Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Leo Birinski: Der Moloch. 244 Mehrere Stimmen: Ja! Iwan (mit grosser Gleichgültigkeit): Das ist nicht nötig! Ich bin der zweite! Wasja: Du? Iwan: Ja, ich! (Lachelt.) Warum soll ich es nicht sein? Einige Stimmen: Auslosen! Iwan: Laßt doch das! Ich kenne mich am allerbesten mit den örtlichkeiten dort aus! Fjodor: Ich kenne mich ja auch dort aus! Iwan: Nein, Kinder! Fjodor ist in letzter Zeit durch verschiedene Sachen sehr nervös. Es muß jemand mit sein, der kaltes Blut behält. Bjelkin (zu der Gesellschaft): Seid ihr damit einverstanden? Alle: Wenn er es will, ja! Wasja: Iwan, du willst mich verschonen! Iwan: I bewahre, ich habe dich ja sehr lieb, aber ich tue es ganz und gar nicht deinethalben. Um so mehr Freund, (lächelt) als es manchmal verteufelt schwer fällt, auf die Erlösung (er macht eine Geste des Aufhiingens) zu warten. Bjelkin: Freunde, dieser Punkt wäre also erledigt. Die Wahl der vier anderen wird sich aus der Situation ergeben. (Zustimmung.) Jetzt wäre noch eines. Wohin bringen wir Sascha? Das Lokal, das wir dazu bestimmt haben, ist ja heute von der Polizei ausgehoben worden! Iwan: Sie wird uns jetzt tüchtig hinter den Fersen sein. Wir müssen große Vorsicht anwenden. Sonst ist wirklich alles im letzten Moment beim Teufel! Bjelkin: Sicherlich! Das war eben der Punkt, der mich mitbestimmen ließ, daß Wasja noch hierbleibe. Lapuchin: Hast du schon etwas in Aussicht? Bjelkin: Ja, wir bringen Sascha hierher! Fjodor: Zu uns ins Haus? Bjelkin: Ja. Iwan: Der Plan ist nicht übel. Bjelkin: Es ist das einzige Haus in der S'adt, wo wir vor der Polizei sicher sein können. Fjodor: Davon müßt ihr abstehen. Mehrere: Warum denn? Warum denn? Fjodor: Es geht nicht. Bjelkin: Du meinst wohl, weil der Hauptmann heute hier war? Gerade deshalb! Fjodor: Nein, aber die Eltern . . . der Vater ... er wird es nicht zulassen! Bjelkin: Das wird er müssen. Fjodor: Er überlebt es nicht! Bjelkin: Papperlapap! Fjodor: Freunde! Bjelkin! Bjelkin: Wir haben auch keinen anderen Ausweg! Ich sehe nicht ein, warum wir deines Vaters wegen den ganzen Plan riskieren sollten. Mehrere: Stimmt! Nach so vielen Opfern! Fjodor (nimmt sich zusammen, fängt ruhig an, kann sich «aber trotz der grössten Anstrengung nicht beherrschen und ist den Tränen nahe): Freunde, gestattet mir ein paar Worte! Ihr habt mich soeben ausgelost! In den sicheren Tod . . . Gut! . . . Ganz in der Ordnung . . . Ich tue es ja mit Freuden . . . Gewiß . . . versteht mich recht . . . ich weiß . . . nicht etwa euch zu Gefallen . . . sondern weil es meine heilige Ueberzeugung ist . . . es ist meine Pflicht ... es geschieht für die gute Sache . . . für unsere Idee . . . gut . . . ich tue es aus tiefster Ueberzeugung . . . Iwan auch . . . und jeder einzelne von uns . . . versteht sich von selbst . . . alle opfern wir uns mit grosser Freude . . . wir stehen im Kampfe . . . und es ist unsere Pflicht .. . unsere Ueberzeugung . . . aber der Vater ... es ist genug, wenn er mich und bald darauf Sascha verliert . . . der Vater . . . warum ihn noch damit quälen . . . er . . . steht ... ja ganz abseits . . - Iwan: Er soll nicht abseits stehen! Nur deshalb müssen wir uns opfern, weil all diese braven Leute abseits stehen und Zuschauer spielen. Meinst du, ich verzichte auf das Leben, weil