Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Der Moloch
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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181 Leo Birinski: Der Moloch. 182 Wasja (lächelt verlegen): Ja, ich habe mich schlecht ausgedrückt! Nillta (neigt sich tiefer zu ihm): Wie? Sie haben Tränen in den Augen? (Sie ergreift seine Hand.) Was haben Sie denn? Wasja: Es ist nichts. .. . Die verdammte Dämmerstimmung und das schwermütige Lied. (Mit Selbstironie.) Der Lyriker in mir hat sich gerührt! Nillta: Nein, an Ihnen nagt irgendein seelischer Schmerz. Haben Sie wirklich vor irgend etwas Angst? Etwa, dass die heutige Versammlung? . . . Wasja: Nein, nein . . . Niuta: Glauben Sie vielleicht nicht mehr an unsere Sache? Wasja: Ach, bewahre! Niuta: Also, was ist es? Ich kann doch nicht glauben, dass Sie vor der Gefahr unseres jetzigen Unternehmens zurückschrecken? Sie haben es ja selbst mitangeregt und sind einer der Waghalsigsten. —- Oder ist es doch so? Ist es die Furcht, es könnte abermals misslingen? Ist es gar die Angst vor dem Tod? Wasja: Vor dem Tod? Nein . . . aber . . . Niuta: Aber? Wasja: Aber ... ich weiss nicht, ob Sie mich verstehen werden . . . seit einiger Zeit .. . es ist so über mich gekommen . . . auf einmal . . . nicht Angst vor dem Tod . . . nein, aber vor dem Leben! Niuta: Angst vor dem Leben? Wasja: Ja. (kurzes Schweigen.) Niuta: Und sind sich klar darüber, was Sie damit meinen? Wasja: Eigentlich nicht. Dies ist ja eben der Gedanke, den ich ganz auszudenken fürchte. Ich fühle nur, dass etwas so grenzenlos Trauriges dahinter liegt . . . etwas so grausig Unbarmherziges ... Niuta: Was hat Sie darauf gebracht!? Wasja: Ich weiss nicht ... es stand so plötzlich vor mir. ... Das . .. Leben . . . das Leben, dass es uns so .. . (er sucht nach einem Ausdruck) SO feindlich ist ... dass es uns so höhnt und quält. .. mit uns so erbarmungslos spielt. . . . Wofür? Wozu? Warum? . . . (Er erhebt eich vom Stuhl, setzt sich aber bald aufs. Kanapee nieder.) Niuta: Wir leben allerdings in einer ziemlich ungemütlichen Zeit, und gerade wir stehen an den exponiertesten Stellen, in der ersten Schlachtreihe, aber ... es ist doch kein Grund zum Verzweifeln, im Gegenteil. Es ist eine Uebergangszeit .... Wasja: Ach . . . kommen wir denn je aus den Uebergängen heraus?! Niuta (nimmt Anlauf zu einer debattenmässigen Erklärung.) Gewiss, die Entwicklung . . . Wasja: Ich weiss, was Sie mir sagen wollen. . .. Ich sage es mir ja selbst tagaus tagein hundertmal vor . .. aber es nützt nichts ... es ist nicht das Richtige . . . Ihnen erscheint das Leben als eine Summe von „naheliegenden" . Gründen, beunruhigt Sie einer, so verschütten Sie ihn mit zehn anderen ... aus der nächsten Umgebung . . . nur aus den Augen verlieren! . . . liegt etwas nicht nahe genug, passt es nicht in ein beruhigendes Wortechema hinein, so gilt es nichts, ist es Unsinn .. . Ja, es i s t auch Unsinn ... aber ... auch das andere ist Unsinn ... auch das Naheliegende ist Unsinn . . . das Wort erst recht . .. alles ist Unsinn . . . alles ... Mir kommt es beinahe vorj-als stampfen wir alle in einem ewig-endlosen Netz von Leid und Unsinn . .. unter so grausamen Qualen und Martern ... bis wir elend zusammenbrechen und uns dann ein noch grösserer Unsinn, der unsinnigste Unsinn, der Tod, höhnend und grinsend erdrosselt. Es ist so furchtbar! Warum leiden wir so? Warum? Warum? Fjodor (steckt den Kopf zur Tür rechts herein): Ist Iwan noch immer nicht zurück? Niüta: Nein. Fjodor (zieht sich wieder in sein Zimmer zurück.) Nllita (bleibt noch eine Weile sitzen, dann geht sie langsam ans Fenster, wo sie, in Gedanken versunken', eine Weile dasteht. Es herrscht tiefe Stille. Agrafena erscheint.) Afjrafena (eine alte, vertrocknete