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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 151 - 152

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Jüdische Volkskunde
Date
1910-03-01
Page
Seite 151 - 152 (sequence 3)
Language
German
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151 Dr. Max Eschelbacher: Jüdische Volkskunde. 152 sehen, die sonst vergessen wären, treten uns vor Augen, so Alexander David, der Gründer der jüdischen Gemeinde zu Braunschweig, so Wölwele Zbarawer, der fahrende Sänger des galizisch-jüdischen Humanismus. Die Sitten der russischen Juden stellt ganz besonders Dr. Weissenberg dar, ein russischer Arzt. So sind die Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde eine wahre Fundgrube für die Erkenntnis des Judentums, und die ausgezeichnete Gesellschaft, die sie herausgibt, verdient in hohem Masse die Unterstützung von allen, denen das Judentum am Herzen liegt.*) Denn ihre Arbeit trägt dazu bei, einen neuen lebendigen Begriff vom Judentum der Gegenwart wie der Vergangenheit uns zu geben, und sie verleiht unserer Kenntnis von jüdischer Geschichte das, was sie erst recht anziehend macht, Farbe, Leben und Frische. *) Wir schließen hieran die Anzeige, daß der Jahresbeitrag für diese (Gesellschaft, der zugleich den Abonnementspreis für die „Mitteilungen" enthält, jährlich 4 M. beträgt. Bestellungen nehmen sowohl der Vorsitzende der Gesellschaft, Herr Dr. L>aul Rieger in Haml <urg, Rutschbahn 34, wie der Verlag, M. W. Kaufmann in Leipzig an. LUDWIG AUGUST FRANKL. (Zu seinem 100. Geburtstag.) Von Max Schacherl. Der Freiheitskämpfer des vormärzlichen Österreich, der patriotische Dichter und Deutschösterrreicher, wurde am 14. März 1894 in Wien zu Grabe getragen. Gerade in den Tagen des Märzmonats — genau achtundvierzig Jahre auf den Tag, da mit Metternichs Sturz die neue Aera begann — bewegte sich der imposante Kondukt die Ringstrasse hinunter, der letzten Ruhestätte zu. Seltsam, wie sich Ereignisse begegnen: in Ludwig August Frankl, Ritter von Hochwart, begrub der österreichische Liberalismus seinen selbstlosesten, gediegensten Parteigänger; verlor ihn zu einer Zeit, da sich in Cisleithanien vernehmlich schon jene gefährliche Politik zu regen begann, vor deren Rücksichtslosigkeit der niemals festgefügte Liberalismus fünf Jahre später die vernichtenden Schläge erhalten sollte. Lueger und sein Heerbann traten von der Wiener Peripherie aus den Siegeszug durch das Reich an; sechzehn Jahre dauert dieser Siegeszug und dauert fort. Was half alles liberale Ethos, was auch das demokratische Pathos? Das Volk war mit ihnen! So lesen wir's in der Geschichte Neuösterreichs. Mit ihnen war dasselbe Volk, für das 1848 ein jüdischer Student als Erster auf den Barrikaden starb; für das ein Ignatz Kuranda ins Exil ging, ein L. A. Frankl und mit ihm viele seines Glaubens Kampf und Leid ertrugen. Das waren die Männer, die als Führende mithalfen, das System: Gleiches Unrecht für alle! zu ersetzen durch das neue: Gleiches Recht für alle! ... Sie sahen im Völkerfrühling die schönen Blüten spriessen, die heute längst verwelkt, verdorrt sind. Der Liberale war bald ein trüber Gast auf österreichischer Erden. Dieses Traurige sah Frankl nur in seinen Anfängen; ihm blieb das Leid erspart, den Traum und Glauben seines Lebens durch die Strassen der Wiener Vorstadt geschleift zu sehen. . .. Man wird sich dieser Zusammenhänge erinnern müssen an dem Datum, da Ludwig August Frankls hundertster Geburtstag ist. Die Zeit ist hinweggegangen über diese Ereignisse, aber ihre Wirkungen sind geblieben und haben sich eingegraben in das österreichische Antlitz. Wir haben eine bewegte Zeit gelebt, und manches ist unserem Empfinden fremder geworden. Da wird dieser Gedenktag zum Anlass, die Spuren des Entstandenen nochmals zu verfolgen; Nachdruck verboten. den Menschen und Dichter L. A. Frankl aus seiner Zeit heraus zu erklären. Aus dem Fühlen seiner Epoche, mit dem er innig verwoben war. „Meinen Namen nennt ein Jahrhundert dem andern nicht." Das sind des Dichters Frankl eigene Worte, und es ist ihnen nichts hinzuzufügen, sofern sie den poetischen Gehalt seines Wirkens erklären wollen. Was seine Werke dennoch kostbar macht, das ist die Liebe, die aus ihnen spricht: die Liebe zur Freiheit, die Liebe zum Vaterland, zum Volk. Sein Dichterruhm wurde viel bestritten — überflüssigerweise. Wenn er innerhalb der geographischen Landesgrenzen dennoch als schöpferischer Geist angesprochen wurde, so ist dies aus der Zeit seines Wirkens leicht erklärlich. Es kann Frankls Ruhm nicht herabsetzen, dass in den Tagen des Vormärz der Dichterruhm recht billig war. Oft genügte ein Gedicht, das viel von Freiheit und wenig von Poesie enthielt; wie heute ein verbotenes Theaterstück, so machte damals ein verbotenes Gedicht guten Erfolg. Der freche Spötter Saphir hat manches Vormärzdichters Ruhm aus der Dummheit einer löblichen Zensurbehörde zu erklären versucht. Und wir wissen aus Frankls eigenen Aufzeichnungen, dass er sich als Dichter gering einschätzte. Doch gibt es Zeiten, die für die bestimmte Art des Könnens günstig sind; so war es mit Frankl und den vormärzlichen Tagen. Seine historischen Balladen („Habsburglied" 1832) mussten grossen Anklang finden; wurden doppelt beachtet, weil ihr Autor noch ein blutjunger Student war. Die „Episch-lyrischen Dichtungen", die zwei Jahre später kamen, sind ungleich wertvoller, weil sich hier schon romantische Anklänge finden, wie sie in „Ahnenbilder" und „Der Primator" eigene Lyrik bilden. Mit kritischem Maßstab gemessen, ist aber „Christoforo Colombos" sein ansprechendstes Werk, ein Gedicht voll zarter Stimmungen und sanft dahinfliessender Sprache. Es ist heute so gut wie vergessen; auch die satyrischen Schriften wie „Hypokrates und die Cholera", oder seine Dichtungen „Tragische Könige", „Lyrische Dichtungen" (1880) verfielen bald der Vergessenheit. In der österreichischen Literaturgeschichte aber hat L. A. Frankl seinen unbestrittenen Platz. Die patriotischen Gesänge ragen

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