Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Zwei jüdische Kongresse
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 75 - 76 (sequence 4)
- Language
- German
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75 Dr. Simon Bernfeld: Zwei jüdische Kongresse. 76 wieder aufgehoben werden, und Achad-Haam, der zuerst für meinen Antrag gesprochen und seine Annahme durchgesetzt hatte, musste jetzt dagegen sprechen und dringend die Aufhebung des früheren Beschlusses empfehlen. Die Notlage der hebräischen Literatur ist eine Tragödie; den Herren vom Kongress ist es gelungen, daraus eine Komödie' zu machen. Ich könnte noch schadenfroh mitteilen, dass die jüdische Presse,' auch die hebräische in Russland, soweit sie existiert, diese Vorgänge entweder totgeschwiegen oder kühl oder gar tadelnd behandelt hat. Es wäre aber dies die Schadenfreude jenes Mannes, der sich darüber freute, dass sein Haus niederbrannte und das lästige Ungeziefer mitverbrannte. Ich fürchte sehr, dass dieser verkrachte Kongress der letzte Pfennig aus der Sparbüchse unserer nationalen Kultur war. * * * Der IX. Zionistenkongress, der erste, der in einer deutschen Stadt tagte, verdient unter allen Umständen ernst genommen zu werden, auch wenn man sich nicht zum Zionismus bekennt. Selbst ein erbitterter Kampf mit all seinen Begleiterscheinungen macht auf den Zuschauer einen grossartigen Eindruck, wenn er sich nicht in irgendeinem Gässchen vor vier Dutzend zumeist minderjährigen jungen Leuten abspielt. Auf dem IX. Zionistenkongress ging es dieses Mal sehr heiss zu; es war ein heftiger Streit um Personen und Prinzipien. Die osteuropäischen Zionisten zeigten sich unzufrieden mit der Organisationsleitung, die in den Händen David Wolffsohns liegt, und mit dem Prinzip, nach dem der Zionismus seit dem VII. Kongress geleitet wird. Der Opposition hat es sehr geschadet, dass sie die Person von der Sache nicht zu trennen verstand und eine nur zu missbilligende Taktik anwandte. Wolffsohn soll ein Gegner der praktischen Arbeit in Palästina sein und demgemäss die Geschäfte der Organisation besorgen. Um ihn von der Zentralleitung zu beseitigen, begnügten sich seine Gegner nicht mit der Hervorhebung dieser Tatsache, die allerdings erst hätte bewiesen werden müssen, vielmehr verunglimpften sie ihn persönlich und behandelten ihn so, als ob er der dümmste und schlechteste Mensch wäre. Das ging schon seit Jahren so in der ihm feindlich gesinnten zionistischen Presse. Nun ist aber Wolffsohn eine persönlich sehr liebenswürdige und gutmütige Natur, und unfähig ist er ganz und gar nicht, wenigstens hat er sich auf dem Kongress seinen Gegnern gegenüber als der Stärkere und Tüchtigere gezeigt. Er hat einen glänzenden Sieg über.sie davongetragen. Ich weiss nicht, ob er ihn verdient hat; aber das weiss ich, dass die Niederlage; der Opposition wohlverdient war. Mit solchen Mitteln kämpft man nicht innerhalb einer Partei. o.'ch spreche dies sehr ungern aus, weil ich in jenem Lagermanche liebe Freunde habe, von denen ich es bedauere, dass sie sich an diesem Kampf, öder richtiger, an dieser Kampf es weise beteiligt haben. Erörtern wir aber lieber die sachlichen Streitpunkte. Der wichtigste ist die Frage der praktischen Arbeit in Palästina. Für diese Arbeit bin ich zu' einer Zeit eingetreten, als viele Herren von der Opposition „grosse Politik" machten und die „Kleinarbeit" in Palästina mit unsäglicher Verachtung behandelten. Aber niemand ist jetzt unter den Zionisten Gegner dieses Prinzips; es handelt sich jetzt nur mehr um die Art seiner Verwirklichung. Und da muss ich sagen, dass Wolffsohn und mit ihm die Verwaltung der jüdischen Kolonialbank durchaus recht haben, wenn sie diese Bank nicht zu einer Art Armenfonds machen wollen. Meinen Standpunkt kann ich in wenigen Sätzen formulieren: Die zionistische Organisation hat das Ansiedlungswerk in Palästina nicht unmittelbar zu besorgen, dazu reichen ihre Mittel gar nicht. Ihre Aufgabe ist es, die Leute anzuregen, durch eigene Initiative sich in Palästina niederzulassen, auf eigene Kosten, auf eigene Gefahr und auf eigene Verantwortung. Auf andere Weise, nämlich durch Gewährung von Unterstützung, züchtet man bloss eine moderne Chaluka-Schnorrerei, die sich von der älteren nur dadurch unterscheidet, dass jetzt die Leute anspruchsvoller geworden sind und mehr Unterstützung verlangen. Die zionistische Organisation hat sich aber intensiv mit der Vorbereitung der Ansiedlungsarbeit zu befassen, wenn möglich Konzessionen zu erlangen, den rechtlichen Boden zu schaffen, gute Informationen zu erlangen und weiterzugeben; solchen Leuten, die mit eigenen Mitteln nach Palästina gehen wollen, mit gutem Rat beizustehen. Ausserdem - ist es die Aufgabe der zionistischen Leitung, den Kulturaufgaben in Palästina gerecht zu werden, nationale Schulen und Bibliotheken zu unterhalten, überhaupt den Kulturzustand zu verbessern. Das kann sie nicht mit den kärglichen Mitteln der Bank herbeiführen,, denn diese wären bald erschöpft; das muss sie durch Anregung in der zionistischen Partei fördern. Die jüdische Kolonialbank, um deren Besitz sich eigentlich der Streit dreht, soll in Palästina Handel und Gewerbe fördern. Aber sie muss sehr vorsichtig vorgehen, denn in Palästina entstehen leicht industrielle und gewerbliche Unternehmungen bloss in der Hoffnung auf die Unterstützung durch die Bank. Damit fördert man aber nicht die jüdische Ansiedlung in Palästina, sondern gefährdet sie geradezu, denn man bringt das Ganze in Misskredit. In den letzten Jahren ist eine Unzahl von industriellen Unternehmungen für Palästina entstanden, alle in der jetzt so beliebten Form der G. m. b. H. Wenn wir bereits in Jerusalem eine Börse hätten, könnten wir mit den Aktien dieser Gesellschaften einen ansehnlichen Kurszettel ausfüllen. Ich habe nichts dagegen wenn Privatleute diese Gründungen aus eigenen Mitteln ins Leben rufen oder die Mittel dafür unter ihren Bekannten aufbringen. Aber damit darf man nicht an die Verwaltung der Bank herantreten, denn sonst könnten wir recht bald den „Kladderadatsch" erleben. Zwischen der jetzigen Mehrheit und der Minderheit der Zionisten herrscht also kein prinzipieller Meinungsstreit; es ist nur ein Unterschied in der Auffassung des Arbeitsprogramms bezüglich des Tempos. Solche Fragen können aber nicht in einer Versammlung erledigt werden, in der die meisten Mit-