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Ost und West · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 241 - 242

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-04-01
Page
Seite 241 - 242 (sequence 2)
Language
German
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Leo Birinski: Der Moloch. 242 Iwan: Die Angelegenheit mit Sascha wird einer anderen Gruppe übertragen. Bjelkin: Das hiesse wieder von vorne anfangen! Eine neue Reihe von Opfern. Nein, diese Angelegenheit müssen wir schon erledigen. Und sollten wir alle sechsmal gehenkt werden. Iwan: Es handelt sich da nicht um uns, sondern wir werden nioht dazu kommen das Attentat auszuführen. Fjodor: Und wenn es ein anderer übernimmt erst recht nicht! Bjelkin: Stimmt! Nein, wir führen es schon durch! Geschehe, was da wolle. Ich glaube, die Mehrheit ist damit einverstanden. (Zustimmung bei den meisten.) Freunde, wir müssen Sascha herausbekommen! Und haben wir ihn draussen, so ist das andere gleich vollbracht! Wir müssen es riskieren! Lapuchin: Wir haben schon genug riskiert, finde ich! Bjelkin: Was willst du damit sagen? Lapuchin: Dass uns Sascha ziemlich teuer zu stehen kommt! Mit den heutigen drei sind es bereits 14 Kameraden, die seinethalben zum Opfer fielen. Ja, 14 Kameraden, von denen uns jeder einzelne ebenso nahe steht wie Sascha. Iwan (gutmütig): Ach, du Schafskopf! Handelt es sich da um Saschas Person? Wollen wir etwa Sascha nur deshalb befreien, um ihm ein Privatissimum über deinen Hirnschwund zu halten? Du weisst doch, wozu wir ihn - brauchen? Lapuchin: Gewisa, aber ... Iwan: Aber? Dp. Spiel mann: Lapuchin will schon wieder eine Debatte heraufbeschwören! Mehrere: Dazu haben wir heute keine Zeit! Iwan: Lapuchin, willst du einen Antrag stellen? Lapuchin: Meinen Standpunkt will ich präzisieren. Mehrere: Ach, den kennen wir schon! Iwan: Dfr hättest mit deinem Standpunkt Mitglied eines liberalen Wohltatigkeitsvereines werden sollen, und nicht Terrorist! Mehrere: Ganz richtig! Bjelkin: Höre, Lapuchin, dir kommt es im Grunde bloss auf das Debattieren an sich an. Dazu haben wir aber jetzt keine Zeit. Ich kann dich ja verstehen, kann es sogar mitfühlen. Es tut sehr gut, sich einen Teil Galle wegzudebattieren. Diese Debattiererei ist überhaupt unsere Nationalkrankheit. Nur sie allein ist an unserem sozialen russischen Sumpf schuldig. Sie frisst uns unsere ganze Galle auf. Und Galle brauchen wir, sonst ersticken wir wehr- und waffenlos. Wir sind schon nahe daran, ganz nahe. Denn, lieber Freund, ich glaube nicht an das schöne Märchen, auf dem dein kurioser Standpunkt basiert, an das Märchen von der Propagierung des Gedankens, von dem Willen zur Freiheit, der latent in der russischen Seele lebt und nur des Aufforderns harrt. Donnerwetter! Es ist schon genug aufgefordert worden, und wer rebelliert eigentlich in Russland? Wieviele rebellieren? Russland schläft noch. Von dem Alkohol und der Knute tüchtig eingewiegt. Und die, die nur aus Langeweile nicht schlafen können, oder weil die frischen Wunden sie nicht schlafen lassen, debattieren und debattieren, bis sie wieder einschlafen! Aber sie sollen nicht schlafen! Wir werden sie schon wecken! Das ist unser Hauptzweck! Unser Lebenszweck und unser einziger Standpunkt. Verstehst du? Wir sind bloss Wecker, wir Terroristen. Weckmaterial sind wir und betrachten uns nur als solches. Weckmaterial, um Mütterchen Russland aus dem Schlaf und dem ewigen Geschwätz zu wecken. Zur Tat! Zu ihrer Mission für die Menschheit!