Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 183 - 184 (sequence 3)
- Language
- German
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183 Leo. Birinski: Der Moloch. 184 Fjodor: Anarchisten wird er sicher gesagt haben, der Idiot! Agrafena: Jawohl, Antichristen. Sie beten zu diesem Gott, und er gibt ihnen solche Kugeln aus der Hölle, wo jede nicht grösser ist als ein Apfel, aber zwanzig christliche Häuser in die Luft sprengen kann! Fjodor: Heiliger Stumpfsinn! Agrafena: Wahrhaftig. Unsere besten Soldaten haben sie übers Meer gelockt. Fjodor (lachend): Wer? Agrafena: Nun, die Juden. Fjodor (lacht). Niuta (seufzt auf): Aber Agrafena, lassen Sie sich doch so einen Unsinn nicht einreden. Dort drüben sind ja Japaner. Agrafena: Die Jupaner sind doch auch Juden. Und noch was für Juden. Sie stammen direkt vom Teufel ab. Dmitri selbst hat es gesagt. Das grosse Meer ist rot von russischem Blute. Aus unserem Dorfe sind über hundert Mann weg, ehrliche, rechtgläubige Christenseelen, und keiner ist zurückgekommen. Alle wurden sie dort abgeschlachtet, ja, ja, nur dass Väterchen Zar keine Soldaten mehr habe und die Juden ihn dann umbringen können und der Antichrist alle rechtgläubigen Seelen bekommt. Fjudor: Da wandert der Antichrist jetzt in unserer Stadt herum? " Agrafena: Freilich! Freilich! Aus anderen Städten hat man ihn schon vertrieben. Dort haben sich die Rechtgläubigen zusammengenommen und ein paar Juden totgeschlagen, da ist er aus Angst fort! Fjodor: Und da will man ihn jetzt auch von hier auf diese Weise hinaustreiben; durch den heiligen Pogrom? Agrafena: Ja, ja, Väterchen. Und in solchen schrecklichen Zeiten habt ihr zugelassen, dass die Mutter ausfährt? Zum erstenmal nach einer so schweren Krankheit? Das war nicht recht! Jetzt sind sie schon über drei Stunden aus. Wenn nur kein Unglück geschieht! Wasja: Papa ist doch mit! Agrafena: Es war nicht recht, dass ihr die beiden allein habt ausfahren lassen. (Mit weinerlicher Stimme) Es ist eure Pflicht, an den armen Eltern gutzumachen, was Sascha an ihnen gesündigt hat. Fjodor (verliert die Geduld): ' Ach was! Die Wölfe werden sie nicht auffressen. Agrafena (spuckt, vor Erregung bebend, dreimal aus): Pfui! Sie sollten sich schämen, so etwas zu sagen! Pfui! das ist gottlos! Das ist herzlos! Wölfe auffressen! Euch möchte das passen: Wölfe auffressen! Wasja: Aber, Niania! . . . Agrafena: Was kümmert's euch, dass die Mutter grau und alt wird vor Kummer, dass sie noch stirbt vor der Zeit! Ja, ja, ihr bringt sie noch vor der Zeit ins Grab! Sascha und ihr! Fjodor (ungostüm): Genug schon mit dem Blödsinn! Agrafena (noch erregter): Blödsinn! Blödsinn! Euch ist alles Blödsinn! Wasja (sanft): Niania, ich bitte dich, höre doch auf! Sieh lieber zu, dass Mutter und Vater Tee haben, wenn sie kommen! Geh! Agrafena (beruhigt): Ja, Väterchen, Sie haben recht! Sie ■ sind doch ein treues Kind! (will hinausgehen, wirft einen Blick auf Fjodor und verfällt in den früheren Ton): Wolfe gefressen! Wasja: Niania! Niuta: Das war doch nur eine Redensart. Agrafena: Solche Redensarten darf man nicht gebrauchen. Nein, nein. Der Teufel lauert schon so wie so genug auf uns. Man darf ihm keine Ausrede lassen. Nilita (mit sanftem Liicheln): Er muss es doch nicht gehört haben! Agrafena: Fräuleinchen, reden Sie nicht so gottlos. Man kann nicht vorsichtig genug sein. In unserem Dorfe . . . Wasja: Schon gut, Niania. Fjodor (halblaut zu Niuta): Wo nur Iwan so lange bleiben mag! Agrafena (fängt das auf): Iwan, Iwan, das ist eure Sorge! Die Eltern wohl nicht! Iwan! Ihn wird der Teufel nicht holen! Ich habe gesagt, Iwan soll wenigstens mit den Herrschaften mitfahren; aber nein; was ich sage ist Blödsinn! .