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Ost und West · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. Seite 107 - 108

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Article
Hermann Burchardt
Date
1910-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 2)
Language
German
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107 Hermann Burchardt. 108 sieht, denn der Imam verlangt, dass das religiöse Gesetz das allein gültige sein solle, und da die Türkei als zivilisierter Staat das nicht zugeben kann — man hackt z. B. den Dieben die Hände ab und steinigt ungetreue Frauen zu Tode etc. — so wird es wohl zu keiner Einigung kommen. Ob das Land wohl jemals zur Ruhe kommen wird, ist eine Trage, die ich verneinen möchte. Die Yemeniten sind unruhige Geister und haben vor der türkischen Herrschaft immer untereinander Krieg geführt. Mein Fakih (arabischer Professor) blieb neulich fort und wollte nicht mehr kommen. Drei Ginns (böse Geister) wären in der Nacht zu ihm gekommen und hätten ihn geschlagen, weil er einem Ungläubigen Unterricht gebe. Da die bösen Geister ihm aber nicht täglich einen halben Talleri geben, ist er am Ende doch wiedergekommen. Jetzt sind hier die jüdischen Feiertage, die ganze zehn Tage dauern; während dieser Zeit wird nicht gearbeitet: jüdische Dienstboten bleiben während dieser zehn Tage im Judenviertel. Trotz ihrer Frömmigkeit trinken die Juden während der Festtage eine gute Portion Arrac, und viele betrinken sich sogar. Die Herrschaft muss den Dienstboten für die Feiertage neue Kleider geben, und auch ich habe meine Wirtschafterin neu eingekleidet und für die Armen wie gewöhnlich 25 Talleri gegeben. Dieses neue-Kleider-geben muss man auch am Kurban Beiram für die mohammedanischen Diener tun. Auch hier kann man etwas von besseren Zeiten spüren. Beamte und Militärs erhalten ihre Gehälter regelmässig und den Soldaten gibt man jetzt Weizenbrot anstatt des früheren Brotes aus Mais. Der frühere Pascha hatte auch befohlen, dass jüdische Knaben in die Militärschule hier aufgenommen würden. Wie geht es den Kindern? Sind die Jungs versetzt oder sitzen gebheben: Lasse sie nur ordentlich turnen und hanteln und viel ausgehen. Die Hauptsache ist doch Kraft und Gesundheit, die paar Vokabeln lernt man immer. Sanaa, den 3. Mai 09. Hier ist alles beim alten. Vor 5 Tagen traf hier die Depesche von dem Regierungswechsel in Stambul ein. Es fand noch am hellen Mittag die Verlesung und grosser Selamlik statt; ich photographierte die Geschichte von dem. Dache der türkischen Schule aus. Die Araber hier im Yemen stehen allen diesen Ereignissen teilnahmslos gegenüber. — Soeben las ich Reuter-Telegramme bis zum 24. April. —. In Adana, Tarsus, Mersina, Alexandrette, Charput überall kleine Massakres. Hier gibt es wenigstens noch keinen fanatischen Pöbel, wie in den halbzivilisierten Teilen Klein- Asiens und der europäischen Türkei, und wir zwei Europäer hier haben nichts zu besorgen. — Ich habe jetzt mein Haus wieder bezogen, und bin vollständig eingerichtet mit meinem alten Dienstpersonal. — Bittschreiben richtet man auch hier an mich, und da ist es immer die Frau, die wilidet, d. h. ein Kind bekommen hat; anbei eine solche Bittschrift. Was für Pläne hast Du für diesen Sommer? Hier geht, wer es kann, nach dem zirka 4 Stunden entfernten Wadi Dahr, wo viel Obst ist, setzt sich in einem Garten fest und isst Aprikosen, Trauben usw. Eine Familie kann schon mit 20 bis 40 Mark die Saison über auskommen. Sanaa, den 17. Mai 09. In Hodeida gab es kleine Unruhen seitens unzufriedener Reservisten. Die Sache hatte keinen politischen Beigeschmack. Die Regierung hatte aber vor jedem europäischen Hause Soldaten als Wache aufgestellt. Hier in Sanaa ist alles ruhig, die Leute denken noch nicht an Politik. — Gataba, den 25. Novbr. 