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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 189 - 190

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-03-01
Page
Seite 189 - 190 (sequence 6)
Language
German
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189 Leb Birinski: Der Moloch. 190 RamUSOW (tritt ein, mit kindlicher Gutmütigkeit): Sie schläft schon! Kaum, dass man sie ins Bett legte, hat sie die Augen geschlossen und ist eingeschlafen. Wie ein armes abgehetztes Vögelchen. Es wird ihr gut tun. (Zum Hauptmann.) Nicht wahr? Charbinskij: Gewiss! Gewiss! RamUSOW: Bitte, setzen Sie sich doch, Herr Hauptmann. (Zu Wasja und Fjodor.) Ihr seid mir die Richtigen! Nicht einmal zum Sitzen laden sie ein. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Hier. Wie soll ich Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit danken? (Schüttelt ihm die. Hände.) Sie sind ein prächtiger, guter, lieber Mensch! Charbinskij: Es war ja nur meine Pflicht! RamUSOW: Und die Jungens laden nicht einmal zum Sitzen ein! (Er fasst Wasja am Ann.) Hast dich gewiss dem Herrn Hauptmann nicht einmal vorgestellt? (Er zieht Um bis zu Charbinskij, ihn vorstellend.) Wasja, unser Nesthäkchen, Wasienka! Charbinskij: Sehr erfreut, Charbinskij, Hauptmann! RamilSOW: Den müssen Sie sich merken, Herr Hauptmann, auf den werden wir alle noch einmal sehr stolz sein. Er hat herrliche lyrische Gedichte, wundervolle Sachen! Zwar hat er das Dichten in letzter Zeit sehr vernachlässigt. Charbinskij: (nur aus Höflichkeit, um etwas zu sagen): Die Zeitläufte sind jetzt nicht danach. (Lächelt, wie er überhaupt nach jedem Satz selbstgefällig lächelt.) RamilSOW: Da haben Sie recht, aber bei mir im Hause hat Gott sei Dank diese neumodische, politische Wichtigtuerei nichts zu schaffen. Meine Kinder wissen Gott sei Dank nichts davon! Gott sei Lob und Dank dafür! Fjodenka, willst du dich nicht auch dein Herrn Hauptmann vorstellen? Setz' dich doch zu uns! FjOClor (reicht dem Hauptmann die Hand). RamilSOW: Er ist Chemiker, hat sämtliche Prüfungen mit Auszeichnung bestanden. Ja, ja! (Zu Fjodor) Brauchst dich dessen nicht zu schämen. — Hat ein prachtvolles Laboratorium. Er arbeitet jetzt an einer grossen Erfindung. (Vertraulich.) Aber das darf noch niemand wissen. (Auf die Türe rechts zeigend.) Da darf ihm niemand zusehen. Nicht einmal ich . . . bloss unser Diener Iwan. Fjodor (fällt ihm ins Wort mit einem nervös-gequälten Lachen): Wenn man Vater hört, könnte man wahrlich glauben, ich sei ein zweiter Ramsajr (er lacht hysterisch.) Charbinskij: Was nicht \<t, kann noch werden! (Lacht selbstgefällig.) RamilSOW (lacht gutmütig mit, hält aber sofort ein, als er bemerkt, dass Wasja ernst dasitzt): Wasienka, nicht traurig sein! Lach' doch mit! Mütterchen wird bald.besser werden. Ereilich wäre es böse ausgefallen, wenn nicht der Herr Hauptmann . . . (zu Charbinskij.) Ach, die wissen ja noch nicht, was geschehen. Haben Sie es schon erzählt? Charbinskij: Nein, noch nicht. RamilSOW (gewichtig): Denkt nur. wir wären ja bald erschossen worden! Charbinskij (ein wenig aufgeräumt): Ja, ja! (breit lachend.) RamUSOW: Man hat uns für Terroristen gehalten, für Attentäter! (Charbinskij lacht.) Fjodor: Was ist denn passiert? Ramusow: Du kennst doch die Mikelkagasse, das schmale Gässchen. Und gerade in der Mitte kommt uns ein Trupp Kosaken entgegen. Der Kutscher hält an, um sie vorbei zu lassen. Es geht auch ganz gut. Die meisten waren bereits einzeln an uns vorbeigeritten, als Mutter plötzlich ganz ausser sich gerät und mit allen Kräften: ..Sascha, Saschenka, Sascha" zu schreien anfängt. Fjodor: Wie kam sie denn nur . . .? Ramusow: Ich konnte es mir im ersten Moment gar nicht erklären. Verlor auch vor Schreck fast die Besinnung, denn die Kosaken drangen auf uns ein, und weiss Gott, wie es geendet hätte! Charbinskij: Die meisten von uns wussten auch nicht, was das Schreien bedeutete. Wir dachten, es