(Im Vorzimmer klingelt es. Freudig) Ah, da sind sie schon! Gott sei Dank! Gott sei Lob und Dank! (Sie bekreuzt sich und läuft hinaus.) Fjodor (seufzt auf): Die hat uns noch gefehlt! (Hinter der Szene hört man Agrafenas Stimme auf jemand losschimpfen.) Das Weib bringt mich noch von Sinnen! Agrafena (reisst die Haupttüre auf): Da habt ihr ihn, euren Liebling! Er ist euch nicht verloren gegangen, der Schatz! Aber betrunken ist er wie ein Schwein! Tritt nur ein, Waniuschka! Hier vergeht man schon vor Sehnsucht nach dir. (Iwan erscheint in der Tür.) Nur weiter, mein Täubchen! Idiot, Tölpel! Betrunkenes Luder! Da habt ihr ihn! Iwan (bleibt in der Nähe der Türe devot stehen.): Der gnädige Herr befehlen? Agrafena (äfft ihm nach): „Der gnädige Herr befählen"! Mit den alten Herrschaften hättest du ausfahren sollen, Idiot! Iwan (sich vor Agrafena entschuldigend): Ich habe doch für den jungen Herrn einen Weg gehabt! Agrafena (ihm ins wort fallend): Einen Weg ins Wirtshaus. Fjodor: Agrafena! Agrafena: Stinkt ja-meilenweit nach Schnaps! An einem Werktage sich betrinken! Das ist wichtig, und wenn den Herrschaften ein Unglück passiert! Wasja (fassfc sanft Agrafena und zieht sie langsam nach sich hinaus): Komm! Ich will nachschauen, wo Vater und Mutter bleiben! Agrafena: Ja, ja, Väterchen, tun Sie das! (brummend) So ein betrunkenes Schwein! (Beide ab.) Fjodor: Hast du Bjelkin gesprochen? Iwan: Ja! (Zu Niuta.) Stell' dich zur Türe, ich muss mich niedersetzen. (Niuta tut es; Iwan setzt sich in einen Stuhl. Er hält den linken Arm steif, man merkt ihm an, dass er starke Schmerzen hat). Fjodor: Was ist dir? Ist etwas passiert? Iwan: Die Polizei hat das Konspirationszimmer ausgehoben. (Kurzes Schweigen des Entsetzens.) Fjodcr (dumpf): Wann? Iwan: Vor ein paar Stunden? Niuta: Und das Archiv? Die Korrespondenz? Iwan: Gerettet; aber das Waffenlager und die Geheimdruckerei haben sie konfisziert. (Er verliert für einige Sekunden die Herrschaft über seinen physischen Schmerz und zuckt krampfhaft zusammen.) Fjodor: Was ist dir? Iwan: Ich habe mir den Arm verrenkt. Fjodor: Hast du nicht getrunken? Du riechst so nach Branntwein! Iwan: Ich spülte bloss den Mund mit Schnaps. Musste mich betrunken stellen, um die Aufmerksamkeit von mir abzulenken. Fjodor: Wer könnte uns nur verraten haben? Iwan: Nur einer aus unserer Mitte! Fjodor: Woraus schliesst du das? Iwan: Weil die Polizei unser Zeichen ans Fenster stellte. Niuta: Warst du denn oben? Iwan: Ja. Schon unten vor dem Hause sind mir einige verdächtige Personen aufgefallen. Einer fasste mich auch ins Auge. An seinem Bhok erkannte ich, dass es ein Spitzel sei. Ich machte aber rasch einige betrunkene Bewegungen und torkelte lässig in die Schenke, dem Hause gegenüber. Dort trank ich mit einem Betrunkenen Bruderschaft, kaufte ihm eine Mundharmonika ab und fing mit dem Schankwirt Händel an, so dass er uns hinauswarf. Fjodor Wie unvorsichtig von dir! Iwan: Aber das wollte ich ja nur, um so wieder unverdächtig auf die Strasse zu kommen. Der Wirt war aber selbst betrunken und stiess mich 30, dass ich aufs Trottoir fiel. Fjodor: Und da hast du den Arm verrenkt? Iwan: Ja. Niuta (zu ihm 'tretend): Iwan, ich will dir einen Verband anlegen. Iwan: Ach, dazu ist jetzt keine Zeit . . . Niuta: Aber ... Iwan (sie beruhigend): Ich hab' jetzt keine Schmerzen, wenn ich ruhig sitze. Im ersten Moment, als ich aufs Trottoir fiel, war ich allerdings von dem Schmerze so betäubt, ich fiel noch dazu mit dem Kopf an eine Strassenlaterne.