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Ost und West · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. Seite 71 - 72

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Article
Zwei jüdische Kongresse
Date
1910-02-01
Page
Seite 71 - 72 (sequence 2)
Language
German
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71 Dr. Simon Bernfeld: Zwei jüdische Kongresse. 72 entstanden." Man braucht nicht mit allem einverstanden zu sein, was solche Gesellschaften leisten, aber im allgemeinen fördern sie doch unser geistiges Leben und bringen Nutzen. Jedenfalls hätte der Versuch gemacht werden können, ein solches Institut zur Förderung der hebräischen Literatur zu begründen, und ich glaube sogar, dass eine dahingehende Anregung in weiten Kreisen des jüdischen Volkes gute Aufnahme gefunden hätte. Selbst im westlichen Europa, wo die Kenntnis der hebräischen Sprache weniger vorhanden ist, würden sich doch manche wohlhabende Glaubensgenossen an diesem Werk beteiligt haben. Hilft auch dieses nicht, so tut man wirklich am besten, eine Sache, die nicht lebensfähig ist, ruhig untergehen Amsterdamer Judenviertel (Gemüseputzer). (Zum. Artikel „Im lande Spinozas"). zu lassen. Wenigstens würde man dadurch verhüten, dass sich junge begabte Männer einer Literatur widmen, die nicht mehr daseinsfähig ist; manche bittere Enttäuschung würde dadurch erspart bleiben. Aber es gibt Leute, die sich gern an einer Parade beteiligen, und wenn es auch nur eine Leichenparade ist. Eine Gesellschaft zur Förderung der hebräischen Literatur kann eigentlich jedermann gründen, und an der Spitze einer solchen Gesellschaft zu stehen, ist keine besondere Auszeichnung. Vielmehr ist schon ein pompöser Kongress mit Präsidenten und Vizepräsidenten, mit Schriftführern und mit einem „Permanenzausschuss" und mit grosser Politik. Ein solcher hebräischer Kulturkongress musste daher durchaus einberufen werden. Ich schäme mich wirklich, die Banalität hier auszusprechen, dass ich gar nicht weiss, wie ein Kongress Kultur schaffen kann, sei es eine hebräische oder deutsche oder auch japanische. Kultur ist nur die Summe des geistigen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens eines Volkes. Wenn man die Literatur fördert, die wirtschaftlichen Verhältnisse verbessert, das politische und soziale Niveau eines Volkes hebt, erhöht man damit seinen Kulturgrad. Nun ist es selbstverständlich, dass eine Versammlung von etwa fünfzig Juden und Jüdinnen in der Sophienstrasse in Berlin nicht imstande ist, die wirtschaftliche Notlage der Juden zu beseitigen oder auf deren politisches oder soziales Leben einzuwirken. In der Versammlung befanden sich kaum zehn Männer, die in der Oeffentlichkeit etwas bedeuten. Wenn sich diese Männer in einem Aufruf an die Juden gewandt hätten mit dem warmen Appell, die hebräische Sprache und die hebräische Literatur nicht untergehen zu lassen — ich glaube, dieser Ruf wäre gehört worden. Jedenfalls hätte man einen greifbaren praktischen Vorschlag, für dessen Verwirklichung sich ernste Männer hätten einsetzen können. Selbst wenn man dabei vom philantro-

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