Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 239 - 240 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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240. Das grosse Interesse, welches der Abdruck dieses Dramas in unserem Leserkreise gefunden, und das sich in vielfachen Zuschriften äussert, hat uns veranlasst, das Reproduktionsrecht für das ganze Stück zu erwerben. Wir sind demnach instand gesetzt, unsere Leser noch vor dem Erscheinen der Buchausgabe bei Egon Pleischel & Co., Berlin, mit diesem erfolgreichen Bühnenstück vertraut zu machen, wofür wir Autor und Verleger an dieser Stelle nochmals unseren Dank aussprechen. Die Redaktion. DER MOLOCH. Trauerspiel in drei Aufzügen von Leo Birinski. Nachdruck verboten. Ramusow, Iwan Iwano witsch. Nina Alexandrowna, seine Frau. Sascha (24 Jahre alt) ) Fjodor (22 Jahre alt) } deren Söhne. Wasja (19 Jahre alt) j Bjelkin. Personen: Stettin. Malinow. Lapuchin. Werbenko. Rabskij. Dr. Spiel mann. Terroristen. Niuta, Nina Alexandra wnas Nichte. Ossip. Rolewitsch. Charbinskij, Kosakenhauptniann. Agrafena, im Hause Ramusows. Die Handlung spielt in einer russischen Gouvernementsstadt während der Revolution. (Fortsetzung des 1. Aktes aus dem Märzheft.) Wasja U. Fjodor (kommen von links und begrüssen sich mit Rabskij durch Händedruck). Iwan (schliesst beide Türen an der linken Seitenwand ab und steckt die Schlüssel zu sich). Wasja (tritt zu ihm): Wie hast du es. angestellt? Iwan (antwortet ihm leise). R.abskij: Ich kann doch ablegen? F]0(k)r: Ja. (Er zeigt auf die Nische). Rabskij (legt in der Nische die Oberkleider ab und sieht jetzt in der blossen B-ubaschka sehr intelligent aus. Niuta kommt aus dem Laboratorium herein. Es kommen niL-i in kleinen Zwischenräumen aus dem Haupteingange 20' bis 25 junge Leute, zwischen 22 bis 30 Jahren in verschiedener Kleidung. Einige sind übertrieben geckenhaft angezogen, andere wieder haben zerrissene Ueberröcke an und sehen sehr verwahrlost aus. Einer trägt eine Offiziersuniform, zwei kommen als Bauern verkleidet, sie haben lange Schafpelze und Wasserstiefel an. Einer ist als Briefträger, andere wieder als Polizisten, Depeschenträger, Soldaten verkleidet. Einer kommt als Bäcker, mit einem Brotkorb am Arm. Auch 3 bis 4 Mädchen (zwischen 20 und 28 Jahren), eine in gewöhnlicher Tracht, die anderen als Bäuerinnen verkleidet. Alle begrüssen einander, zumeist mit stummem Händedruck, legen ihre Oberkleider in der Nische ab und kommen ins Zimmer, fast alle in Pubschkas, — russische farbige Blusen, die man über den Hosen trägt; unter den Anwesenden ist die schwarze und rote Farbe vorherrschend. Alle treten stumm ein, hier und da mit einem Kopfnicken. Ueber allen liegt ein schwermütiger diskreter Ernst.) Bjelkin (sieht mehrmals auf seine Uhr): Wer war bei Stefkin? Werbenko: Ich. Er kommt her. Bjelkin: Wir haben wenig Zeit. Einige von uns müssen noch mit dem 12-Uhr-Zuge fort. Iwan: Der Bahnhof wid sicherlich von Detektiven belagert sein. Bjelkin: Also doppelte Vorsicht! Die, die wir heute auslosen, müssen unverzüglich die Stadt irgendwie verlassen, um vor der Polizei gesichert zu sein. Und mit der Angelegenheit mit Sascha müssen wir heute zu einem endgültigen Resultate kommen! Mehrere: Unbedingt! Gewiss! Werbenko: Sonst geht es uns wie das letztemal! Iwan: Hoffentlioh ist es jetzt schon nicht zu spät. Nach dem heutigen Zusammenstoss des alten Ramusow mit dem Adjutanten. Bjelkin: Du glaubst doch nicht, dass sie dadurch auf unseren Plan kommen könnten? Iwan: Ist nicht unmöglich! Bjelkin: Ach "nein! Aber etwas anderes ist zu befürchten. Fjodor: Was denn? (Alle haben sich unterdessen um den Tisch herum, den man an das Sopha gerückt hat, um Platz zu gewinnen, gesetzt; bloss Bjelkin und Iwan stehen. Bjelkin in der Nähe des Tisches und Iwan neben der rechten Vordertüre.) Bjelkin: Dass unser Plan in Brüche geht, knapp vor der Verwirklichung nach so vielen und schweren Opfern. Fjodor: Hast du kein Vertrauen mehr zu ihm? Bjelkin (ohne Pathos): Zum Plan schon, aber nicht zu uns! (Bewegung.) Nach allen Anzeichen ist der heutige Ueberfall der Polizei, dem unser ganzes Waffenlager, die Geheimdruckerei und drei unserer bewährtesten Kameraden zum Opfer gefallen, das Werk eines unserer Intimsten. Eine Stimme: Sicherlich! Bjelkin: Es ist meine feste Ueberzeugung, bitte, ich habe keine. Beweise, aber ich bin davon überzeugt, dass sich der Verräter in unserer Mitte befindet. Stimmen: Wer könnte es sein? Bjelkin: Ja, wenn ich das wüsste, wäre die Sache rasch erledigt. Werbenko: Auf wen fällt der Verdacht!? Bjelkin: Auf keinen und auf jeden von euch! Das ist ja das Traurigste! Wem vertrauen und wem nicht? Ich selbst kann es ja auch sein. Es handelt sich nicht darum, dass wir alle jeden Augenblick den. Galgen ausgeliefert sein können; nein, schliesslich kommen wir ja für jeden Fall hin, ob einen Tag früher oder später. Das hat ja jeder mit sich abgemacht und ist darauf vorbereitet. Aber dass wir einander nicht vertrauen können und dürfen, weil wir einen Verräter unter uns haben' Iwan (nahe an den Tisch tretend): Meiner Ansicht nach wäre es fast das Richtigste, wenn wir unsere Gruppe noch heute auflösten! Mehrere (protestieren). Bjelkin: Na? und welchen Vorteil hätte die Sache davon? Iwan: Dass wir uns einzeln anderen Gruppen aiischliessen. Bjelkin: Und so unseren Verräter in eine vielleicht wichtigere Gruppe hineinschmuggeln. Bist du sicher, dass er jetzt nicht auch unter uns sitzt? Dass ich es nicht bin? Du selbst gar oder Fjodor oder Lapuchin, oder er . . . oder er? Iwan: Das müsste das Zentralkomitee verfügen, dass keinem von uns irgendein Vertrauensposten übertragen werde. Wir stellen uns alle einzeln, ohne dass einer von dem anderen etwas wissen dürfte, verschiedenen Gruppen zur Verfügung für bereits perfekte Aktionen! Dr. Spiel mann (mit einem nüchtigen Lächeln): Also bloss als Galgendekoration? Iwan: Jawohl! Bis wir den Verräter gefunden haben. Fjodor: Und Sascha!?