Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 187 - 188 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Leo Birinski: Der Moloch. 188 Fjodor: Er wird es nioht zulassen. Und die Mutter? Iwan: Das musst du schon irgendwie arrangieren! Fjodor: Du kennst doch die Eltern! Sie sind doch grosse Kinder! Iwan: Um so leichter werden sie sich fügen müssen! Fjodor: Müssen? Iwan: Müssen! '(Während das gesagt wird, hört man draussen das Geräusch, wie wenn ein Wagen vorfahren würde. Iwan tritt ans Fenster.): Da haben wir die Bescherung! Fjodor (der rasch zu ihm getreten ist, bestürzt): Kosaken! Iwan: Man hat also unseren ganzen Plan verraten. Das Archiv! Wasja (stürzt atemlos herein. Er hat Hut und Mantel an): Vater und Mutter sind, scheint's, verhaftet worden! Fjodor U. NlUta (sind wie vom Blitz getroffen). Iwan: Woher hast du das? Wasja: Soeben hält der Wagen vor dem Haustor. Fünf Kosaken Bedeckung. Fjodor: Warum denn der Vater? Was mag denn geschehen sein? Iwan: Kinder, keine Aufregung! Kaltes Blut! Jetzt gilt's vor allem, das Archiv zu retten. Fjodor, bring' es herein, es liegt neben der Türe in der Nische, zugedeckt. Wasja: Wie kommt es hierher? Iwan: Die Polizei hat das Konspirationszimmer ausgehoben. Wasja: Das habe ich schon von Kabskij erfahren. Iwan: Ist er schon unten? Wasja: Ja, und noch fünf andere. Iwan: Haben sie Waffen bei sich? Wasja: Ja! Iwan: Nun, da ist es ja noch nicht so arg. (zu Fjodor, der ans dem Korridor eine mittelgroaee, schwarze Mappe hereingebracht hat). Ins Laboratorium! (Er tut es.) Fjodor (kommt aus dem Zimmer rechts). jwan: Also bitte, jetzt aufgepasst! (Zu Fjodor und Wasja.) Ihr beide bleibt hier in der Nähe der Türe! (Er zeigt auf die Türe rechts.) Ich und Niuta treten ins Laboratorium. (Zu Fjodor.) Wieviel Bomben hast du fertig? Fjodor: Vier scharf gefüllte und zwei Hülsen. Iwan: Genügt. Wan wird euch gewiss „Hände hoch" kommandieren. Tut es ohne Widerstand. Ich erscheine darauf in der Türe, schwinge eine Bombe und rufe meinerseits den Kosaken zu: Stillgestanden! sonst fliegt das ganze Haus in die Luft! Ich gebe euch dann jedem eine Bombe. Ihr nehmt Niuta mit dem Archiv in die Mitte und sucht so rasch als möglich auf die Strasse zu kommen. Unten nimmt Wasja das Archiv und ihr (zu Niuta und Fjodor) haltet die Verfolger zurück. Wenn es sein muss, werft ihr die Bomben hinter euch. Habt ihr mich ver-. standen? Alle drei: Ja. Iwan (zu Wasja): Du bringst die Mappe zu BjelMn! Wasja: Ja. Iwan: Kinder, ihr müsst euch, soweit es geht, schonen. Wir haben jetzt Not an Mann. Besonders du, Wasja, wir haben dich sehr nötig. Wasja: Ja. Iwan (zu Wasja): Sie enthält das Archiv, die Korrespondenz und die Situationspläne über Saschas Angelegenheit! Wasja: Und wenn ich erwischt werde? Iwan: So musst du sie zuerst vernichten. Du nimmst in eine Hand die Bombe (er zeigt es ihm), mit der zweiten hältst du darüber die Mappe, dann wirfst du beide mit aller Kraft aufs Trottoir, aber nicht weit von dir, sonst könnte es versagen! Gerade vor deine Eüsse, sie geht dann sicher in Fetzen! Ihr müsst rasch aus dem Hause verschwinden, bevor sich die Kosaken vom Schreck erholt haben. Wasja: Und du? Sie reissen dich ja dann in Stücke! Iwan: Gleichviel . . . Wasja: Iwan, lass' mich hier! Du bist doch einer unserer Nützlichsten. Iwan: Mag sein; aber jetzt nützen deine flinken Beine mehr! Niuta u. Fjodor: Mich! Iwan: Unsinn! Ich muss dableiben. Ihr könntet in Einem versagen! Alle: Worin denn? Iwan: Wenn durch irgend etwas das Archiv nicht fortgeschafft werden könnte, so ... sprenge ich das ganze Haus in die Luft! Wasja u. Fjodor: Vater und Mutter! Iwan (zuckt die Achseln): Das Archiv und die Korrespondenz dürfen der Polizei nicht in die Hände fallen. Sie hätte dann unsere ganze Organisation im Netz! (Man hört hinter der Szene Stimmen, darunter Agrafena weinen.) Iwan: