Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 191 - 192 (sequence 7)
- Language
- German
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191 Leo JBirinski Der Moloch. 192 von Missverständnissen. Wenn nicht ein Missverständnis selbst (lacht). Eine reglementwidrige Philosophie für einen Kommis^rock. (Er lacht selbstgefällig.} Was ja (schwermütig): Sie haben vollkommen recht. Ramusow (tätschelt Wasja die Wange): Also sprach mein jüngster Philosoph. (Er lacht, ebenso Charbinskij und Fjedor. "Wasja bleibt ernst.) Charbinskij: Mir war es zwar auch vorhin, wie ich ins Zimmer trat, als sei das Miss-verständnis mit mir gekommen. (Er blickt triumphierend Wasja und Fjodor an, wie ein Mensch, der seine Spitzfindigkeiten an einem naheliegenden Fall beweisen will.) Wasja u. Fjodor (verlieren für einen Moment ihre Sicherheit^. Fjodor: Wie meinen Sie das? Wasja: Ich verstehe Sie nicht! Charbinskij: Nun ja (er lacht), dass Sie in mir, eigentlich in meinem Rock, einen Feind vermutet haben. Gestehen Sie es nur ein. Ramusow: Aber Herr Hauptmann, wie kommen Sie denn bloss auf so einen Gedanken? Charbinskij: Es war nicht schwer, ihn aus Ihren Mienen zu erraten. Fjodor (lacht gequält): Haben wir so feindlich dreingeschaut? Wasja: Wirklich? (Er lacht auf.) Charbinskij (fängt ebenfalls zu lachen an;, Ramusow: Nein, nein, Herr Hauptmann, weshalb sollten meine Kinder in Ihnen einen Feind sehen? Fjodor: Gewiss nicht. Wir waren nur im ersten Augenblick zu Wroffen wegen* Mama Wasja: Es kam sounvorbereitet. Wir wussten* nicht, was geschehen sei" Ramusow* [ Sie tun den Kindern unrecht, wenn Sie das glauben. Meine Kinder habe ich erzogen. Die wissen die Diener der Ordnung zu schätzen. Nein, Herr Hauptmann, Sie kennen nicht die Stimmung, die letzte 2eit in unserm Hause herrschte. Die Aermsten haben soviel \ leiden müssen. Wenn auch nur an der Unvernunft ihrer ' Eltern. Wasja: Aber Papai Clwbinski.. (protestiert)- Iwan Iwanowitsch: Ramu'OW. jlst es etwa nicht Unvernunft, bitte, sagen Sie es selbst, wenn man soviel Wesen von einem -Kinde macht, das sich so . . . so . . . gegen seine Eltern benimmt. Meine Frau ist ja schon über drei Monate krank. Wissen Sie, dass die Aerzte sie bereits aufgegeben hatten? Charbinskij: Oh! Ramusow: So hat sie sich Saschas Aireise zu Herzen genommen. Ich nicht, nein, nein, nein; ich nicht! Ich war mit ihm gleich fertig. Jawohl, ja. Ich habe mir gesagt: Ein Mensch, ein erwachsener Mensch, der so wenig Rücksicht gegen seine alten Eltern hat, der imstande ist . Wasja: Vater! Ramusow: Der so wenig Gefühl hat . . . der es über sich bringen kann . . . eines schönen Tages, ohne uns um die Erlaubnis dazu nur anzugehen, ins Ausland zu verreisen . . . nein, so ein Sohn, ist nicht mehr mein Sohn. Charbinskij: Man darf nicht so strenge sein! ' r Ramusow: Ich will ihn als meinen Sehn nicht kennen, und wenn er heute käme und hier vor mir kniefällig um Vergebung flehen möchte, ich würde ihm nicht verzeihen. Nie und nimmer! Cnarbinskij: Ich begreife Sie vollkommen, aber die Jugend hat eben weil sie die Jugend ist (lächelt wohlgefällig) ich möchte sagen, ein Recht auf Nachsicht. Ramusow: Gewiss. Mir kann niemand vorwerfen, dass ich nicht nachsichtig bin. Charbinskij: Ich meine bloss, dass es gewiss der jugendliche Wissensdrang war, der Ihren Herrn Sohn ins Ausland trieb. Vielleicht wollte er Sie vor die geschehene Tatsache stellen, da Sie ihm doch wahrscheinlich die Reise schwer bewilligt hätten. Ramusow: Gewiss hätte ich sie ihm nicht bewilligt! Charbinskij: Das wollte er Ihnen und sich ersparen. Wasja: Gewiss, Väterchen. Der Herr Hauptmann hat