Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Hermann Burchardt
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 3)
- Language
- German
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109 Hermann Burcbardt. 110 geht und oft 2 Monate bis Europa brauchen soll, nehme ich die Gelegenheit eines nach Asab abgehenden Sanbuks wahr und sende Dir einige Zeilen. Auf dem Wege von Talz nach hier hatte keine unangenehmen Abenteuer, obwohl der Weg gerade marsus, d. h. unsicher sein sollte. Es war die gewöhnliche Geschichte. Die Türken trieben Steuern ein, wohl nicht gerade mit allzugrosser Humanität. Die Araber widersetzten sich, es gab einige Tote auf beiden Seiten. Militär hält jetzt die bösesten Strecken besetzt. In Barche, etwa die Mitte des Weges, Avurde am Abend das Dorf verbrannt, kein allzugrosser Verlust für die Araber, da sie nur höchst primitive Hütten besitzen und mit ihrem Vieh und Habseligkeiten geflüchtet waren. Hier in Mokka wohne im italienischen Konsulat. — Mokka hat keinen Handel mehr, höchstens 1 San buk kommt hier im Monat an. Die Stadt sieht aus, als ob sie ein Erdbeben verwüstet hätte, nur zirka 3—4 Häuser sind noch einigermassen bewohnbar, aber die grossen noch gut erhaltenen Moscheen zeugen von dem früheren Glänze und Reichtum, denn Mokka war der grösste und reichste Platz am Roten Meere. Morgen reite ich wieder nach Talz zurück und der italienische Konsul reist mit mir bis Sanaa. Das Klima hier ist nicht schlecht, jetzt ganz erträglich, soll aber im Sommer eine Hölle sein. Wer hier als Europäer leben will, muss sich Gemüse und alles zum Leben Notwendige von Aden oder Asab oder Massaua kommen lassen, sogar das destillierte Wasser. Da ist man in Sanaa besser daran, dort herrscht immer eine erträgliche Temperatur, es gibt Obst und Gemüse im Ueberfluss, ganz gute Häuser und billige Miete. — Die Hinreise nach Mokka an der Küste hat Burchardt hiernach glücklich beendet. Er war am 9. November von Sanaa aufgebrochen; am 9. Dezember trat er, wie er am 8. Dezember ankündigt, von Mokka, wo sich ihm der italienische Vizekonsul Marquis Benzoni anschloss, den Rückmarsch ins Innere an. Am Morgen des 19. Dezember hat ihn und seinen Reisegefährten in der Nähe von Ibb, nur 3—4 Tagereisen von Sanaa, das Unglück ereilt. Sie fielen durch die Kugeln von Beduinen. Ihre kleine Eskorte von Gendarmen, von denen einzelne, wie es heisst, verwundet sind, konnte sie nicht schützen. Die Einzelheiten sind noch nicht sicher bekannt. Amsterdamer Judenviertel (Alte in der Haustür). (Zum Artikel „Im Lande Spinozas"). In Sanaa und der Hafenstadt Hodeida erregte die Nachricht allgemeine Trauer unter der europäischen Kolonie. Die Konsulate flaggten halbmast. Die Weihnachtsfeiern wurden abgesagt. Der italienische Kaufmann Caprotti in Sanaa, ein Freund Burchardts seit seinem ersten Besuch in Yemen, schliesst seine briefliche Mitteilung vom 23. Dezember 1ÖÖ9 aus Hodeida an die Angehörigen Burchardts mit den Worten (franz.): „Unser armer, unglücklicher Freund war von allen, die ihn kannten, aufrichtig geliebt. Die Armen von Sanaa beweinen gewiss seinen tragischen Tod. Gott wird seiner Herzensgüte und Mildtätigkeit gedenken. Ich weiss wohl, was er getan, um die Armen, zu trösten."