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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 185 - 186

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-03-01
Page
Seite 185 - 186 (sequence 4)
Language
German
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185 Leo Birinski: Der Moloch. 186 dass ich fast die Sinne verlor. Es war aber bald überwunden und wir setzten uns mitten auf die Strasse, unserem Hause gegenüber, und fingen aus vollem Halse zu singen und zu schreien an. Fjodor: Man hätte dich ja als einen Betrunkenen verhaften können! Iwan: Ich aiusstt? es riskieren. Kompromittierendes hatte ich nichts bei mir. Niuta: Aber dich hätten sie behalten können. Jetzt, wo wir dich so dringend brauchen, Iwan: Ich wollte durch das Geschrei jemand von den unsren ans Fenster locken und durch irgendein Zeichen die Gefahr anzeigen. Es kam aber niemand. Und da blieb mir nichts anderes übrig, als selbst hinaufzugehen. Fjodor: Du sagtest doch, dass die Spitzel vor dem Hause waren? Iwan (mit mader stimme): Nun ja. Durch meine Manöver habe ich jeden Verdacht von mir abgelenkt. Sie lachten über uns und unterhielten sich sehr gut, denn ich spielte auf der Harmonika einen Trauermarsch — ich kann nichts anders — der Betrunkene sang dazu ein lustiges Lied uiid tanzte einen Trepak. So traten wir ins Haustor. Ich sah sofort, wie die Dinge stehen. Das ganze Haus war voll Spitzel und Polizisten. Fjodor: Sie Hessen euch ungeschoren? Iwan: Es scheint in ihren Plan gepasst zu haben, dass wir Lärm machen. Unter betrunkenem Singen und Tanzen stiegen wir in den zweiten Stock bis in unser Lokal. Die Tür war erbrochen. Drinnen sass ein Kosakenoffizier. Alles war durcheinandergeworfen. Auf dem Fussboden lag jemand mit einer Decke zugedeckt. Niuta: Tot? Iwan: Ja- Fjodor: Einer von den unseren? Iwan: Ja. Niuta: Wer -war es? Iwan; Ich sah bloss die Füsse. Starre, unbewegliche Füsse in ausgefransten Hosen und abgetretenen Schuhen. Die Schuhsohlen waren ganz zerrissen und es steckten zwei im Krampf erstarrte Zehen heraus. Ich spielte Harmonika, der Betrunkene tanzte Trepak, und die zwei toten Füsse in abgetretenen Schuhen sahen uns starr an. Verkrampfte Füsse in ausgefransten Hosen und abgetretenen Schuhen. Ich bin beileibe nicht rührselig, habe in letzter Zeit schon so manches mitgemacht. Aber in diesem Moment. .. wenn es noch ein klein wenig gedauert hätte, wäre ich sicher verrückt geworden. Ich fühlte es... ich sah schon den Wahnsinn herankommen ... ich fühlte seinen sclmurig-kaltsn Atem, fühlte, wie er sich mit stumpfen Krallen in mein Hirn eingrub . . . Nagel um Nagel, mit langen, kalten Spitzen ... langsam und bedächtig. Und ich wollte lachen. Aber ich lachte nicht. Ich weiss nicht warum . . . spielte bloss Harmonika .... Ich spielte, der Betrunkene tanzte Trepak, und die verkrampften Füsse in den abgetretenen Schuhen sahen uns starr an . . . (Für eine Weile herrscht Schweigen, dann hört man hinter der Szene Agrafenas Stimme): Iwan, mach' auf! (Jfiuta und Fjodor, in Gedanken verloren, hören nicht. Nach einer kurzen Pause hört man wieder Agrafenas Stimme, jetzt näher der Tür): Tölpel! Idiot! Oeffne doch! Ich trage den Samovar! Betrunkener Teufel! Iwai1 (richtet sich mit einein ]Uick auf, fällt aber vor Schmerzen fast zurück in den Stuhl, hält sich einen Moment taumelnd an der Stuhllehne, rafft alle Kräfte zusammen, geht zur Türe, um sis zu öffuen. Er bleibt wahrend des Folgenden devot an der Türe stehen). AtJPafena (tritt ein, hält mit beiden Händen einen kochenden Samowar, den sie 'auf einen kleinen Teetisch stellt). Betrunkenes Luder! Die Kehle muss man sich ausschreien. Dich wirft man noch heute hinaus! Ins Wirtshaus gehörst du und nicht in ein herrschaftliches Haus! Fjodor und Niuta (schauen sich wie geistesabwesend an). Iwan (demütig): Verzeihung, Agrafena, ich . . . ■Agrafena (geschmeichelt, ein wenig sanfter): Hab' ich nicht recht? Sich an einem Werktag