Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Zwei jüdische Kongresse
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 73 - 74 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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73 Dr. Simon Bernfeld: Zwei jüdische Kongresse. 74 pischen Gesichtspunkt ausgegangen wäre, was wäre das denn so Schlimmes? Die jüd'.sche Mildtätigkeit hat sich immer gezeigt, wo Not vorhanden ist; warum sollen nicht geistige Arbeiter von ihr ebenso bedacht werden, wie andere erwerbslos gewordene Menschen? Vielleicht ist die jetzige Krisis verübergehend — in solchen Dingen kann man nie genau voraussagen — und es würde sich, nur darum handeln, der hebräischen Literatur über die schlimme Zeit hinwegzuhelfen. Mit solchen einfachen Dingen wollten sich dort die Herren nicht abgeben. Es musste durchaus ein hebräischer Kulturkongress sein, zu dessen Einberufung man sich die Zustimmung berühmter und unberühmter jüdischer Männer geholt hat. Die klangvollen Namen unter dem Aufruf wirkten in Russland zündend. Neue messianische Hoffnungen wurden geweckt; Monate hindurch lebte man in grosser Spannung, in Erwartung der Ereignisse, die da kommen würden. Bezeichnend aber für den Wert, die manche Leute ihrer eigenen Unterschrift beilegen, ist die Tatsache, dass auch nicht einer von den berühmten Männern, die den Aufruf unterzeichnet hatten, zum Kongress gekommen ist; auch nicht einer von ihnen hat es für wert gehalten, die Versammlung durch ein Telegramm oder auch nur eine Postkarte zu begrüssen. Sie haben von der Sache, für die sie mit ihrem Namen eingetreten sind, gar keine Notiz genommen. Und das Ergebnis der langen Tagung mit Nachtsitzungen, Vorberatungen und Geheimberatungen und Permanenz-Ausschusspolitik? Ich möchte am liebsten die Sache von der humoristischen Seite behandeln, wenn sie für mich nicht so sehr traurig wäre. Phrasen wurden da in unheimlichen Quantitäten konsumiert. Die Leute wollten durchaus ihren Kongress haben, da sie auf den zionistischen Kongressen nicht zur Geltung kommen können. Ein Bravourstückchen aber muss der Oeffentlichkeit mitgeteilt werden. Es wurde beschlossen, eine Organisation zu gründen, die der zionistischen wie ein Ei dem andern deichen Amsterdamer Judenviertel fFischverkäufer). (Zum Artikel „Im Lande Spinozas"). solle. Wer aber ist berechtigt, Mitglied dieser Organisation zu sein? Nur Leute, die Hebräisch verstehen. Die Sache kam mir so lächerlich vor, weil an der Spitze dieses Kongresses junge Männer standen, die selbst kein Wort Hebräisch verstehen. Ausserdem, wer sollte einen jeden, der sich zur Mitgliedschaft meldet, einer Prüfung im Hebräischen unterziehen? Aber der Beschluss wurde doch gefasst. Nun stellte ich den folgerichtigen Antrag, dass auch die künftigen Kongresshäuptlinge Hebräisch verstehen müssten. Auch dieser Antrag wurde angenommen. Jetzt kam die Farce. Der Kongress wurde auf drei Stunden vertagt, und hinter den Kulissen wurde Politik gemacht. Der Beschluss musste