Also, kaltes Blut! (Ab mit Niuta ins Zimmer rechts.) Agrafena (öffnet unter Schluchzen breit die Türe aus dem Korridor und lässt Ramusow und Hauptmann Charbinskij herein, die Nina Alexandre-wna am Arm führen). Ramusow (zu Agrafena): Rücke den Stuhl zurecht! Agrafena (tut es. Sie setzen Nina Alexandrowna in den Stuhl, Charbinskij erblickt einen Schemel und stellt ihn vor Nina Alexandrowna). Ramusow (warm, zu Agrafena): Ein Polster! Und dann richte rasch das Bett! Agrafena (küsst Nina Alexandrowna die Hand) Mütterchen! Täubchen! RamUSOW (fährt [mit [der Hand Agrafena weich übers Haar): Geh1, Niania, geh4! Agrafena (ab). RamUSOW (kniet vor seiner Frau nieder, legt ihr besorgt die Füsse auf den Schemel): Die Füsschen sind kalt, kalt! (Er zieht den Stadtpelz, in dem er eingetreten, aus und hüllt vorsichtig Alexandrownas Füsse ein.) So, fühlst du dich schon besser, Ninotschka? (Er ergreift ihre Hände, haucht auf sie, um sie zu wärmen, küsst sie dann.) Weine nicht! (Kämpft selbst mit den Tränen.) Weine nicht, Ninotschka, bitte, weine nicht! (Er wischt ihr die Tränen aus dem Gesicht, sie weint lautlos.) Agrafena (bringt ein Polster): Hier, Väterchen! RamUSOW (umarmt seine Frau und zieht sie ein wenig an sich, um bo zwischen ihr und der Stuhllehne Platz für den Polster zu gewinnen.) Agrafena (schiebt mit Hilfe Charbinskijs den Polster dazwischen). RamUSOW (lässt Nina Alexandrowna zurück in den Polster fallen, wobei er sie zärtlich auf die Stirne küsst): Nicht weinen . . . schon genug der Tränen. Agrafena (ab). Nina (bemerkt Wasja, der im Mantel, den Hut am Kopf, bleich und regungslos, sowie Fjodorin, der in der Nähe der rechten Türe steht, und winkt ihm, stumm weinend, zu sich heran; sie streckt Wasja schluchzend die Arme entgegen. Er bleibt noch immer unbeweglich). RamUSOW (ergreift ihn sanft an der Schulter): Geh' doch, Wasjenka, geh' doch zur Mutter! Wasja (geht wie mechanisch auf die Mutter au; sie fasst seinen Hopf mit beiden Händen, küsst ihn auf das Haar, die Stirne, Augen und Mund, presst dazu ihren Kopf an den seinen und weint). RamUSOW (beugt sich über einen Stuhl, wie wenn er etwas nehmen wollte, und wischt sich, von den anderen unbeachtet, die Tränen aus den Augen.) Nina (unter Tränen): Wasjenka, du verlässt mich nicht . .. du gehst nicht fort von mir . . . von deiner alten Mutter . . . nein ... du bleibst bei mir ... bis ich sterbe . .. ja . . . ja, Wasjenka ... du gehst nicht fort . .. Agrafena (erscheint): Väterchen, es ist schon gerichtet ... Ramusow: Hilf mir, wir wollen sie zu Bett bringen! (Ramusow und Agrafena stützen Nina und führen sie rechts hinaus. Wasja folgt ihnen, macht aber an der Türe Halt und bleibt im Zimmer. Eine Weile herrscht Schweigen.) Charbinskij: Sie sind wohl der Jüngste? Wasja: Ja . . . (Er bringt es fast barsch heraus, verbessert sich aber bald, sanft) Ja . . . (Er scheint Bich aber dieser Wandlung zu schämen und wiederholt herausfordernd, wie wenn er sich in Positur stellen wollte): Ja, der Jüngste .. . Charbinskij (blickt ihn und dann Fjodor, der ernst dasteht, verdutzt an. Er ist betroffen und sucht sich mit einem Witz aus der Situation zu helfen. Mit übertriebenem Humor): Es ist noch lange kein Verbrechen, der Jüngste zu sein. (Er lacht, bricht aber sofort ab, da er bemerkt, dass Wasja und Fjodor düster vor sich hinschauen.) Verzeihen Sie! (Pause.) Das Alter kann sich in unsere Zeit nicht hineinfinden. ... Es bekommt zwar auch die meisten Schläge, wenigstens die schwersten ... (Er blickt sich hilfesuchend um, ob sie nicht auf das Thema eingehen wollen.) Das will zwar die Jugend nicht glauben, denn sie halt es für Lächerlichkeiten! (Er ärgert sich über den Ton, den er angeschlagen hat und verfällt in noch mehr Pathos.) Gerade weil das Alter ausserhalb der Schlachtreihe steht, und Müsse hat, sich in seinen Schmerz zu verbeissen ...