betrinken! (Gerät wieder in ihren alten Ton.) Die Lampen sind nicht geputzt! Das braucht man nicht! Von Wirtshaus zu Wirtshaus zu rennen,, das möchte dir passen; aber dazu hat man dich nicht aufgenommen! Nein, nein; das sage ich dir! Du hättest mit den Herrschaften fahren sollen. Man hat dich als Diener aufgenommen und zahlt dir ehrliches Geld. Fünf Rubelchen im Monat! Fünf Bubelchen! So viel hab' ich in meiner Jugend nicht fürs ganze Jahr bekommen! Da hast du zu arbeiten und dich nicht in den Wirtshäusern herumzutreiben! Iwan: Agrafena, Sie haben recht, aber ... Agrafena: Gewiss habe ich recht! Das willst du mir auch noch abstreiten? Iwan: Im Gegenteil! Agrafena: Was, im Gegenteil? Du . . . Fjodor: Agrafena, ich bitte dich, lass' uns allein! Agrafena: Allein lassen! Allein lassen! Iwan darf mich beschimpfen, ja, und ich habe den Mund zu halten! Iwan ... Fjodor (kann sich nicht mehr Jänger beherrschen; all das Zurückgedämmte in ihm bricht elementar aus. Wie, ein wildes verwundetes Tier stürzt er auf Agrafena, in tobender Raserei): Weib, scher' dich zum Henker, oder . . . NlUta (wirft sich dazwischen): Fjodor! Fjodor! (Ebenso Iwan.) Agrafena (ist eine Sekunde wie versteinert gestanden, bricht jetzt in Tränen aus). Nlllta (goht auf sie zu und streichelt sie übers Haar). Agrafena (fängt unter den Liebkosungen nach Art kleiner Kinder lauter zu schluchzen an): Schlagen wollt er mich... schlagen... Mein graues Haar . . . weil ich ihn noch als Wickelkind auf den Händen getragen. . . . Sascha hätte so etwas nicht getan . . . schlagen wollte er mich! . . . Die Hand gegen eine alte Frau erheben! . . . Niuta: Nein, nein! Er war bloss so aufgeregt ... er ist ja auoh verzweifelt, dass die Herrschaften noch nicht zurück sind! Agrafena (schluchzt bitterlich). Fjodor (tritt zu Agrafena, sanft, mit tiefer Reue): Verzeihe mir, verzeihe mir, Agrafena! . . . ich kann nichts dafür . . . es ist so über mich gekommen! . . . Agrafena (ergreift unter Tränen seine Hand und küsst sie): Ich verzeihe dir — verzeihe auch du mir! . . . (Sie kniet vor ihm nieder und bekreuzt sicli dreimal.) Verzeihe mir, Väterchen! Fjodor (hebt sie auf, sie macht über ihn das Kreuz und er küsst sie nach altrussischer Weise zweimal auf die Wange). Agrafena: Verzeihe mir, Fjodjenka, Täubchen. (Sie schlecht wie ein geschlagener Hund aus dem Zimmer. Kurze Pause.) Niuta (sanft, ohne Vorwurf): Man muss sich doch beherrschen können! Fjodor (schaut beide eine Weile stumm an): Ja, beherrschen . . Iwan: Glaubst du vielleicht, mir fällt es leicht, den Unsinn anzuhören. (Er zuckt unter dem Schmerz im Arme zusammen.) Zum Teufel, das hat auch noch gefehlt. Gerade heute muss ich mir den Arm verrenken. Niuta: Iwan, komm, ich will dir ihn einbandagieren. Iwan: Nein, nein. Später. Jetzt gibt es was viel Wichtigeres zu tun. Ich habe ja das Archiv hergebracht. Niuta u. Fjodor: Das Archiv? Iwan: Ich habe es von Bjelkin bekommen! Fjodor: Wie ist es gerettet worden? Iwan: Das weiss ich nicht. Wie ich mich von dem Ueberfall der Polizei überzeugt hatte, lief ich zu Bjelkin. Dort wusste man schon alles. Das Archiv war auch schon dort. Wie es dorthin kam, wer es gerettet hat, weiss ich nicht. Zu Aufklärungen hatten wir keine Zeit; wir museten rasch die anderen von dem Vorgefallenen verständigen und alle benachrichtigen, dass die heutige Versammlung hier abgehalten wird. Fjodor: Hier? Bei uns? Iwan: Ja! Fjodor: Du bist nicht recht bei Trost! Iwan: Wir haben besprochen, uns noch heute abend hier zu versammeln. Es ist der einzige Ort, der der Polizei nicht verdächtigt ist. Du kannst dir doch denken, dass man heute eine Jagd nach uns veranstalten wird. Und wir müssen heute wegen Sascha zu einem Entschluss kommen! Fjodor: Hier, meinst du, kann uns die Polizei nicht vermuten? Iwan: Möglich ist es schon, aber nicht wahrscheinlich! Dein Vater ist ja als sehr gemässigter Bürger bekannt!

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