recht! Soll ich nicht lieber ein Gläschen Kognak bringen? Ramusow: Ja, ja, da hast du recht! Wasja (will rechts ins laboratorium). Ramusow: Der Kognak steht doch im Speisezimmer (er weist nach IinKs.J Wasja: Mir scheint, ich habe ihn früher dort gesehen, Fjodor T Fjodor (ihm beist(hend): Ja, er ist dort! Es hat mich vorher ein Kollege besucht, und da wartete ich ihm damit in meinem Zimmer auf. Ramusow (zu Fjodor): Hast recht getan, Fjodenka, brauchst dich gar nicht ZU entschuldigen. (Wasja ab nach rechts.) Ein herrlicher Junge, nicht wahr? Und sanft wie ein Mädchen! Charbinskij: Er gefällt mir sehr gut! Ramuscw: Hat herrliche Gedichte! Geradezu überwältigend. Von einer Gemütstiefe, dass es einemi weich ums Herz wird. Ersuchen Sie ihn, dass er Ihn^n ein paar vorliest. Cha'binskij: Leider habe ich jetzt zu wenig Zeit! Wasja (kommt von linfcs): Agrafena muss ihn schon zurück ins Speisezimmer getragen haben, ich sehe ihn nicht mehr! (Will nach rechts.) Charbinskij: Bitte, bemühen Sie sich nicht; ich muss wirklich schon fort! Der Dienst ist ein kategorischer Herr! Ramusow: Allerdings, aber ein Gläschen! Charbinskij (sich erhebend): Der Adjutant wird mien vermissen. Wir waren auf dem Wege in die Baiskigasse. Die Polizei hat heute ein revolutionäres Nest ausgehoben. Ramusow: Eine revolutionäre Gruppe V Charbinskij: Der schärfsten Schattierung. Terroristen. Sie planen ein Attentat auf den Gouverneur. Fjodor: Ein Attentat auf den Gouverneur? Charbinskij: Ja! Durch die heutige Aushebung des Nestes hoffen wir die Aufklärungen, wie sie das Attentat ausführen wollten. Er hat bereits vor mehreren Wocher das Todesurteil eingeschickt bekommen. Ramusow: Das Todesurteil? Charbinskij: Ja, seitens des revolutionären Zentralkomitees. Der Gouverneur wagt sich schon seit Wochen nicht mehr aus dem Zimmer heraus. Es darf auch niemand zu ihm; nicht einmal den Dienern traut er. Nur dem einzigen Adjutanten . . . Ramusow: Mit dem wir heute . .? Charbinskij: Ja, nur zu ihm hat er Vertrauen. Sie rntschuldigen also, dass ich fort muss* Ramusow. Sie schenken uns? doch demnächst die Ehre? Ich bitte darum. Zu einem gemütlichen Teeabend. Wollen Sie? Charbinskij: Danke bestens. Sehr gerne. Ramusow: Da sollen Sie nicht mehr von den leidigen Familiensorgen zu hören bekommen, Sie spielen doch Karten? Charbinskij: Ja, leidenschaftlich sogar. (Er lacht jnmotiviert.) Ramuscw: Ausgezeichnet! Wir wollen es uns ganz gemütlich machen. Wasienka wird uns Gedichte vorlesen. Nicht wahr? Auch Fjedor wird uns seine Künste zeigen. Es wird Sie sehr interessieren. Weisst du, Fjodenka, die Lichtblasen. (Zu Charbinskij) Er lässt grosse Seifenblasen aufsteigen und in irgendeiner Beleuchtung schimmern sie in so prachtvollen Farben. Sie fliegen im Zimmer herum' Charbinskij: Aber dann platzen sie. <Er lacht.} Ramuscw (fast wehmütig): Ja, sie platzen alle! Aber er macht rasch viele hintereinander. Charbinskij: Das muss sehr interessant sein! Ich kemme gewiss! (Er reicht Bamusow die Hand zum Abschied.) Ramusow: Also nochmals besten Dank! (Zu Wasja und Tjodor.) Ihr begleitet doch den Herrn Hauptmann herunter! (Charbinskij, Ejcdor und Wasja ab. Ramusow begleitet fie ins Vorzimmer.) Iwan: (kommt von rechts und macht sich am Samowar zu schaffen;. RamUSCW (erscheint wieder). Iwan: Wünschen der gnädige Herr den Tee hier oder auf dem ZinmerV Ramusow: Es bleibt sich gleichr (Er will nach HnlK; Iwan: Gnädiger Herr, ich hätte eine Bitte! Ramuscw: Was ist es? Rasch! Iwan: Es handelt sich . . . Agrafena (erscheint in der Tür). Ramuscw: Schläft sie noch? Agrafena: Nein, Väterchen, ich soll frisches Wasser bringen t