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Ost und West · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. Seite 77 - 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Article
Zwei jüdische Kongresse
Date
1910-02-01
Page
Seite 77 - 78 (sequence 5)
Language
German
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77 Dr. Simon Bernfeld: Zwei jüdische Kongresse. 78 glieder die Verhältnisse gar nicht kennen. In der Tat wird die Sache so gemacht, dass zum Kongress Leute herbeigetrommelt werden, die ohne Sachkenntnis über alle strittigen Punkte nach der einen oder der anderen Richtung zu entscheiden haben. Nicht die Stichhaltigkeit der Argumente gibt den Ausschlag, sondern die agitatorische Kraft. Ich bin daher fest überzeugt, dass eine Gesundung der zionistischen Bewegung, deren Gedeihen ich sehr wünsche, nur durch eine gründliche Reform der Organisation möglich ist. Der Kongress selbst hat nur eine agitatorische Bedeutung; ich meine dieses im bessern Sinne des Wortes. Er war in der ersten Zeit, wo der Zionismus nur Agitation war, an seinem Platze. Jetzt aber, wo wirklich wichtige Fragen durch ihn entschieden werden sollen, versagt er ganz. Von zwei zu zwei Jahren kommen mit der kleinen Ausnahme der wenigen Kongressstammgäste neue Delegierte zusammen, die oft gar nicht wissen, um was gestritten wird. Die Organisation muss so umgewandelt werden, dass in ihr Stetigkeit und Kontinuität herrschen. Dann wird sie wirklich eine Organisation sein und nicht ein vom Zufall zusammengewürfelter Menschenhaufen. Die Frage, ob Cöln oder Berlin oder irgendein anderer Ort der geeignete Platz für den Sitz der Zentrale sei, halte ich, obwohl darüber in Hamburg so erregt gekämpft wurde, für unbedeutend. An die „diplomatischen" Beziehungen glaubt jetzt kein Mensch mehr. Was sich erreichen lässt, kann ebensogut von Cöln wie von Berlin aus erreicht werden. Der Ruf nach einer „grossen Idee" im Zionismus ist eine Phrase; eine grosse Idee wartet nicht, bis sie gerufen wird. Und wenn die Herren von der Opposition eine solche haben, mögen sie damit kommen; dazu bedürfen sie nicht der Zustimmung der Organisationsleitung. Jetzt muss die Geschäftsleitung eine korrekte und zweckmässige sein, und nur von diesem Gesichtspunkt aus kann auch die Personenfrage behandelt werden. Die nächste Aufgabe des Zionismus aber ist, den Schaden zu reparieren, den die unerquicklichen Szenen in Hamburg der Bewegung gebracht haben. Allerdings war es durchaus falsch, dem Zionismus deshalb ein nahes Ende zu prophezeien. Abgesehen davon, dass man dies gar nicht wünschen soll, glaube ich, dass eine Volksbewegung auch solche Krisen überwinden kann. Bis zum X. Kongress ist ein Provisorium geschaffen, das etwa iy2 Jahre dauern wird. Bis dahin müssen die Leute lernen, ruhiger und sachlicher zu disputieren. Das Unwetter, von dem der Hamburger Kongress heimgesucht worden ist, kann dann reinigend gewirkt haben. Amsterdamer Judenvierte^ (Toilette). (Zum Artikel „Im Lande Spinozas").

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