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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 179 - 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Der Moloch
Date
1910-03-01
Page
Seite 179 - 180 (sequence 1)
Language
German
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179 180 Das nachstehende dramatische Bruchstück bildet den ersten Akt des Dramas „Der Moloch'1, das kürzlich an der Neuen Wiener Bühne seiue Uraufführung erlebte und mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde. Der Autor des Stückes, Leo Birinski, ein sechsundzwanzigjähriger juDger Mann, hat mit dieser seiner ersten Premiere die Anwartschaft auf weitere Erfolge erwiesen. Der Dichter hat den traurigen Hintergrund seines Werkes der traurigen Wirklichkeit entnommen: im Schrecken der grossen Pogroms in Russland nahm er tätigen Anteil an dem Verzweiflungskampf gegen die organisierten Bedrücker. Nach der überaus erfolgreichen Premiere haben eine Reihe inländischer und ausländischer Bühnen das Stück erworben; es wird bald an einer ersten Berliner Bühne zur Aufführung gelangen und wurde inzwischen auch in einige fremde Sprachen übertragen. Die deutsche Buchausgabe erscheint demnächst im Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin, und der doppelte Anlass wird uns Gelegenheit geben, Person und Werk des Dichters eingehend zu betrachten. In einigen Wochen soll am Wiener Hofburgtheater die Erstaufführung seines nächsten Bühnenstückes, einer psychologischen Tragödie, stattfinden; man darf von der ungewöhnlichen Begabung des sympathischen juDgen Dichters auch hier Besonderes erwarten. Die Liebenswürdigkeit des Autors und Verlegers setzt uns in den StaQd, durch die erste Veröffentlichung dieses Bruchstückes unsere Leser mit dem Schaffen des Autors vertraut zu machen. Die Redaktion. DER MOLOCH. Trauerspiel in drei Aufzügen von Leo Birinski. Nachdruck verboten. Ramusow, Iwan Iwanowitsch. Nina Alexandrowna, seine Frau. Sascha (24 Jahre alt) l Fjodor (22. Jahre alt) } deren Söhne. Wasja (19 Jahre alt) J Bjelkin. Personen: Stefkin. Malinow. Lapuchin. Wrrbenko. Rabskij. Dr. Spielmann. Terroristen. Die Handlang spielt in einer russischen Gouvernementsstadt während der Revolution. Iwan. Nilita, Nina Alexandrownas Nichte. Ossip. Rolewitsch. Charbinskij, Kosakenhauptmann. Agrafena, im Hause Bamusows. I. Aufzug. Zimmer bei Bamusows. Bürgerliches Meublement. Die rechte Zimmerecke bildet eine kleine Nische. Drinnen ein Flügel. Links im Hintergrunde der Haupteingang, rechts daneben ein Fenster. An der linken Seitenwand führen zwei Türen in die "Wohnräume; eine tief im Hintergrunde in die Küche, die zweite, ganz vorne, in das Speise- und Schlafzimmer; zwischen beiden Türen ein Bücherschrank. In der Mitte der rechten Seitenwand eine Tür In Fjodors Zimmer. Im Vordergrunde — mehr nach recht3 — ein grosser Tisch mit Stühlen. An der Seitenwand rechts vorne ein Diwan. Dämmerstunde. Niuta sitzt am Klavier. Wasja vorne in einem Stuhl, die Ellenbogen auf die Lehne gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Die Bühne ist in Halbdunkel gehüllt. Aus dem Fenster im Hintergrunde dringt ein schmaler fahler Lichtschein. Es herrschteine schwermütige Dämmer" Stimmung. Während der Vorhang aufgeht, greift Niuta einige Mollakkorde hintereinander, lässt sie leise verklingen, setzt unwillkürlich mit der Einleitung zu Greve Sobolewskas „Mücken" ein und singt das schwermütige Lied intim, der weichen Zwielichtstimmung angepasst. Sie bleibt darauf einige Minaten am Klavier, steht auf, wie um sich aus der Stimmung herauszureissen und geht ans Fenster. Nachdem sie eine kleine Weile nachdenklich hinausgeschaut, tritt sie zu Wasja und betrachtet ihn traurig, wie er regungslos dasitzt. Niuta: Soll ich nicht Licht machen? Wasja: Bitte nicht! Niuta (tritt wieder ans Fenster): Wo nur Iwan SO lange bleiben mag? (Nähert sich Wasja.) Ich hätte das Lied nicht singen sollen. Wasja (schwermütig): Mag sein! (Kurze Pause, Niuta setzt sich »• ihm.) Ist es nicht seltsam, dass wir vor einem Liede Angst haben? Niuta: Angst!? Ein Lieblings worb von Ihnen. Sie gebrauchen es in letzter Zeit sehr oft. Wasja (mit einiger Unruhe): Ist es Ihnen aufgefallen? Glauben Sie, dass es auch die anderen bemerkt haben? Niuta: Na und? Das sind Redensarten, die sich für einige Zeit einnisten. Wasja: Haben es die anderen bemerkt? Niuta: Nein! Wasja: Glauben Sie, dass man mich für einen Feigling halten könnte? Niuta: Mir scheint, die „Mücken" sind Ihnen wirklich in den Kopf gestiegen! Wasja (lächelt schwermütig): Ist nicht unmöglich!--Sie werden mich auslachen, wenn ich Ihnen sage, ich fühlte, nein, ich sah das Lied im Zimmer, bevor Sie es noch zu singen begannen. Niuta: Sie haben gewiss an Sascha gedacht, und da ist Ihnen auch sein Lieblingslied eingefallen, das er in der Dämmerstunde gerne sang. Wasja (schüttelt wehmütig den Kopf): Ich habe jetzt nicht an Sascha gedacht — — haben Sie vielleicht an ihn gedacht? Niuta: An Sascha selbst wohl nicht, aber schliesslich hängen all die Dinge, die uns jetzt Sorge machen, mit ihm zusammen, und es ist ganz natürlich, dass dies alles in mir sein Lieblingslied ausgelöst hat. Bei Ihnen auch. Das ist doch sehr naheliegend. Wasja: . . . Sagen Sie, bitte, Niuta, war Ihnen stets alles so . . . ,,naheliegend*'? Hat es für Sie nie eine Zeit gegeben, wo . . . diese „naheliegenden" Gründe nicht . .. ausreichten . . . nicht ineinander passten? Niuta: Sie sind Saschas würdiger Bruder. Er hat auch bei jeder Frage vom „Ding an sich" angefangen 1 (Sie schweigen beide.) Niuta: Nein, Sie haben etwas auf dem Herzen, das heraus will! Wasja: Nein, nein, wirklich nicht! Es war eine rein akademische Frage. (Nach kurzer Pause.) Ich hätte gerne gewusst, ob Sie nooh nie vor einem Gedanken .. . nein, eigentlich vor den Konsequenzen eines Gedankenganges . .. Angst hatten? Niuta: Da sind wir ja schon wieder bei der Angst!

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