Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Jüdische Volkskunde
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 1)
- Language
- German
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147 rus JUEDISCHE VOLKSKUNDE. Von Bezirksrabbiner Dr. Max Eschelba cher-Bruchsal. , Die Geschichtsschreibung beginnt überall mit der Darstellung der Ereignisse, die in die Augen fallen, mit der Schilderung der Katastrophen, der Haupt- und Staatsaktionen. Erst später wendet sie sich der Geschichte des Alltagslebens zu. Die Taten der Könige haben ihre Sänger gefunden, als noch niemand an das Leben des niederen Volkes dachte. Aehnlich ist auch der Entwicklungsgang der Geschichtsschreibung des Judentums. Auch sie hat mit der politischen Geschichte begonnen, mit der Erzählung von Kämpfen und Vertreibunger», mit der Schilderung des Lebens grosser Männer. Allmählich erst ist sie dazu übergegangen, nach dem Tagewerk und nach dem Ergehen der breiten Volksmassen sich umzusehen. Auf diesem Sondergebiet der Kulturgeschichte liegt die Tätigkeit einer verdienstvollen Gesellschaft, der „Gesellschaft für jüdische Volkskunde"' in .Hamburg, tiegründet von dem damals Hamburger, jetzt Wiener R a b b i n e r Dr. M a x G r u n w a 1 d. Die Gesellschaft hat in.Hamburg ein Museum für jüdische Volksskunde errichtet und gibt als ihr Organ eine wertvolle Zeitschrift heraus, die „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde". Ganz ähnlich wirkt die „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler" in Frankfurt, die auf Veranlassung von Heinrich Frauberger, Direktor des Gewerbemuseumsjin Düsseldorf, begründet wurde. OSCAR HAHERER. AMSTERDAM. Segelboote. Nachdruck verboten. Die „Mitteilungen", deren zwölfter Jahrgang nunmehr vorliegt, haben ausserordentlich t interessanten Inhalt. Bedeutende Männer haben an ihnen mitgearbeitet. In erster Reihe muss der verstorbene Dresdener Sammler Albert W o 1 f genannt werden, der sehr wertvolle Arbeiten geliefert hat. So eine Abhandlung „Fahrende Leute bei den Juden", einen Bericht von fahrenden jüdischen Musikern, von den Marschaliks und den Klesmorim des Ostens und ähnlichen Erscheinungen. Wolf beginnt: „Die Vorsehung hat den .Juden ein glückliches Temperament verliehen. Trotz aller IBedrückungen und Verfolgungen brach bei ihnen die Lebensfreudigkeit immer wieder durch." Was er von diesen wandernden Musikanten berichtet, das bestätigt auf Schritt und Tritt die Wahrheit dieser Behauptung. .Voch grösseres Interesse bietet Wolfs ausgedehnte Untersuchung „Etwas über jüdische Kunst und ältere jüdische Künstler". ,.Mit dem Kleiss des Liebhabers sind hier Beobachtungen über jüdische Künstler aus 'früherer Zeit zusammengestellt; ganz besondei'S werden aus allen Zeiten und allen Ländern Nachrichten über Kunsthandwerker, Goldschmiede, Steinschneider nachgewiesen. "Ihre Lebensläufe sind häufig nicht nur kunstgeschichtlich, sondern auch rein menschlich hochinteressant. So wird z. IL ein Arin Moses Jzchak v. Grahebom genannt, ein Schwede, der als 12 jähriger Knabe, 1748, Jude geworden war, der Enkel eines Generals Grafen v. Stenbock: in Amsterdam wurde er ein berühmter Steinschneider und ein grosser Talmudist. Später machte ihm ein Brustleidcn die Ausübung der Steinschneidekunst, unmöglich, und so wurde er Rabbiner der Gemeinde' Adass Jcschurun in Amsterdam. Oder wir hören von einem Samuel Simon, einem Graveur in Paris. Er wird 1794 des Jakobinismus beschuldigt, aber wieder ausser Verfolgung gesetzt, da der Chef des Zentralbureaus der Druckereien und ebenso der Direktor der Posten vor der konstituierenden Versammlung aussagen, „dass er sein Amt als Graveur der Post, der-Fahrpost und des Schatzmeisteramts stets mit Eifer und Rechtschaffenheit ausgeübt", und da ihm auch die 29. Kompagnie der Yatorlandsfreundc, der er angehört, bezeug!., dass er stets seinen Dienst mit Pünktlichkeit erfüllt und immer den grössten Eifer bezeugt habe, der leidenden Menschheit beizustehen, auch immer auf das Wohl des VatcrJards bedachte Prinzipien an den Tag gelegt habe". Wir erfahren von einem Bericht des amerikanischen Beisenden Evans Gordon: „Es war seltsam zu sehen, wie das Dach einer christlichen Kirche durch jüdische Arbeiter gedeckt wurde, die bei ihrer Arbeit eine jüdische Hymne sangen." Von solch ausgebreiteter künstlerischer Betätigung legen auch die alten jüdischen Bücher Zeugnis ab, vor allem die llaggadas, von denen Paul Ringer berichtet. Sie sind mit herrlichen Miniaturen geschmückt, mit Bildern, die den besten christlichen Buchillustrationen des Mittelalters an die Seile sich.stellen lassen. Von den römischen Juden berichtet Vasari, „dass sie allsabbatlich in Scharen, wie die Stare, Männer und Frauen, zu Michelangelos Mosesstatue wallfahrten". Nach Wolfs Untersuchungen herrschte solcher Kunstsinn auch an anderen Orten, und der angebliche llass der Synagoge gegen alle Kunst erscheint als eine leere Behauptung.