Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Jüdische Volkskunde
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 2)
- Language
- German
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Ü9 Dr. M;ix Eschelbaeher: Jüdische Volkskunde. 150 < >3( :ar habkrkk. am steriluj. Flötenspielerin. Aul' diu vielfach allzu düster und ärmlich angesehenen Lebensverhältnisse der Juden in der Vergangenheit fällt manch helles Licht. Rühmend sei hier ganz besonders ein Aufsatz des Landsberger Rabbiners Dr. Elsass hervorgehoben, der den „Haushalt eines Rabbiners im 18. Jahrhundert'', seines Amtsvorgängers Elias Lewin, schildert. Stück um Stück lässt er die Wohnung des Rabbi mit ihrem dürftigen, kargen Hausrat vor uns erstehen. Er schliesst das rührende Bild aus verkhmgencn Tagen mit den Worten Kohelets: „Sprich nicht: ach, was ist geworden! Die früheren Tage' waren hesser als diese! Wahrlich nicht mit Weisheit sprichst du so." Das mag sein, trotzdem aber verdient diese arme alte Zeit unsere Anerkennung. D.enn dort ist in Not und Enge die Kraft erwachsen, die erst den Aufschwung der Juden im 19. Jahrhundert ermöglichte. Aehnlichc Gedanken erwecken die Mitteilungen von K. rauss über eine spaniolische Heiratsausstattung aus dem 17. Jahrhundert oder die interessanten Verzeichnis*} der Büchereien alter jüdischer Gelehrter.; Auch die Sprachgeschichte kommt nicht zu kurz. Felix Falk, Privatdozent der deutschen Literatur an der Universität zu Genf, behandelt ein ganz merkwürdiges Literaturerzeugnis des 15. Jahrhunderts, d i e ß ü c h e r S a m u e I i s in Nihelungenstiophcn. Ein wenig bekanntes Gebiet unserer Geschichte tut sich da auf. Falk zeigt, wie die deutschen Juden des Mittelalters keine andere Sprache gebrauchten, als ihre christlichen Landsleute, und ebenso rein und korrekt, wie; diese. Er weist die wichtige Tatsache nach, dass auch im M i 11 e I a 11 e r die Juden am deutschen Geistesleben Anteil nahmen; aber sie bemühten sich, deutsche Literaturwerke und was sonst noch aus ihrer christlichen Umgebung zu ihnen drang, dem traditionellen heiligen Schrifttum einzuverleiben. Das bekunden auch die erwähnten Bücher Samuel in Nibelungenstrophen. Und diese Literatur wurde mit dem grössten Eifer studiert. Grünbaum glaubt sogar, dass die deutsche Literatur im Mittelalter in jüdischen Kreisen verhältnismässig mehr Leser gehabt habe, als in christlichen, weil nämlich jeder Jude hebräische Ruchstaben lesen konnte, aber nicht jeder Christ deutsche. Was Falk hier auf den Spuren seiner Vorgänger, vor allem von G r ü n b a u m und Steins c h n e i cl e r , Neues findet, ist für unsere ganze Anschauung von jüdischer Geschichte von hoher Wichtigkeit. Es zeigt, wie auch in den trübsten Zeiten des Mittelalters stets Kanäle waren, welche die Verbindung zwischen Juden und Nichtjudenoffen erhielten. Einen breiten Raum nehmen die Beiträge zur Volkskunde des modernen Judentums ein. So wird ausführlich berichtet von den k a u k a s i - s c h e n B e r g j u d e n und den J uden zu Tchcra n, Lieder aus der Slowakei werden mitgeteilt und, oft sehr treffende, jüdische Sprichwörter aus Russland und Polen, aus Ungarn und Posen. Interessante Men- OSCAR HABER ER. AMSTERDAM, junges Mädchen.