Bäuerin macht die Tür auf, erblickt Niuta am Fenster vom Mondlicht beleuchtet, erschrickt, stösst einen Schrei aus und bleibt wie angewurzelt im Türrahmen «tehen, ohne mehr eisen Laut von sich geben zu können.) Niuta: Was haben Sie? Agrafena (murmelt mit vor Angst bebender Stimme): Jesus, Maria und Josef. Heilige Mutter Gottes! Niuta (will auf Agrafena zugehen, Agrafena aber weicht vor ihr zurück, sie ängstlich anstarrend, und bekreuzt sich ununterbrochen.) Aber Agrafena, erkennen Sie mich nicht? Ich bin doch kein Gespenst, dass Sie sich so bekreuzen. Agrafena (zu sich kommend): Wahrhaftig? (Sinkt erschöpft in einen Stuhl, ergreift Niutas Hand, die sie küsst.) Fräuleinchen, warum haben Sie mich so erschreckt? Niuta (fährt ihr mit der Hand übers Haar): Nicht ich habe Sie erschreckt, Sie selbst. Sie altes Kind. Agrafena: Ach, man ist heutzutage nirgends sicher. Niuta: Vor Gespenstern? Agrafena: Ja, ja, vor dem Antichristen, Fräuleinchen. Niuta: Vor dem Antichristen? Agrafena: Ja, ja; er ist hier in der Stadt. FjOdOr (der jetzt eintritt, spöttisch lächelnd): Hast du ihn selbst gesehen? Agrafena (sich bekreuzend): Nein, Väterchen, nein. Gott bewahre mich davor! Aber die Schuhmachersfrau von nebenan hat ihn gesehen. Vorgestern. Am hellichten Tag i Niuta (zündet die Lampe an): Die Philipowna? Die ist ja vorgestern plötzlich gestorben! Agrafena: Ja, ja; sie ist vor Schreck gestorben! Niuta: Und da hat sie erzählt, dass sie den Antichristen gesehen? Agrafena: I bewahre! Wie hätte sie denn das erzählen können, wenn sie vor Schreck die Sprache verloren hat und sofort gestorben ist. Fjodor: Wie weisst du dann, dass sie den Antichristen gesehen hat? Agrafena: Wie? (mit dogmatischer Sicherheit.) Sie ist doch vor Schreck gestorben. Fjodor: Na! Agrafena: Hören Sie denn nicht, wie die Hunde die ganze Nacht hindurch bellen? Fjodor: Ein neuer Beweis! Niuta: Das tun sie ja immer! Agrafena: Jetzt aber bellen sie anders . . . ganz anders. Sie schlafen ruhig und hören nichts (unter Thränen), ich aber lieg' die ganze Nacht und lausche. Die Hunde bellen jetzt ganz anders. Sie heulen so jämmerlich und warnen die Menschen, warnen vor etwas Schrecklichem, das kommen soll (mit tiefer üeberzeugung, ängstlich) und kommen wird. Wasienka, Väterchen, lassen Sie unsern Hund über Nacht im Zimmer. Ich will ihn jedesmal hereinlassen, kann mich aber vor Angst nicht rühren. Das arme Tier tut mir so leid. Niuta: Und tun Sie sich selbst nicht leid, sich mit solchen Hirngespinsten zu martern? Agrafena: Ach, Mütterchen, wir leiden zu wenig, zu wenig! Wasja: Meinst du? Agrafena: Ja, Väterchen, viel zu wenig! Wo wir doch so viele Feinde haben, die auf unser Verderben lauern! Niuta: Was für Feinde? Agrafena: Wissen Sie es nicht? Die Juden! Die Juden haben mit dem Bösen (sie spuckt dreimal aus) einen Pakt geschlossen! Jawohl! Ja, einen Pakt gegen die rechtgläubigen Russen! Niuta (gutmütig): Unsinni Agrafena: Es ist wahr! Es ist wahr. Dmitri, der bei der Polizei dient, hat es mir selber gesagt und dann hat er es mir vorgelesen aus einer gedruckten Zeitung! Fjodor: Dass die Juden uns vernichten wollen? Agrafena: Jawohl, ja! Sie haben unser Seelenheil dem Bösen (sie spuckt wieder dreimal aus) versprochen, wenn er den jüdischen Kaiser auf den Thron bringt, auf unseren heiligen russischen Thron! Sie zerschneiden die Heiligenbilder und hängen an ihre Stelle das Bild vom Gott der Antichristen. Dmitri hat mir selbst das Bild gezeigt; er dient bei der Polizei und muss es ja wissen! Fjodor: Und wie sieht er aus, dieser Gott der Antichristen? Agrafena: Ein Jud! (sie bekreuzt sich.) Mit einem breiten zerzausten Bart! Fjodor (hellauflachend): Karl Marx gewiss! Agrafena: Jawohl, ja! Max heisst er. Alle Antichristen haben das Bild über ihrem Bette hängen!