09. Seit dem Neunten befinde ich mich auf der Reise, t Bisher lief alles gut ab. Die letzten 4 Tage ging es durch für mich unbekanntes Gebiet, auch meine Karten bringen von der Gegend nichts. Von Reda' im Osten ging es über Dornt in 4 Tagen nach hier, höchst interessant sind die sogenannten heissen Bäder von Dornt. Es ist ein riesiger Krater, dem kaltes Wasser entströmt, unten an seinem Fusse am Ufer eines kleinen Baches kommt heisses Wasser verschiedener Art aus dem Boden. ■ Ich photographierte den grossen Krater vom Gipfel eines kleinen, es gibt mehrere solcher Krater, ganz nahe beieinander liegend. Die Bevölkerung der Gegend sind halbe Wilde und sehr arm, alle mit Speer und Grasgewehr. Hier in Gataba (ZolDiaus an der Grenze des Adener Gebiets) habe relativ gutes Quartier, kann vielleicht sogar waschen lassen; mache hier einen Ruhetag und gehe dann nach T a i z (3 Tage), die zweite Stadt im Yemen. Wege des letzten Tags fürchterlich, aber die Tiere gehen trotzdem überall sicher. — Der bisher höchste überschrittene Punkt lag 2700 Meter hoch, aber in dieser Höhe gab es noch Weizen und Durra und Senffelder. Die Gegenden sind ganz schön, nur ist das Wasser überall rar; fliessendes Wasser ist eine Seltenheit. * * * Taiz, den 1. Dezbr. 09. Deine beiden Briefe sowie ein Bund Zeitungen erhielt ich hier in Taiz, woselbst ich mich seit 3 Tagen befinde. Ich habe hier einen längeren Aufenthalt genommen, da ich Menschen und Tiere etwas ausruhen lassen wollte, auch hier ein ganz bequemes Haus (unmöbliert) erhalten habe. Meine Reise war bisher sehr interessant und ohne Zwischenfall oder böse Abenteuer. Ueherall soll es nicht sicher sein, aber am Ende sind die Leute keine Menschenfresser und tun einem nichts. — In kleinen Dörfern kamen zuweilen die Leute und klagten über Steuerdruck und ich musste versprechen, in Stambul zu berichten, dass sie alle Fukarä (Arme) sind. — Die Leute sind sehr, sehr arm, essen jahraus jahrein meist nur Durrabrot und ihre Kleidung ist nicht 10 Pfennig wert. Was ist denn auf dem Judentag beschlossen worden? — Hier in dem entlegensten Teile der Türkei kennt man keinen Antisemitismus. Der yemenitische Jude ist gut ottomanisch gesinnt, da die Türkei tolerant ist. Ich fürchte, dass durch die Judentage nichts erreicht wird. Vorurteile lassen sich nicht fortbefehlen, aber die Zeit beseitigt sie von selbst. Natürlich bin auch ich der Meinung, dass man zeigen muss, dass man sich zurückgesetzt fühlt und man die Zurücksetzung nicht etwa als etwas Selbstverständliches hinnimmt. — Uebermorgen will ich nach Mokka abreisen, d. h. falls nichts dazwischen kommt, da der Weg nicht ganz geheuer sein soll, aber es sind eine ganze Anzahl Soldaten auf der Strasse verteilt. Vor 10 Jahren war ich in Taiz und konnte nicht nach Mokka gehen. Vor 3 Wochen werde ich kaum wieder in Sanaa sein können, vielleicht erst im Jahre 1910. — Hier in einer Höhe von 1300 Meter ist es schon recht warm, nachts aber kalt; in Mokka wird es recht heiss sein. * * Postkarte. Mokka, den 8. Dezbr. 09. Diese Karte erhältst Du aus dem gottverlassensten Neste Asiens. Es übertrifft alle meine Erwartungen, was Zerstörtsein anbetrifft. Es sieht aus wie eine durch Erdbeben gänzlich zerstörte Stadt. Der Weg von Taiz nach hier, 3 Tage, war oder sollte unsicher sein. Es waren wohl die gewöhnlichen Unruhen beim Steuereintreiben, bei denen es auf beiden Seiten einige Tote gegeben. Hier wohne im italienischen Konsulat, und der Konsul reist mit zurück nach Sanaa. Photos von hier werden sehr interessant sein. Die letzte Etappe in der Ebene" fürchterlich heiss, schlechtes Wasser, Chinin gebe allen meinen Leuten (11 an der Zahl, inkl. 8 Zaptijeh). Werde froh sein, sobald wieder das Hochplateau des glücklichen Arabien erreiche. * * * Die letzte Mitteilung. Mokka, den 8. Dezbr. 09. Ich schrieb Dir zwar heute eine Postkarte, da aber die türkische Post von hier über Taiz und Sanaa nach Hodeida

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