wäre ein Ueberfall von Revolutionären. Einer zog den Säbel, die anderen nach, und alles drang auf den Wagen ein. Zum Glück war ich in der Nähe und bitte noch so Viel Besinnung. ..Halt!" zu kommandieren. Es streifte mich nämlich der Gedanke: „Das ist ja eine Kranke", verzeihen Sie, „eine Verrückte!" Pardon. RamilSOW: Ja, ja; wahrhaftig, wie eine Irrsinnige schlug Mutter um sich und schrie immerfort: ..Sascha, Sascha!" Weiss Gott, ich hätte es auch fast getan. Denn wie ich zu mir kam, stand Sascha vor uns, der leibhaftige Sascha, in einer Offiziersuniform. Wasja: Sascha? Fjodor: Wie kommt denn Sascha hierher? (Hr tauscht, von den anderen unbeachtet, einen verständnisvollen Blick mit Wasja. Er stellt sich sehr neugierig, man merkt aber beiden an. dass sie den Zusammenhang wissen.) RamUSOW: Es war ja nicht Sascha! (Charbinskij lacht.) Bloss einer, der ihm sehr ähnlich sieht. Fjodor: So dass ihr euch beide so täuschen konntet? Ramusow: Ist es nicht sonderbar? Wasja: Und wer war es denn? Charbinskij: Der neue Adjutant des Gouverneurs. RamUSOW". Wahrhaftig! Der Adjutant des Gouverneurs! Ich hätte schwören mögen, es sei Sascha. Aber nur im ersten Moment und von einiger Entfernung . . . Herrgott! Was für Unglück hätte da geschehen können! Charbinskij: Ja, allerdings! Ramusow: Dem Herrn Adjutanten tat Mutter sehr leid. Ich erzählte ihm, was für eine Bewandtnis es mit Sascha habe; dass er vor mehreren Monaten so plötzlich ins Ausland verreiste und uns, seine leiblichen Eltern, nicht einmal um Erlaubnis bat. Ja, ja! Die Kinder von heute! Er ist ein sehr feinfühliger Mensch, der Herr Adjutant; er verstand uns, wir alten Leute taten ihm leid, und er schüttelte mir und Mutter die Hand und befahl dem Herrn Hauptmann (er drückt ihm die Hand) Sorge zu tragen, dass wir Avohlbehalten nach Hause kämen. Charbinskij: Ja, Sie können recht froh sein und Gott danken, dass Sie mit dem blossen Schrecken davongekommen sind. Ramusow: Das können wir wahrhaftig! Charbinskij: Die Kosaken wären imstande, alles mausetot zu schlagen. Sie sind so gereizt durch die letzten Attentate der Revolutionäre. Ich wundere, mich blos, dass sie sobald meinem „Halt" gehorchten! Ramusow: Gott sei Lob und Dank, dass kein Unglück geschehen ist. Was so ein Missverständnis für traurige Folgen haben kann. Charbinskij: Und eigentlich verdanken Sie Ihre Rettung wieder einem Missverständnis. (Er lächelt.) Ramusow: Wie meinen Sie das? Charbinskij: Einem sehr grauenvollen, blutigen, das sich in meiner Erinnerung fest eingegraben hat, ich glaube, fürs ganze Leben. Ramusow: Darf man es wissen? Charbinskij: Man muss es erlebt haben! Es ist eine Kriegseri nnerung. Ramusow: Sie haben den Krieg mitgemacht? Herrgott! Charbinskij: Ja, bei Mukden. Fjodor: Was war das für ein Missverständnis? Charbinskij: Mein Gott! Eines von den vielen auf dem Schlachtfelde, wo unsere eigenen Truppen einander irrtümlich angriffen und sich gegenseitig vernichteten. Ramusow: Wirklich? Fjodor: Ja, das wird allgemein erzählt. Charbinskij: Dies kam sehr oft vor. Ich selbst verlor meine zwei besten Kompagnien durch so ein Missverständnis. Sie hielten sich gegenseitig für den Feind und beschossen einander. Weiss der Teufel, wie es kam. Ich kann es mir heute noch nicht erklären. Irgendein Dämon trieb sein unheimliches Wesen mit uns. Als sich das Missverständnis aufklärte, war noch kaum ein halbes Dutzend am Leben. . . . Und heute, wie die Kosaken so loszogen, streifte mich die Erinnerung daran und ich kam zur Besinnung, sonst hätte ich auch (lächelt) in der „Feindesstimmung" ausgehauen. Wir hätten dann nicht so friedlich dagesessen Und hätten Erinnerungen ausgetauscht (er lächelt), an alte Missverständnisse . . . (itamusow drückt ihm die Hand.) Es kommt mir nie aus dem Gedächtnis. (Lachend.) Ist bei mir fast zu einer fixen Idee geworden. Oft erscheint mir unser ganzes Leben eine Unsumme

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