es mir etwas Gleichgültiges ist! Nein, Freund, ich liebe es mehr als irgendein Greis, der zeitlebens an dieser Welt vorbeiträumte, ganz abseits, und sie uns zur Hölle werden Hess. Wir kämpfen nicht für unsere Privatinteressen, wir kämpfen für Alle. Da haben auch Alle mitzutun. Er auch. Sonst wird er niedergerannt. Wir haben keine Rücksicht zu nehmen, wie man keine auf uns nimmt! (Zustimmung bei den Meisten.) Bjelkin: Es bleibt dabei, wir bringen Sascha hierher. Spät in der Nacht, und es muss gesorgt werden, dass alles zum Attentate bereit sei. Dass wir . . . Stefkin (eintretend): Wisst ihr schon, dass Laskij verhaftet wurde? Die Meisten: Wann? Bjelkin: Nach dem Ueberfall? Stefkin: Ja. Vor einer Stunde. Bjelkin: Hat man ihn denn nicht verstandigt? Ein Terrorist: Er war nicht zu Hause. Stefkin: Er ist im Haustor den Kosaken in die Hände gelaufen. Sie haben ihn geradeaus in die IV. Abteilung gebracht. Iwan: Sie wollen ihn foltern? Stefkin: Haben es schon getan? Die Meisten (entsetzt): Gefoltert? Bjelkin: Hat er etwas gestanden? Stefkin: Nein. Trotzdem sie mit der schwersten Tortur angefangen haben. Sie wollten von ihm die Namen der wichtigsten Mitglieder wissen. Bjelkin: Und haben es erreicht? Stefkin: Nein! Bjelkin: Dann war es also doch nicht einer aus unserem Kreise, der das Lokal verraten hat. Stefkin: Doch! Bjelkin: Glaubst du? Er hätte dann doch auch die Namen angegeben? Stefkin (während er den Mantel ablegt): Vielleicht doch. Man kann ihn ja selbst fragen. (Er zeigt mit der freien Hand, die er aus dem Mantel gezogen hat, auf Malinow.) Da steht er ja! (Grosse Bewegung.) Die Meisten: Malinow? Malinow? MaÜnOW (steht bleich, unbeweglich). Stefkin: Ja, Malinow steht im Dienste der Polizei. (Zu Malinow.) Es hilft kein Leugnen. Ich habe Beweise. Schwarz auf Weiss. Bjelkin: Ist es wahr? MalinOW (ruhig, ohne Angst, Iteue oder Herausforderung, eine Tatsache bestätigend): Ja. (Kurzes, allgemeines Schweigen.) Bjelkin: Seit wann? Malinow (wie oben): Von allem Anfang an. Seit ich in eure Gruppe aufgenommen wurde. Iwan: YVer hat ihn eingeführt? Wer hat ihn dem Komitee empfohlen? Bjelkin: Ich glaube, ich selbst war es. Iwan: Ganz richtig, du. Bjelkin (zu Malinow): Ja, du hattest das Attentat auf den Polizeileutnant Ismalow ausgeführt. Daraufhin hat man ihn aufgenommen. Malinow: Den Leutnant Ismalow habe ich im Auftrage und unter Mithilfe der Polizei umgebracht. Fjodor: Im Auftrage der Polizei? Malinow: Ja, um in eure Organisation aufgenommen zu werden. Iwan: Da waren auch die Gelder, die du uns öfter brachtest, von der Polizei. Mali now: Von der Polizei schon, aber nicht für euch bestimmt. Es war mein Gehalt, das sie mir zahlten. Das gab ich für eure Organisationszwecke aus. Iwan: Und du behieltst dir nichts? Malinow: Nichts! WerbenkO". Das kann ich bestätigen. Ich habe ja eine Zeitlang mit ihm zusammen gewohnt. Er hungerte oft, weil er kein Geld hatte. Bjelkin: Warum also tatest du dies alles, wenn nicht des Geldes wegen? MalinOW (ruhig, aber mit funkelnden Augen): Weil ich euch hasste und noch hasse. Iwan: Uns? Was taten wir dir? Waren wir dir nicht treue Freunde? Wie oft haben wir uns der grössten Gefahr ausgesetzt, wenn dir etwas gedroht hat? Malinow (fast zischend): Ebendeshalb! Ebendeshalb! Eben deshalb! (Alle schauen ihn verwundert und verständnislos an.)