fast an Wahnsinn grenzendem Hass hervor): Weil ich mir euch für später aufsparen wollte. Bis ihr Sascha bereits befreit habt und schon unmittelbar am Ziele seid. Da wollte ich euch alle zusammen dem Henker übergeben und euch ins Gesicht lachen. (Er lacht wild auf.) . . . und mich gleich darauf erschiessen. Bjelkin: So? (fast bedauernd, wie zu einem Kinde, dem man eine Strafe diktiert.) Sag' mir, Malinow, möchtest du uns zeitraubende . Scherereien ersparen? Du weisst doch, dass wir jetzt wenig Zeit haben! Malinow: Ja. Und? Bjelkin: Und deine Absicht jetzt ausführen? Malinow: Mich selbst umbringen? Bjelkin: Ja. Malinow: Wann? Bjelkin: Sobald wir dieses Haus verlassen haben. Lapuchin und Werbenko werden dir behilflich sein. Aber bitte, auf möglichst geräuschlose Art, Willst du? Malinow: Ja! Bjelkin: Gehörst zwar in eine Heilanstalt. Aber du weissfc zuviel. Also du bist einverstanden? Malinow: Ja, aber Stefkin muss mich auf der Reise ins Dunkle begleiten. Bjelkin: Was heisst das? MalinOW (lacht Stefkin hysterisch ins Gesicht): Dass auch Stefkin im Dienste der Polizei steht. Mehrere (entsetzt): Stefkin auch? Stefkin auch? Malinow: Ja, Stefkin! (Er lacht hysterisch.) Schaut nur in seinem linken Stiefelschaft nach, da werdet ihr seine Legitimation finden. Die Meisten (stürzen auf Stefkin, mit Ausnahme Bjelkins, Iwans, Fjodors, Niutas): Schuft! Lump! Verräter! (Einige nehmen eine drohende Haltung ein.) . Bjelkin: Freunde, bört mich an: Stefkin steht tatsächlich im Dienste der Polizei; aber im Auftrage des Zentralkomitee. Alle (erleichtert): Gottlob! Bravo! Bjelkin: Es kann sich jeder von euch an das Zentralkoniite um diesbezügliche Auskunft wenden. Von unserer Gruppe wissen es bloss: Iwan, Fjodor, Niuta und ich. Es ist doch klar, dass man so eine Sache auch unter uns möglichst geheimhalten muss. Stefkin hat uns oft von den Ab sichten der Polizei in Kenntnis gesetzt und unsere Verfolger auf falsche Fährte gebracht. Malinow: Die Geheimdruckerei in der Newskigasse hat doch Stefkin der Polizei verraten. Bjelkin: Es geschah mit unserem Wissen. (Zu den übrigen.) Er musste seine Position stärken. (Zu Malinow.) Wir hatten ja deshalb vorher eine neue errichtet, die du jetzt verraten hast. MalinOW (schweigt kleinlaut). Bjelkin (zu Malinow): Freundchen, es tut mir um deinetwillen leid. Du wirst doch allein die Reise ins Dunkle machen müssen. Iwan (der sich wieder zur rechten Vordertüre gestellt hat): Pst! Es nähert sich jemand der Türe! (Alle verstummen. An der Türe wird von außen leise gerüttelt und dann gepocht .Nach einer kleinen Pause.) . Ramusow: Wasja! Mach' auf! Für einen Moment nur! Wasja: Der Vater! Bjelkin (zu Iwan): Lass ihn herein. Wir bringen unter einem auch mit ihm die Sache ins reine. Fjodor: Bjelkin, nicht jetzt! Bjelkin: Doch! Es muss sein! (Zu Iwan.) Mach' auf! (Zu Wasja und Fjodor.) Habt doch keine Angst! Ich will ihn, soweit es unbedingt geht, schonen. RamUSOW (pocht von neuem). Iwan (schließt die Türe auf und läßt ihn herein). RamilSOW (hat einen alten Schlafrock an; bleibt im Türrahmen. Mit ausgesuchter Höflichkeit): Verzeihung, meine Herren! Nur für einen Moment. Darf ich eintreten? Bjelkin (einfach): Bitte! RamUSOW (der offenbar einen wärmeren Empfang erwartet hat, ist von dem Ton unangenehm berührt, will es aber nicht merken lassen): Fjodenka, stelle mir doch die Herren vor! Oder nein, nein, nein. Ist nicht nötig. Was tut der Name? Ihr seid Saschenkas Freunde, das genügt. Ihr seid mir alle herzlich willkommen, herzlich willkommen. Nur das wollte ich euch sagen. Verzeiht nun, wenn ich gestört habe. Ihr seid mir herzlich willkommen. Ich will nicht weiter Stören. (Er will zögernd gehen.) Bjelkin: Bitte, bleiben Sie doch! RamUSOW: Störe ich wirklich nicht? Es wäre mir sehr peinlich! Bjelkin: Wir haben Sie sogar erwartet. RamUSOW (freudig): Danke! Es freut mich über alle Massen. Aber warum stehen denn die Herrschaften? Bitte, meine Herren, nehmt doch Platz! Ich setze mich für ein Weilchen zu euch. Für ein kleines Weilchen. Bitte, setzt euch! Alle (tun er* mit. Ausnahme'Iwans, der wie vorher in der Nähe der rechten Vordertüre bleibt. Ramusow nötigt aucli Malinow, indem er ihm mild die Hand auf die Schulter legt, als letzten zum Sitzen).