—Und nicht mit der ewigen Standpunktklarlegerei wollen wir sie wecken, sondern mit Knallerbsen, Freund, dass ihnen das Trommelfeli platzt und sie nicht mehr einschlafen können, sondern mittun, mittun, bis ein neues Russland, ein neues Leben ersteht. Ein Leben, das wert ist, gelebt zu werden! Jetzt ist es es nicht. Also ins Jenseits mit Knalleffekt. Verstehst du? Wenn sich also soviel von uns opferten und noch opfern, um Sascha herauszubekommen, so geschieht es nur, merk dir das recht, weil sein dynamischer Wert, merk dir das, sein dynamischer Wert der Summe von uns allen gleichkommt! (Zustimmung.) Und hat Sascha das vollbracht, wozu wir ihn brauchen, so sind wir entschädigt, vollauf entschädigt! Nach oben und nach unten. (Lebhafte Zustimmung.) Lapuchin: Ich bin ja auch dieser Ansicht, aber ... Dr. Spielmann: Na also, wozu der Lärm? Werbenko: Jetzt gibt er klein bei. Iwan: Das ist ja bei ihm immer der Fall. Lapuchin: Versteht mich recht. Ich war früher auch der Ansicht, sonst hätte ich mich eurer Gruppe nicht angeschlossen, aber . . . Iwan: Freunde, ich glaube, wir haben wichtigere Dinge zu erledigen als Lapuchins Wenn und Aber anzuhören. Mehrere: Ja, ja! Stimmt! Schluss der Debatte! Bjelkin: Bitte um Ruhe! Ich muss jetzt zwei endgültige Fragen stellen. (Es tritt Buhe ein.) Sollen wir uns auflösen? Alle: Nein! Bjelkin: Sollen wir Sasohas Befreiung einer anderen Gruppe übergeben? Alle: Nein! Dr. Spiel mann: Jetzt, wo wir knapp am Ziele sind! Eine Stimme: Ganz richtig! Wasja: Und wir werden das Ziel erreichen! Jetzt, Freunde, erreichen wir es sicher. Die Opfer, die wir gebracht haben und noch bringen müssen, werden nicht umsonst gewesen sein. Die Meisten: Ganz richtig! Unbedingt! Dr. Spiel mann: Wir könnten also jetzt die Auslosung vornehmen! Die Meisten: Ja — ja! Bjelkin: Bitte, Freunde, den Aktionsplan kennen doch alle! Die Meisten: Ja! Ja! Bjelkin: Wie wir es schon in der letzten Versammlung festgestellt haben, brauchen wir sechs Mann! Wasja: Nein, acht! Bjelkin: Wir sind davon abgekommen; es genügen bloss sechs. Von diesen sechsen gehen zwei in den sicheren Tod! Iwan: Wir losen also zuerst diese zwei aus! (Zustimmung.) Werbenko (erhebt sich, und geht unter lautloser Stille in die Nische, wo er aus seinem Mantel die Würfel und eine Pelzmütze bringt). Lapuchin: Hat man die Nummern der heute Gefallenen schon herausgegeben? Werbenko: Nein, noch nicht! Iwan: Ja, das muß man! Werbenko: (schüttelt die Würfel auf den Tisch). Bjelkin (langsam ansagend): Alexander hatte 62, Peschka 18, Mika 34. Einer: Hier ist 18. Dr. Spiel mann: 62 und 34. '(Sie legen die drei Würfel beiseite.) WefbenkO (gibt unter lautloser Stille die Würfel In die Mütze und schüttelt sie nochmals durcheinander). Bjelkin: Wasja! Wasja (steckt, nachdem Werbenko noch einmal die Würfel durchgeschüttelt hat, die Hände in die Mütze und zieht einen Würfel heraus): Fjodors Nummer! (Kurze Pause. Fjodor steht ruhig gefasst. Werbenko schüttelt von neuem die Mütze durch und Wasja zieht einen zweiten hervor.) Wasja (triumphierend): Ich! Iwan: Nein, das geht nicht! Wasja (zeigt ihm den Würfel): Meine Nummer! Iwan: Man hätte seine Nummer schon früher ausscheiden sollen! Wasja: Warum denn? Das lasse ich mir nicht gefallen! Bjelkin*. Auch ich bin Iwans Ansicht! Mehrere: Warum denn? Iwan: Weil er als jüngster bei manchen vorbereitenden Aktionen am wenigsten verdachtig ist. Wasja: Nein, nein; ich bin ausgelost worden und das genügt! (Mit Enthusiasmus.) Ich gehe gern in den Tod für unsere heilige Sache! Bjelkin: Lieber Freund, darauf allein kommt es nicht an. Es handelt sich vor allem darum, was von größerem Vorteil für die Sache ist. Dein Leben oder dein Tod! Wir brauchen dich noch hier! Dr. Spielmann: Also losen wir einen zweiten von neuem!

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